Leitende Mitarbeiter lassen sich im Reitstall des RV St. Georg Salzkotten weiterbilden
Mit Pferden Führungsstil verbessern

Salzkotten (WB). Ein Seminar für Führungskräfte im Reitstall – Als die Teilnehmer die Einladung bekamen, haben sie die Idee erst mal belächelt: »Was soll ein Pferd mir denn beibringen?« Diese Frage ploppte bei jedem auf. Nach zwei Tagen auf der Anlage des RV St. Georg Salzkotten steht für alle fest: eine ganze Menge.

Samstag, 01.06.2019, 12:00 Uhr
Ein Pferd reagiert auf kleine Veränderungen in der Körpersprache. Die Coaches Ulla Pierzyna (links) und Daniela Kaminski erläutern Michael Löchte, was er machen muss. Foto: Sonja Möller
Ein Pferd reagiert auf kleine Veränderungen in der Körpersprache. Die Coaches Ulla Pierzyna (links) und Daniela Kaminski erläutern Michael Löchte, was er machen muss. Foto: Sonja Möller

Michael Löchte ist Teamleiter bei der Paderborner Firma Jolmes, zuständig für Glas- und Fassadenreinigung und Leiter des Fuhrparks. »In meinem Job läuft 90 Prozent über Kommunikation. Ich stehe normal immer unter Volldampf«, sagt er über sich selbst. Seine einzige direkte Erfahrung mit einem Pferd liegt 20 Jahre zurück: »Damals bin ich kopfüber aus dem Sattel gefallen. Damit war das Thema für mich erledigt.« Auch sein Kollege Behar Ebeling-Musku stand dem Seminar »Führen – aber wie« mit den Coaches Daniela Kaminski und Ulla Pierzyna skeptisch gegenüber. »Ich hatte anfangs großen Respekt vor Pferden und Angst, die rennen mich um«, gibt der Teamleiter Sonderreinigung und Garten- und Landschaftsbau zu.

Wie reagiert das Pferd, wenn ihm die Menschen den Rücken zukehren?

Wie reagiert das Pferd, wenn ihm die Menschen den Rücken zukehren? Foto: Sonja Möller

Seine Bedenken lösten sich ruckzuck auf. Bereits die erste Übung brachte den Aha-Moment. »Wir sollten uns auf einer Weide Pferden nähern, die dort grasten. Ich war gespannt, wie das Pferd auf mich reagiert, ob es mich vielleicht umrennt«, erzählt der 29-Jährige: »Meine Anspannung hat das Tier gemerkt. Ich bin dann stehen geblieben, habe mich bewusst entspannt und den Kopf gesenkt.« Genau so, wie er es zuvor von den Coaches gelernt hatte. Die veränderte Körpersprache führte zum Erfolg: Das Pferd ging von selbst auf Ebeling-Musku zu und ließ sich streicheln. »Das war eine ganz neue Erfahrung«, erzählt er strahlend.

Daniel Hesse leitet seit sechs Monaten die Salzkottener Filiale der Volksbank Brilon/Büren/Salzkotten. Mit Pferden hatte der 25-Jährige bis jetzt nichts am Hut. »Als die Aufgabe kam, das Pferd durch die Halle zu führen – nur mit der Stimme und der Körperhaltung, habe ich mich schon gefragt, wie das gehen soll«, erzählt er. Super, wie er feststellte. Denn obwohl das neue Schulpferd Remeny aufgeregt durch die Halle galoppierte und schon mal in die Luft ausschlug, blieb der 29-Jährige ruhig: »In dem Moment war ich voll in der Situation und fokussiert. Ich habe das nicht als gefährlich eingestuft, sondern mir die Fragen gestellt: Was möchte ich erreichen und wie mache ich das.«

Zahlreiche Aha-Momente

Nur mit seiner Körpersprache beruhigte er die Stute. »Ich habe mich zurückgenommen und dem Pferd Freiraum gegeben«, erzählt er. Mit Erfolg! Nach Abschluss der Übung kam Remeny zu ihm und ließ sich streicheln.

Auch Michael Löchte ist begeistert: »Als wir auf einer Wiese Kontakt zu einem Pferd aufnehmen sollten, war in mir sofort das Gefühl, das Pferd soll zu mir kommen. Aber so etwas kann man nicht einfordern. Ich musste erst ruhiger werden, dann kam es und hat mich sogar angestupst. Das war ein toller Moment«, erzählt Löchte.

