Sa., 25.01.2020

Im Kreis Paderborn nimmt die Zahl der Hühnermobile zu Wo sich das Huhn sauwohl fühlt

Seit Dezember hat der Erdbeerhof von Karl-Josef Tölle neue Mitbewohner. 350 Hühner haben am Hühnermobil freien Auslauf. Der Salzkottener setzt wie bereits einige weitere Anbieter im Kreis Paderborn auf Regionalität und artgerechte Haltung.

Seit Dezember hat der Erdbeerhof von Karl-Josef Tölle neue Mitbewohner. 350 Hühner haben am Hühnermobil freien Auslauf. Der Salzkottener setzt wie bereits einige weitere Anbieter im Kreis Paderborn auf Regionalität und artgerechte Haltung. Foto: Jörn Hannemann

Von Marion Neesen

Salzkotten  (WB). Da lachen ja die Hühner – diesen Eindruck kann tatsächlich gewinnen, wer sich dem mobilen Hühnerstall von Karl-Josef Tölle nähert. Der Salzkottener Erdbeerbauer ist aufs Huhn gekommen. Und nicht nur sein Hühnermobil nimmt im Kreis Paderborn seit einiger Zeit so richtig Fahrt auf. Inzwischen gibt es fünf davon, die beim Kreisveterinäramt gemeldet sind.

Wenn Karl-Josef Tölle sich dem elf Meter langen Gefährt nähert, das an einen Bauwagen erinnert, laufen 349 Hühner schon fröhlich gackernd auf ihn zu. „Hühner sind anhänglich und neugierig. Manchmal fliegen sie mir sogar auf die Schulter“, hat Tölle inzwischen über seine neuen gefiederten Freunde gelernt. Und das wichtigste: Sie legen jeden Tag ein Ei, oder statistisch genauer: 0,9 Eier pro Tag.

Seit Dezember steht das Hühnermobil auf einer Wiese an der Straße Weltsöden. Dem Landwirt, der ein Stück zu den Wurzeln seines Berufs, der Tierhaltung, zurückkehrt, ist die Freude anzusehen. „Früher hatten wir einen ganzen Zoo mit Schweinen und Rindern“, so Tölle, dessen Hof schon seit sieben Jahren kein Schwein mehr gesehen hat. Und doch sind Hühner etwas ganz anderes – natürlich auch etwas anderes als Erdbeeren.

Sohn Vincent (16) gab den Ausschlag

Sohn Vincent (16) gab den Ausschlag, noch einmal eine neue Herausforderung anzunehmen. „Vincent ist Feuer und Flamme für den Beruf des Landwirtes und beginnt im August eine Lehre. Doch wenn er den Hof später übernimmt, wollen wir breit aufgestellt sein“, sagt sein 53-jähriger Vater. Gleichzeitig reagieren Tölle und seine Kollegen auf Zeitgeist und Verbraucherwünsche. „Die Kunden wollen wissen, woher ihr Ei kommt und wo es produziert wurde“, weiß Tölle. Nachhaltigkeit, Regionalität und tierartgerechte Haltung seien gefragt. Bei Betreibern mobiler Hühnerställe ist die Frage nach der Herkunft schnell beantwortet. Denn meist stehen die Verkaufshäuschen in Sichtweite der Ställe. Transportkosten fallen da nicht an.

„Es hat sich ja schon viel geändert in der Landwirtschaft. So legen wir etwa jede Menge Blühstreifen an. Aber wir müssen vor allem auch transparenter werden“, sagt der Salzkottener über seinen Berufsstand.

Eierhandel ist Neuland

Der Eierhandel ist für Karl-Josef Tölle Neuland, doch die Funktionsweise des Hühnermobils begeistert ihn. „Morgens, wenn die Sonne aufgeht, scharren die Hühner schon ganz ungeduldig mit ihren Krallen und wollen raus“, so Tölle. Auch Claudia und Karl-Josef Tölle sind anfangs mit den Hühnern aufgestanden, weil sie sehen wollten, ob sich die Hühner wohl fühlen. Das Öffnen und Schließen des Hühnermobils wird automatisch gesteuert. Den ganzen Tag über picken die Tiere dann im Freien. Sie fressen Gras und bekommen zusätzlich eine Schrotmischung. Meist halten sich die Tiere rund um ihr fahrendes Hotel auf. Ist die Sonne untergegangen, tippeln sie über die gesamte einen Hektar große Wiese. Aber nur, bis das Licht im Hühnermobil angeht. Dann heißt es Abmarsch, zurück auf die Stange. Auf drei Etagen wohnt das Federvieh. Es gibt einen Sitz- und einen Übernachtungsbereich. Eine Ebene ist den Nestern vorbehalten, in die die Hühner meist zwischen 7 und 11 Uhr ihr Ei legen. Über ein Transportband werden diese sanft in den vorderen Bereich des Mobils geleitet, wo Karl-Josef Tölle oder seine Frau Claudia innerhalb einer Viertelstunde die täglich 320 Eier einsammeln.

„Das ist wirklich entspannt, ganz anders als die Erdbeerernte. Denn Eier sind 28 Tage lang haltbar. Erdbeeren müssen dagegen innerhalb von zwei Tagen beim Kunden sein. Das ist Stress pur“, genießt Tölle seinen neuen Nebenjob. Da bleibt auch noch Zeit, das ein oder andere Huhn zu streicheln. „Die fühlen sich sauwohl hier“, sagt der Landwirt mit Blick auf den guten Zustand der Tiere. „Erdbeeren wird es aber natürlich weiterhin geben“, gibt er der kompletten Umstellung einen Korb. Der Verkaufsstand wird als Selbstbedienungsladen geführt. Dort gibt es neben Eiern auch Nudeln und Kartoffeln. Der Kunde nimmt sich, was er braucht und wirft das Geld in eine Kasse. Alles Vertrauenssache. „Das funktioniert gut, nur ganz selten wird mal etwas ohne Bezahlung mitgenommen“, setzt Claudia Tölle auf Ehrlichkeit. Den Eierlikör, den die Tölles ebenfalls im Angebot haben, gibt es aber nicht im Verkaufsstand.

Fünf Hühnermobile sind beim Kreisveterinäramt registriert

Das Hühnermobil wird jede Woche ein Stückchen weiter geschoben, damit das Umfeld nicht zu sehr vermatscht und verkotet. In der Anschaffung sei es nicht ganz billig. Mit Kosten in Höhe von 150 Euro pro Hühnerplatz müsse man rechnen, so Tölle. Daher haben auch die Eier mit 39 Cent ihren Preis. Im Kreis Paderborn sind inzwischen fünf Hühnermobile beim Kreisveterinäramt registriert. „Wir haben jetzt angefangen, eine Liste zu führen“, sagt Kreissprecherin Michaela Pitz über das gefragte Angebot. Eine Baugenehmigung sei für den mobilen Hühnerstall nicht erforderlich, solange darin nicht mehr als 800 Hühner gehalten werden und der Standort alle vier Wochen gewechselt wird.

Karl-Josef Tölles landwirtschaftlicher Betrieb hat sich im Laufe der Zeit oft geändert. Von der Viehhaltung über das Geschäft mit den Erdbeeren bis nun hin zu der Hühnerhaltung. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt Tölle. Und die geht in diesem Fall auch mal einen kleinen Schritt zurück. Denn freilaufende Hühner gab es früher wohl auf jedem Hof.

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