Fr., 17.05.2019

Stefan Fricke hat mit dem Cho Oyu im Himalaya einen Achttausender bezwungen Ritterschlag auf dem Dach der Welt

Selfie auf dem Gipfel des Cho Oyu. Nach den unvorstellbaren Strapazen wurd eder Salzkottener mit freier Sicht auf den Mount Everest belohnt.

Selfie auf dem Gipfel des Cho Oyu. Nach den unvorstellbaren Strapazen wurd eder Salzkottener mit freier Sicht auf den Mount Everest belohnt.

Von Marion Neesen

Salzkotten (WB). Die Gedanken wandern »von bis«: »Von der Frage, ›Was mache ich hier eigentlich‹ bis ›Komm’ die paar Meter schaffst Du auch noch‹«, beschreibt Stefan Fricke seine Gedankenwelt während einer der höchsten Herausforderungen, die die Erde zu bieten hat. Der Salzkottener hat mit dem Cho Oyu (8201) Meter) den sechst­höchsten Berg der Welt erfolgreich bestiegen.

Es ist 3 Uhr in der Nacht. Vor eineinhalb Stunden hat Stefan Frickes Wecker geklingelt. Der 55-Jährige ist bereit. Nach 32 Tagen Warterei im Basislager geht es endlich hinauf. Vier strapaziöse Tage, in denen Fricke an seine körperlichen und mentalen Grenzen gehen wird, liegen vor ihm.

Stefan Fricke ruft sich gern die Herausforderung Cho Oyu mit Bildern auf dem Laptop in Erinnerung. Foto: Neesen

»Meine Affinität und Liebe zu den Bergen haben meine Eltern geweckt, die mit uns regelmäßig Urlaub in den Alpen gemacht haben«, sagt der Salzkottener Autohändler. So richtig infiziert vom Höhenbergsteigen war er, nachdem er erstmals mit einem Freund einen Sechstausender im Himalaya bezwungen hatte. »Alpen XXL«, so bezeichnet Fricke die höchste Gebirgskette der Erde zwischen Indien und dem tibetischen Hochland. »Das sind ganz andere Dimensionen. Einen Achttausender bezwingen, das ist der Ritterschlag im Höhenbergsteigen«, sagt er.

Vor dem Aufstieg richtet Fricke zwei Basislager ein

Das Basislager liegt auf 5700 Metern Höhe. Sherpas haben Gepäck und Proviant für bis zu sechs Wochen heraufgebracht. Rund 70 Aspiranten auf den Achttausender harren hier aus und warten auf gute Wetterbedingungen. Gleichzeitig brauchen sie die Zeit, damit der Körper sich akklimatisieren kann. Denn die Luft ist dünn. Höhenbergsteiger müssen das Doppelte des üblichen Grundumsatzes an Kalorien zu sich nehmen, weil der Körper unter diesen Bedingungen so viel verbraucht. »Es war nicht so kalt, wie ich erwartet hatte. Nachts sanken die Temperaturen auf minus zehn Grad. Dort können es aber auch minus 45 sein«, berichtet Stefan Fricke. Während der Wartezeit richtet der Salzkottener gemeinsam mit einem weiteren Einzelkämpfer aus Spanien zwei Höhenlager auf 6400 und 7200 Metern Höhe ein, in denen Material und Lebensmittel für die Tage der Besteigung deponiert werden.

Bunte Gebetsfahnen im Basislager.

Dann ist der Wetterbericht vielversprechend. »Wenn ich mir das Wetter hätte aussuchen können, genau so hätte ich es bestellt«, berichtet Fricke vom Tag des Aufbruchs, »einfach ein Bilderbuchwetter.« Kein Wind, kein Schnee, kein Nebel. Es kann losgehen.