Es ist der erste von vielen Aha-Momenten. Auch Michael Löchte hat sein Schulpferd nur mit seiner Körpersprache durch die Halle bewegt. Dabei brauchte er viel Fingerspitzengefühl, denn Raila fand es oft viel interessanter, in einer Ecke zu stehen und über die Bande zu schauen. Manchmal drehte sie sich auch einfach um und galoppierte in die andere Richtung davon. »Ein Pferd braucht Freiraum. Man muss parallel zum Hinterhuf stehen. Da geht es um Millimeter. Wenn ich zu weit vorne stehe, geht es nicht weiter«, hat der Bad Lippspringer gelernt: »Das war ein erhabenes Gefühl, zu sehen, wie wenig man braucht, um etwas zu erreichen!«

Wer zum Beispiel immer unter Strom steht, bekommt von uns ein nervöses Tier, dass er beruhigen soll.

Daniela Kaminski

Genau das ist die Intention von Daniela Kaminski und Ulla Pierzyna: »Wir sagen nicht, wie man führt. Wir geben nur das Setting, den Rahmen, vor«, erläutert Daniela Kaminski, Coach und Inhaberin von Equi-Valent. Jeder Teilnehmer bringe sein eigenes Thema mit, das ihn beschäftigt.

Kaminski: »Wer zum Beispiel immer unter Strom steht, bekommt von uns ein nervöses Tier, dass er beruhigen soll. Wer in die Aktivität kommen soll, bekommt ein ruhiges Pferd, dass er aktivieren muss.« So habe jeder die Möglichkeit, sich individuell weiterzuentwickeln.

Das zweitägige Seminar beim RV St. Georg war eine Premiere, die vollauf geglückt ist. Die Teilnehmer nehmen viele Erkenntnisse für ihr Berufsleben mit. »Man muss die Zügel als Vorgesetzter nicht immer anziehen, sondern auch mal nachgeben und den Mitarbeitern Freiraum geben, selbstständig zu arbeiten«, hat Behar Ebeling-Musku erkannt: »Die meisten in meiner Truppe sind älter als ich. Ich habe versucht, streng zu sein, aber das muss ich gar nicht. Sie können die Probleme eigenständig lösen.«

Vertrauen schaffen und Druck rausnehmen

Sein Kollege Michael Löchte ist vor allem überwältigt von der Ruhe, die Pferde ausstrahlen: »Innerhalb einer Stunde bin ich komplett runtergefahren. Diese Ruhe strahle ich jetzt auch bei meinen Mitarbeitern aus. Es ist ein erhabenes Gefühl, wie wenig man braucht, um etwas zu erreichen.« Vertrauen schaffen und Druck rausnehmen: »Durch Freiraum bewirkt man viel mehr.«

Die Coaches wollen die Teilnehmer animieren, genau hinzugucken: Es gehe darum zu erkennen, was das Tier in einer bestimmten Situation braucht. »Die Lösung liegt nämlich oft ganz woanders«, sagt Daniela Kaminski. Wie im Berufsalltag auch: Jeder Mitarbeiter brauche etwas anderes von seinen Vorgesetzten, um seine Aufgaben zu erfüllen. »Auch bei den Pferden geht es um Wahrnehmung. Die Teilnehmer sollen erkennen, was ihr Team braucht, aber auch, was sie selbst brauchen, um gut führen zu können«, erläutert Ulla Pierzyna.

Daniel Hesse kann vieles für sich umsetzen: »Es ist interessant, wie gut man über Körpersprache etwas erreicht. Kommunikation findet nicht nur mit Worten statt. Und manchmal ist es auch richtig, die Zügel lockerer zu lassen, anstatt sie anzuziehen. Wenn jemand impulsiv ist, kann ich nicht mit viel Energie agieren, sondern muss diese rausnehmen.«

Reitverein initiiert Seminar mit Schulpferden

Die Idee, ein Seminar für Führungskräfte beim RV St. Georg Salzkotten anzubieten, hatte Pferdewirtschaftsmeisterin und Reitlehrerin Andrea Heidenreich. Dafür gewann sie die Coaches Ulla Pierzyna und Daniela Kaminski, die überzeugt sind, dass Pferde Verhaltensmuster zum Vorschein bringen, die Menschen selbst gar nicht kennen. »Sie lassen sich nichts vorspielen. Als Fluchttiere sind sie Meister der Beobachtung und bieten Menschen einen grandiosen Spiegel, weil sie Ebenen erkennen, die wir gar nicht wahrnehmen«, erläutert Pierzyna. Für das Seminar hat der Reitverein seine Schulpferde Raila, Peppi, Erada und Remeny sowie die Ponys Mirka und Jane zur Verfügung gestellt. »Jedes Pferd hat seinen eigenen Charakter, den wir den individuellen Themen der Teilnehmer zuordnen«, erzählt Kaminski.

Weitere Informationen zum Führungsseminar im Internet (www.equi-valent.de)

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