Cafés und Kneipen öffnen wieder – Neustart in Salzkotten mit gemischten Gefühlen
„Lernen, mit Abstand normal zu leben“

Salzkotten (WB). Fast acht Wochen blieben die Zapfhähne hochgeklappt. Kein Tropfen Bier wurde ausgeschenkt. Am Montag endlich hatte die Durststrecke nicht nur für eingefleischte Kneipengänger, sondern auch für Despina und Jannis Giochalas vom Gasthaus Zur Linde in Salzkotten ein Ende. Ein Neustart mit gemischten Gefühlen.

Montag, 11.05.2020, 22:43 Uhr aktualisiert: 12.05.2020, 07:10 Uhr
Birgit Laufs, Geschäftsführerin der Bäckerei Lange, ist froh, die Cafés in den Filialen wieder öffnen zu können. „Wir brauchen die sozialen Kontakte, aber wir müssen uns auch sicher fühlen können“, sagt sie zu den Hygienevorschriften und Abstandsregeln. Foto: Oliver Schwabe
Birgit Laufs, Geschäftsführerin der Bäckerei Lange, ist froh, die Cafés in den Filialen wieder öffnen zu können. „Wir brauchen die sozialen Kontakte, aber wir müssen uns auch sicher fühlen können“, sagt sie zu den Hygienevorschriften und Abstandsregeln. Foto: Oliver Schwabe

Despina Giochalas hat am Montagmorgen noch viel Arbeit, bevor am Nachmittag die Kneipentür endlich wieder öffnet. Dennoch freut sich die Gastwirtin „wie verrückt“: „Natürlich sind wir erleichtert, dass es jetzt wieder los geht. Viele unserer Gäste haben schon lange darauf gewartet, denn manche kamen jeden Tag. Das ist bei uns wie in einer kleinen Familie.“ Die Stammgäste waren es auch, die dem Gastwirte-Ehepaar während der Zeit der aufgrund der Corona-Pandemie geschlossenen Türen Mut gemacht und Kraft gegeben haben. Kleine Aufmerksamkeiten im Briefkasten und Angebote zur Unterstützung haben die Wirtin besonders berührt.

Gäste müssen sich in Listen eintragen, damit bei Bedarf Infektionsketten nachvollziehbar sind.

Gäste müssen sich in Listen eintragen, damit bei Bedarf Infektionsketten nachvollziehbar sind.

Dennoch hat Despina auch große Bedenken. „Obwohl wegen des Sicherheitsabstandes nur eine begrenzte Zahl an Gästen kommen darf, bleiben die Kosten doch die gleichen. Vielleicht haben die Menschen aber auch Angst, in Gaststätten zu gehen und auch selbst weniger Geld zur Verfügung“, fürchtet sie.

Den gleichen Tenor schlägt Regine Tönsing, Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) Ostwestfalen, an. „Dieses Öffnen der Betriebe heißt ganz bestimmt nicht, dass die Gastronomie gerettet ist. Im Gegenteil ist es auch ein gefährlicher wirtschaftlicher Schritt. Denn einem Vermieter ist es egal, wie viele Gäste bewirtet werden können, er will nicht nur 50, sondern 100 Prozent seiner Miete; ebenso Versicherungen oder Stromanbieter – alles muss voll bezahlt werden“, sagt Tönsing. Gleichzeitig könnten die verlorenen acht Wochen nicht aufgeholt werden. „Das Thema wird uns noch lange, lange Zeit beschäftigen“, fordert Tönsing weitere Rettungsschirme insbesondere für Clubs und Diskotheken, die ja noch nicht wieder öffnen dürfen.

Hinsichtlich der Vorschriften und Hygieneregeln hat Tönsing in den vergangenen Tagen gefühlte eine Million Fragen beantwortet. Die Genehmigung sei jetzt doch sehr kurzfristig erteilt worden. „In dieser Kürze der Zeit war für viele Gastronomen die Beschaffung der Ware gar nicht möglich“, so Tönsing. Ebenso habe jeder Betrieb seine eigenen Strukturen, die Umsetzung der Verordnung sei allein aufgrund der räumlichen Gegebenheiten oft kompliziert. Wie sollen etwa Sicherheitsabstände im Toilettenbereich gewährleistet werden, wenn dieser in einem kleinen engen Gang liege? Doch die Gastronomen seien hier auch kreativ. Manche stellten in engen Bereichen Schilder mit einem drehbaren Pfeil auf, der nach oben zeigt, wenn der Weg frei ist.

Neben Kneipen haben am Montag auch Cafés wieder ihre Türen geöffnet. Die Bäckerei Lange betreibt im Kreis Paderborn 45 Filialen. Geschäftsführerin Birgit Laufs war am Montag in vielen vor Ort. Schritt für Schritt wurden die Abläufe durchgegangen. „Wir haben schon im Vorfeld umgestellt und massiv ausgedünnt. Nur jeweils etwa die Hälfte der Plätze steht in den Filialen zur Verfügung“, erklärt Birgit Laufs, wie die Hygienevorschriften umgesetzt werden. „Die Kunden kommen mit einer Schutzmaske in die Filiale. Dort steht Desinfektionsmittel bereit, Mitarbeiter weisen den Gästen dann einen Tisch zu“, so Laufs weiter zum Prozedere eines Cafébesuchs bei Lange. Am Tisch dürfen die Kunden ihre Maske ablegen – am besten in die Tasche damit und nicht auf den Tisch. An ihren Platz müssen sich die Besucher in eine Gästeliste eintragen. Diese werde abgeheftet und nach vier Wochen vernichtet. Sie diene im Bedarfsfall der Ermittlung von Infektionsketten.

Nachdem die Kunden ihre Bestellung aufgegeben und erhalten haben, können sie so lange bleiben, wie sie möchten. Anschließend desinfizieren Mitarbeiter den Platz für neue Kunden. „Ich finde es richtig und gut trotz der Reglementierungen jetzt wieder zu öffnen, weil wir ja lernen müssen, mit dem Thema umzugehen und es jetzt einüben können. Im Supermarkt haben wir uns auch daran gewöhnt, an einer Linie zu warten. Wir müssen lernen, uns mit Abstand normal zu verhalten. Denn wir brauchen die sozialen Kontakte, aber wir müssen uns sicher fühlen können“, so Laufs. Sie habe am Montag mit einigen Kunden gesprochen, die froh seien, aus der Isolation wieder herauszukommen. Birgit Laufs spricht der Regierung ein Lob aus. Alle seit dem 17. März geltenden Regeln seien vernünftig gewesen, auch wenn das in ihrer Branche Umsatzverluste von 25 bis 30 Prozent ausgemacht habe. Mit Bedacht werde der richtige Weg zurück gewählt.

Den großen Ansturm haben Des­pina und Jannis Giochalas am Montag nicht erwartet. Aber es ist ein Neustart. Und wenn sie in der Zeit der Krise überhaupt eine gute Erfahrung machen konnten, dann die, dass ihre Gäste zu ihnen gestanden haben.

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