Pfarrer Beisler im Interview: Gottes kreativer Geist mehr gefragt denn je
Kirche zwischen Würde und Hygiene

Salzkotten (WB). Seit dem zweiten Maiwochenende werden im Pastoralverbund Salzkotten wieder Gottesdienste gefeiert. Doch fast nichts ist, wie es vor Corona war. Über Messfeiern ohne gemeinsamen Gesang, Beten mit Mundschutz und Kirche in der Zukunft sprach die Redakteurin Marion Neesen mit dem Leiter des Pastoralverbundes Pfarrer Martin Beisler.

Sonntag, 31.05.2020, 08:00 Uhr
Pfarrer Martin Beisler ist Leiter des Pastoralverbundes Salzkotten. In sechs von elf Gemeindes des Pastoralverbundes können nach dem durch Corona bedingten Verbot wieder Messen gefeiert werden – allerdings unter gewöhnungsbedürftigen Umständen. Foto: Oliver Schwabe
Pfarrer Martin Beisler ist Leiter des Pastoralverbundes Salzkotten. In sechs von elf Gemeindes des Pastoralverbundes können nach dem durch Corona bedingten Verbot wieder Messen gefeiert werden – allerdings unter gewöhnungsbedürftigen Umständen. Foto: Oliver Schwabe

Pfarrer Beisler, seit einigen Wochen sind Messfeiern in den Kirchen wieder erlaubt. Wie ist die Atmosphäre in den Kirchen?

Pfarrer Martin Beisler: Wie überall da, wo mehrere Menschen zusammenkommen, ist es auch in den Kirchen anders als gewohnt. Es sind Laufwege und Sitzplätze markiert, so dass der Abstand von mindestens 1,50 Metern eingehalten wird. Flatterband und Aufkleber – das ist in der Kirche fremd. Die Gottesdienste sind eigenartig. Wir dürfen nicht gemeinsam singen, weil durch das beim Singen tiefere Atmen die Aerosole weiter verbreitet werden. Viele Menschen tragen ihren Nasen-Mund-Schutz – das ist sehr sinnvoll, beeinträchtigt aber das gemeinsame Beten. Es gibt genaue Hygieneregeln. Bildlich ausgedrückt: Neben dem Kelch und der Hostienschale steht der Spender mit dem Handdesinfektionsmittel.

 

Ist es überhaupt sinnvoll, unter den gegebenen Umständen und aufgrund des Ansteckungsrisikos Gottesdienste zu feiern? Oder gewinnen der Glaube und das Festhalten an etwas Konstantem gerade in dieser schwierigen Zeit an Bedeutung?

Beisler: Das ist eine gute Frage. Die sehr unterschiedlich beantwortet wird. Bischöfe, Theologen, die Seelsorger vor Ort – keiner davon hat wohl die wirklich richtige Antwort. Wir versuchen bei uns im Pastoralverbund Salzkotten, die vom Land Nordrhein-Westfalen und dem Erzbistum Paderborn erstellten Vorschriften gut umzusetzen. Die Kirchenvorstände als letztlich Verantwortliche geben sich viel Mühe, um die nötige Balance zwischen Würde des Gottesdienstes und Hygiene und Sicherheit zu schaffen. Für viele Menschen ist in einer Krisenzeit wie dieser einerseits der christliche Glaube und andererseits der gewohnte Ablauf eines Gottesdienstes (und dass man da hingehen kann) sicher etwas, das Halt gibt.

Wieviele Besucher nehmen das Angebot überhaupt wahr und wer kommt zur Messe? Müssen Sie aufgrund der begrenzten Anzahl an Plätzen Leute abweisen?

In den Gemeinden des Pastoralverbundes, in denen jetzt wieder Gottesdienste gefeiert werden (zurzeit sind das sechs von elf), ist das unterschiedlich. Generell kann ich wohl sagen, dass meist nicht alle markierten Plätze besetzt sind. Die zunächst erwarteten großen Mengen an Mitfeiernden sind meist nicht da. Durch die verbindliche Anmeldung im Gemeinsamen Pfarrbüro kommt es nur selten dazu, dass Menschen direkt an der Kirchentür abgewiesen werden müssen. Bei der telefonischen Anmeldung kann jemand sofort erfahren, dass kein Platz mehr ist und kann auf andere Kirchen hingewiesen werden. Das funktioniert gut. Die Anmeldung wird aber auch für manche ein Hindernis sein, das sie scheuen. In den meisten unserer Gottesdienste sind zurzeit vor allem ältere Menschen zu finden. Das war aber vor der Pandemie auch nicht grundlegend anders.

Wobei wir ausdrücklich und immer wieder darauf hinweisen, dass ältere oder gesundheitlich nicht stabile Menschen besser zu Hause bleiben und Fernseh- oder Rundfunkgottesdienste mitfeiern sollen.

„Für viele Menschen ist in einer Krisenzeit wie dieser einerseits der christliche Glaube und andererseits der gewohnte Ablauf eines Gottesdienstes (und dass man da hingehen kann) sicher etwas, das Halt gibt.“

Pfarrer Martin Beisler

Befürchten Sie einen weiteren Rückgang der Zahl der Kirchenbesucher, vielleicht sogar vermehrte Kirchenaustritte?

Beisler : Wir beobachten das natürlich. Dass der Kirchenbesuch insgesamt noch weiter zurück geht, vermute ich. Die Entwicklungen, die es ohnehin seit Jahren und Jahrzehnten gibt, werden vielleicht jetzt noch stärker oder schneller. Vermehrte Kirchenaustritte nehmen wir im Vergleich zur Zeit vor Corona nicht wahr.

