So., 17.03.2019

150 Teilnehmer bei Entwicklungskonferenz des Kreises Paderborn in Upsprunge »Das Leben ist viel mehr als materiell«

Mit dem Thema »Landlust oder Landfrust?« haben sich bei der Dorfentwicklungskonferenz des Kreises Paderborn (von links) Dr. Michael Schaloske, Professor Dr. Holger Magel, Salzkottens Bürgermeister Ulrich Berger, Edith Rehmann-Decker (Leiterin der Servicestelle Wirtschaft beim Kreis), Maria Lummer von der Bezirksregierung und Landrat Manfred Müller beschäftigt.

Mit dem Thema »Landlust oder Landfrust?« haben sich bei der Dorfentwicklungskonferenz des Kreises Paderborn (von links) Dr. Michael Schaloske, Professor Dr. Holger Magel, Salzkottens Bürgermeister Ulrich Berger, Edith Rehmann-Decker (Leiterin der Servicestelle Wirtschaft beim Kreis), Maria Lummer von der Bezirksregierung und Landrat Manfred Müller beschäftigt. Foto: Sonja Möller

Von Sonja Möller

Salzkotten (WB). Ist das Leben auf dem Dorf heute eher »Landlust oder Landfrust?« Mit diesem Thema hat sich die Dorfentwicklungskonferenz des Kreises Paderborn beschäftigt. Dazu gab es im Bürgerhaus Upsprunge einen Impulsvortrag von Professor Dr. Holger Magel, den die Süddeutsche Zeitung einst als »Dorf-Papst« beschrieben hat.

Wenn es heutzutage um Dorfentwicklung geht, fallen oft Begriffe wie Breitbandausbau oder Infrastruktur. Was Holger Magel davon hält, macht sein erster Satz deutlich: »Wenn ich den Glasfaserausbau nehme, sind wir in Bayern ein Entwicklungsland.« Die Zuschauer lachen, das Eis ist gebrochen.

Ziel ist es, sich geborgen zu fühlen

Das Dorf und seine Entwicklung liegt dem Referenten am Herzen. Das wird den 150 Teilnehmern schnell klar. Der Münchner spricht eine unterschätzte Seite an: die emotional-seelische. »Wenn man mit Politikern spricht, stehen Wachstum und Profit im Mittelpunkt. Es geht bei dem Wunsch, ländlich zu leben, aber nicht allein um ökologisches Streben. Es geht darum, sich wohl und geborgen zu fühlen«, sagt Magel, und die Zuschauer klatschen.

»Ein Elend in Deutschland«

Magel spricht den Teilnehmern aus dem Herzen. Er berichtet, dass es auf Bundesebene ein Heimatministerium gibt und drei Minister eine Kommission leiten, die Lösungen für gleichwertige Lebensbedingungen im ganzen Land schaffen soll. »Es ist aber nicht zu erwarten, dass sie sich mit emotionalen Aspekten beschäftigen. Das ist das Elend in Deutschland. Das Leben ist doch viel mehr als materiell!«

Neues Aktionsbündnis

Ein neues Aktionsbündnis soll jetzt die Lösung bringen, und der Tonfall des Referenten zeigt, was er davon hält: nichts. »Sie sind von unbeständigen Fördertöpfen abhängig. Wenn wir den Fokus nicht verschieben, sind wir weiter den Entscheidungen des Finanzministeriums ausgeliefert. Die haben nichts anderes als Zahlen im Kopf«, erläutert Magel. Wenn Investitionen in eine Region nicht die nötige Rendite versprächen, werde nicht investiert. »Es darf nicht sein, dass ganze Regionen deswegen abgehängt werden.«

Sehnsucht nach Geborgenheit

Es ist ein Genuss, Holger Magel zuzuhören. Er versteht es, wissenschaftliche Aussagen verständlich einzuordnen und weiterzudenken. Er gibt neue Impulse und stellt die Menschen, die auf den Dörfern leben, in den Mittelpunkt. So fordert der Referent, sich mit der Realität zu befassen: »Die Menschen wollen bequem auf der grünen Wiese einkaufen und gleichzeitig protestieren sie gegen die Flächenentwicklung. Sie wollen die Landwirtschaft zu ökologischeren Produkten verpflichten, aber gleichzeitig billig einkaufen.« Es nütze aber nichts, auf diese Widersprüche nur hinzuweisen, wie es Politiker täten, und dann nichts zu tun. »Politik sollte sich mehr mit der Sehnsucht der Menschen beschäftigen«, betont Magel. Landlust sei die Sehnsucht nach weniger zerstörter Landschaft, nach Geborgenheit.

»Leben ist nicht nur Ökonomie«

Magel zitiert viele Personen des öffentlichen Lebens und ordnet deren Thesen auf wunderbar humorvolle Art ein. Mehrfach lachen die Teilnehmer oder klatschen Beifall. »Die technischen und ökonomischen Daten sind nicht die einzigen, um den Fortschritt eines Dorfs zu messen, sondern wie es den Menschen geht«, zitiert der Referent zum Beispiel den Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx und bekräftigt: »Leben ist nicht nur Ökonomie.«

Räumliche Gerechtigkeit

Es gehe um Menschenwürde und Menschenrechte. »Wir müssen die Politik an räumliche Gerechtigkeit erinnern. Es darf nicht akzeptiert werden, dass einzelne Regionen hängen gelassen werden! Selbst wenn es uns gut geht, ist es nicht gut, wenn es anderen Regionen schlecht geht.« Magel betont, nur so könne man sich gegen die »unsäglichen Argumente der Ökonomen wehren.« Landrat Manfred Müller ist überzeugt: »Die große Kraft des Dorfes ist seine soziale Stärke.« Nach dem Impulsvortrag diskutierte er mit Dr. Michael Schaloske vom NRW-Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft Natur- und Verbraucherschutz und Holger Magel das Thema.

Kommentar

Warum zieht es eigentlich wieder mehr Menschen aufs Land und in die Dörfer? Diesen Trend mit verbesserter Infrastruktur, günstigem Bauland, guten digitalen Möglichkeiten und guter Verkehrsanbindung zu erklären, greift viel zu kurz.

Dörfer sind mehr als nur profitable Wohnraumansiedlungen. Die Menschen vor Ort machen die Dörfer zu dem, was sie sind. Sie haben sich für das entschleunigte Leben entschieden und gegen Hektik und Beschleunigung des Stadtalltags, die immer mehr zunehmen. Auf dem Dorf grüßt man sich, es wird miteinander gesprochen und sich geholfen. Hier verschwindet die Anonymität der Städte.

Menschen machen das Dorf zu dem, was es ist. Das sollte die Politik erkennen und mit den Menschen vor Ort Projekte entwickeln.Sonja Möller

 

 

 

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