Kurzgutachten nach einem Jahr: Weniger mähen gibt Kräutern eine Chance
Am Wegesrand sprießt wieder Leben

Salzkotten (WB). „Ist alles so schön bunt hier“, sang Ende der 70er Jahre Nina Hagen in ihrem Stück TV-Glotzer. In den Fernseher schauen müssen Salzkottener nicht, wenn sie es gern farbenfroh haben. Denn an vielen Orten im Stadtgebiet stehen wieder die Blühwiesen in voller Pracht. Seit 2012 legt der städtische Bauhof diese Blühflächen mit der eigens für Salzkotten kreierten Samenmischung an. Erst seit einem Jahr hingegen verfolgt die Stadt ein weiteres Konzept zur Biodiversität. Doch das trägt schon jetzt reichlich Blüten. Dabei beruht das Prinzip diesmal auf dem Grundsatz: Weniger ist Mehr.

Samstag, 01.08.2020, 06:00 Uhr
Heiner Mersch, Jutta Bergener und Ludwig Bewermeier (von links) tauchen ein in eine der vielen Blühwiesen im Salzkottener Stadtgebiet. Auch das Projekt zur Biodiversität am Rande der Wirtschaftswege hat zur Artenvielfalt beigetragen. Foto: Oliver Schwabe
Heiner Mersch, Jutta Bergener und Ludwig Bewermeier (von links) tauchen ein in eine der vielen Blühwiesen im Salzkottener Stadtgebiet. Auch das Projekt zur Biodiversität am Rande der Wirtschaftswege hat zur Artenvielfalt beigetragen. Foto: Oliver Schwabe

„Wir haben im Stadtgebiet 318 Kilometer Wirtschaftswege mit beiderseitigem Grünstreifen von etwa 1,50 Metern. Dabei kommen gut 945.000 Quadratmeter Fläche zusammen. Das entspricht 126 Fußballplätzen“, rechnet Fachbereichsleiter Stadtentwicklung Ludwig Bewermeier vor und entdeckt darin ein riesiges Potenzial. Bisher wurden diese Flächen am Rande der bewirtschafteten Felder mehrmals im Jahr auf drei Zentimeter heruntergemäht: damit alles schön sauber und ordentlich aussieht. Pflanzen und Insekten gehen diese Flächen damit verloren.

945.000 Quadratmeter Platz für Baldrian und Natternkopf

„Für die Insekten ist aber entscheidend, dass Kräuter am Wegsaum zur Blüte kommen und ihnen somit Nahrung liefern“, sagt Jutta Bergener von der Biologischen Station des Kreises Paderborn-Senne. Sie hat für die Stadt Salzkotten in den Blick genommen, was sich am Wegesrand getan hat, seit nicht mehr so intensiv gemäht wird. Und sie ist begeistert. Natternkopf, Ginster, das aufgeblasene Leimkraut, Baldrian, Johanniskraut, Wasserdost und Mädesüß – die Artenvielfalt ist üppig. „Und das ist unheimlich wichtig für die Insekten. Besonders die Wildbienen profitieren davon. Unter ihnen gibt es viele Spezialisten, die sich nur von ganz bestimmten Pollen ernähren. Insekten wiederum sind Nahrungsgrundlage für Vögel und Fledermäuse“, erläutert Jutta Bergener die Nahrungskette in der heimischen Natur.

Obwohl die Streifen entlang der Wirtschaftswege in den vergangenen Jahren bereits vor der Blüte und Aussamung abgemäht worden sind, steckt das Potenzial noch immer im Boden, so dass es bereits in diesem Jahr dort intensiv blüht. An anderen Stellen ist noch ein bisschen Geduld gefragt. Durch das häufige Mähen habe das liegen gelassene Schnittgut für nährstoffreiche Böden gesorgt. Das allerdings mögen die Kräuter gar nicht so gern. Wichtig sei es, den Pflanzen eine Chance zu geben. Neben weiteren Kräutern wie Kohldistel, Reinfarn, Beifuß, Kornblume und Weiderich hat Jutta Bergener auch zahlreiche Insekten wie Heuschrecken, Käfer, Wanzen, Schmetterlinge und Zikaden sowie Eidechsen und Blindschleichen entdeckt. Es ist also jede Menge los im Blühstreifen.

Landwirte helfen mit

Gleichzeitig fungieren die Randstreifen als Vernetzungslinien zwischen einzelnen Biotopen, was unter anderem für die Wanderung der Amphibien wichtig ist. „Das ist ein Superprojekt, es wäre schön, wenn es Nachahmer finden würde“, wirbt Jutta Bergener dafür, dass auch andere Städte im Kreis Paderborn das Konzept aufgreifen. Kosten verursache der Gewinn für die Natur nicht, so Bewermeier, es werde einfach weniger gemäht.

Heiner Mersch, bei der Stadt zuständig für Umweltschutz und Grünplanung, berichtet, dass anfangs aber auch um Akzeptanz geworben werden musste. So hätten sich Bürger über eine eingeschränkte Sicht beschwert. Auch Landwirte hätten zum Teil die Streifen mitgemäht. „Deshalb haben wir unser Konzept zur Biodiversität bekannt gemacht, und inzwischen unterstützen uns viele Landwirte, die auch selbst Blühstreifen anlegen“, sagt Heiner Mersch. Wo es verkehrstechnisch nötig sei, werde auch weiterhin gemäht. Die Stadt Salzkotten will ihr Prinzip des Nichtmähens auch in den kommenden Jahren fortsetzen. Lediglich Problempflanzen wie dem Jakobskreuzkraut, das sich sehr stark ausbreitet, soll bei Bedarf zu Leibe gerückt werden.

Ebenso sollen auch weiterhin die Blühwiesen angelegt werden. Auf 16.000 Quadratmetern wurde bisher jährlich auf wechselnden Flächen die Salzkottener Samenmischung ausgesät. Jetzt sind noch einmal weitere 6000 Quadratmeter für den Blumensamen des Kreises Paderborn hinzugekommen. Nächster Beitrag zur Biodiversität sollen die Grünflächen im neuen Baugebiet Bümers Grund werden. Auch hier werden Blühwiesen angelegt sowie Obstbäume und Blumenzwieblen gepflanzt.

Und auch viele Landfrauen, Heimatvereine und Kirchengemeinden wird die neu entfachte Artenvielfalt am Wegesrand freuen. Denn es ist wieder die Zeit der Krautbunde. Dafür werden sich wohl nun reichlich Kräuter finden lassen.

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