Eine Messe ohne gemeinsames Singen – fehlt Ihnen und den Gläubigen da nicht etwas?

Beisler: Oh ja! Gemeinsames Singen von Kirchenliedern, alten und neuen, ist ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Gottesdienste. Insbesondere in unserem Kulturraum nördlich des Mains hat das Singen von Liedern eine lange Tradition im katholischen Gottesdienst. Das fehlt uns sehr! Wir vermissen die Gemeinschaft, die da entsteht, und das Feierliche. Wir helfen uns, indem wir Liedtexte gemeinsam sprechen, manchmal untermalt von der Orgel. Wir freuen uns über Organisten und Organistinnen, die mit ihrem solistischen Orgelspiel die Gemeinde erfreuen und über Menschen, die mit Sologesang oder Soloinstrumenten etwas beitragen.

Müssen sich die Menschen von althergebrachten Traditionen und den vertrauten Ritualen womöglich für lange Zeit oder gar ganz verabschieden?

Beisler: Wer weiß das… Ich vermute, dass uns manche Vorsichtsmaßnahmen noch sehr lange begleiten werden. Die Abstandsregeln etwa. Welchen Einfluss das auf unser Gemeindeleben, auf Gottesdienste auf Dauer hat – ich kann oder will es mir nicht ausmalen. Es ist heute ganz schwer, etwas über unsere Situation in Kirche und Gesellschaft im Herbst oder im Winter oder im nächsten Frühjahr zu sagen. Das macht vieles in der Arbeit unserer Vereine und auch der Seelsorger schwer.

Am Wochenende ist Pfingsten. Ostern ist bereits mehr oder weniger „ausgefallen“. Welche Erwartungen haben Sie und die Gläubigen jetzt?

Beisler: Zum Glück fallen die Feste nicht aus!!! Sie finden statt. Nur anders, ganz anders als wir es gewohnt waren. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ostern, das Fest des neuen Lebens, der Auferstehung, hat gerade in dieser Zeit etwas sehr Ermutigendes für mich. Pfingsten markiert am Ende der Osterzeit den Aufbruch der damals ganz jungen Kirche. Aufbruch, neue Wege, neue Ideen, das brauchen wir heute mehr denn je. Sowieso braucht die Kirche Gottes kreativen Geist und heute erst recht.

Und danach? Wie soll das Kirchenjahr überhaupt weitergehen? Gibt es Pläne, wie die Kommunionkinder ihren großen Tag feiern können?

Beisler: Wir wissen noch nicht, wie wir die noch ausstehende Feier der Erstkommunion und der Firmung dieses Jahres halten werden. Und nicht, wie wir die Jahrgänge des nächsten Jahres vorbereiten werden. Im Pastoralteam haben die Gemeindereferentinnen und Priester, die für die beiden Bereiche zuständig sind, sich zusammengesetzt und entwickeln Ideen. Dabei ist es hilfreich, aus anderen Gemeinden Ideen und Erfahrungen zu hören. Allen muss allerdings inzwischen klar sein, dass es leider keine Feier im früher gewohnten Stil sein kann. Das lassen die geltenden Auflagen und die Sorge um die Gesundheit nicht zu. Ich muss zugeben: Ich bin auch gespannt, wie wir es machen werden und wie es dann wird.

Dürfen sich die Gläubigen zumindest wieder auf Weihnachten freuen?

Beisler: Natürlich! Weihnachten ist ein wunderbares Fest! Wie wir es in diesem Jahr feiern, ist eine ganz andere Sache. Wenn mir Leute sagen, dass es wohl keine Weihnachtsmärkte geben wird, kann ich mir nur denken: Wir werden auch Weihnachten in den Kirchen anders feiern. Ob das schlechter ist, wird sich zeigen.

Was können Sie den Kirchgängern mit auf den Weg geben?

Beisler: Den Kirchgängern und denen, die überlegen, ob sie zur Kirche gehen, kann ich nur raten, gut auf ihre Gesundheit und Lebenssituation zu schauen und gegebenenfalls zu Hause zu bleiben. Denen, die guten Gewissens zur Kirche kommen, sage ich: Schön, dass Sie da sind! Feiern Sie unter den gegebenen Umständen mit. Und allen kann ich nur sagen: Gerade in dieser außerordentlichen Zeit spüre ich, dass ich Gott in vielfältiger Weise überall finden und ihn an vielen Orten loben und preisen kann.

Wie ist Ihr ganz persönlicher Blick in die Zukunft? Und was hat sich für Sie wesentlich geändert?

Beisler: Mein Lebens- und Arbeitsalltag hat sich verändert. Ich bin wenig im gemeinsamen Pfarrbüro, sondern habe mein Arbeitszimmer im Pfarrhaus als Homeoffice schätzen gelernt. Ich habe mich gut an Videokonferenzen gewöhnt, wo es nötig war. Mir fällt auf und ich bin froh um diese Erkenntnis: All’ die ausgefallenen und noch ausfallenden Sitzungen und Treffen wurden nicht wirklich vermisst und haben auch noch nicht zum Zusammenbruch der Gemeinden geführt. Da werden wir in Zukunft sehen, was wirklich nötig ist. Ich merke, dass ich häufiger bei Spaziergängen oder beim Einkaufen stehen bleibe und einen Augenblick mit den Menschen rede. Das ist wohl wichtiger geworden.

Und mir wird deutlich, wie sehr ich Freunde, Familie und Kollegen brauche. Denn den unkomplizierten Kontakt mit Menschen vermisse ich sehr.

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