Fricke ist allein unterwegs, sieht nur hin und wieder die Stirnlampen einer Gruppe, die etwa eine Stunde vor ihm gestartet ist. »Schon der erste Schritt ist eine Herausforderung. Man muss langsam und sein eigenes Tempo gehen. Braucht zehn Atemzüge für einen Schritt. Schwitzen ist verboten. Denn Schwitzen bedeutet Nässe. Und nach der Nässe kommt die Kälte«, weiß der Salzkottener. Etwa 14 Kilo Gepäck hat er auf dem Rücken. Darunter eine Sauerstoffflasche – seine Lebensversicherung. »Das war der Deal mit der Familie«, so Fricke, »die Todesrate auf dem Cho Oyu liegt bei fünf Prozent.«

Kondition bolzen und Höhenmeter machen

Nicht nur Vernunft, sondern auch eine gute Vorbereitung waren Voraussetzungen für einen Trip auf die höchsten Berge der Welt. Unter anderem ist der 55-Jährige einmal in der Woche um 4.30 Uhr aufgestanden und mit einem 17-Kilo-Sandsack auf dem Rücken zum zweiten Standort des Autohauses Fricke nach Lippstadt marschiert. »Man muss Kondition bolzen und Höhenmeter machen. Denn beim Höhenbergsteigen gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden.«

Für manche ist der Ettelsberg im Sauerland die Feierstätte schlechthin. Für Stefan Fricke war er ideales Trainingsterrain, um ihn mit vollem Gepäck hinauf zu joggen. Allgemein gute Fitness, 15 Stunden Sport in der Woche, zuletzt ein 14-tägiges Trainingslager in der Schweiz haben den Grundstein für die Mission Achttausender gelegt.

Der erste Tag ist von der Hoffnung geprägt, dass das Höhenlager noch da und nicht weggeweht oder verschneit ist. Dann wäre die Mission nicht nur beendet, sondern der Bergsteiger hätte ohne Proviant, Zelt und Schlafsack auch ein Problem. Doch Fricke findet es vor, wie er es eingerichtet hat. Jetzt heißt es erst einmal, sauberen Schnee für heißes Wasser zu finden. Ab 7600 Metern Höhe nutzt Fricke den Sauerstoff. Die Luft hat nur 40 Prozent des normalen Sauerstoffgehalts. »Es ist dunkel, es ist kalt, man hat keine Kraft mehr, und oben wartet auch nicht der Jackpot. Es gibt Phasen, da brennt man und Phasen, da möchte man liebsten nach Hause fahren«, erinnert sich Stefan Fricke. Sensationelle Ausblicke und Landschaften sowie fantastische Sonnenaufgänge sind der Lohn. »Aber sie können dennoch nicht ganz für die körperlichen Strapazen entschädigen.«

Panoramablick ist Lohn für die Plackerei

Dann ist der Gipfel erreicht, am vierten Tag um 11 Uhr morgens. »Das Gefühl, es geschafft zu haben, ist unbeschreiblich«, erinnert sich Fricke an das höchste der Gefühle. Viel Zeit bleibt ihm auf dem Gipfel nicht, dennoch legt er Sauerstoff und Gepäck für diesen einmaligen Augenblick ab. Genießt die Aussicht, macht Fotos. »Der Panoramablick auf den Mount Everest ist eine der Hauptbelohnungen für die ganze Plackerei«, sagt Fricke.

In dieser Saison ist der Salzkottener der letzte Bergsteiger auf dem höchsten Punkt des Cho Oyu. Eine halbe Stunde gönnt er sich. Dann geht es zügig hinunter, wobei er die beiden Höhenlager wieder einsammelt. Ob es sein erster und letzter Achttausender sein wird, lässt Fricke offen. »Die Mission Achttausender ist für mich erst einmal erledigt. Aber wenn ich noch einmal gefragt werde….«

Und was bleibt von der höchsten Herausforderung der Erde und für den Bergsteiger persönlich? »Man wird wieder ein bisschen geerdet. Wenn man weiß, dass auch mal eine Tasse heißes Wasser glücklich machen kann, verändert sich der Blick auf die Dinge.« Nach fünf Wochen in Nepal, sei er zwar ganz schnell wieder im Alltag angekommen, doch manchmal holt sich Stefan Fricke mit dem Bildschirmschoner auf dem Laptop die Momente dieses ganz besonderen Abenteuers wieder zurück.

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