Salzkottener Oberstufenleiter Gunnar Klinge: „Weiterhin keine Strategie des Schulministeriums erkennbar“
Weg vom Unterricht – hin zum Lernen

Salzkotten -

Mit dem zweiten Lockdown ist nun doch die Präsenzpflicht an den Schulen aufgehoben worden. Schule und Unterricht sind insgesamt seit Beginn der Pandemie nicht mehr das, was sie einmal waren. WV-Redakteurin Marion Neesen und der Oberstufenleiter der Gesamtschule Salzkotten, Gunnar Klinge, haben die Situation in den Blick genommen.

Donnerstag, 17.12.2020, 02:11 Uhr aktualisiert: 17.12.2020, 07:42 Uhr
Gunnar Klinge ist Leiter der Oberstufe an der Gesamtschule Salzkotten. Das Dogma des Präsenzunterrichts nach den Sommerferien hielt er für falsch, insbesondere die älteren Schüler könnten gut selbstorganisiert auf Distanz und digital lernen.
Gunnar Klinge ist Leiter der Oberstufe an der Gesamtschule Salzkotten. Das Dogma des Präsenzunterrichts nach den Sommerferien hielt er für falsch, insbesondere die älteren Schüler könnten gut selbstorganisiert auf Distanz und digital lernen.

Herr Klinge, die Bundesregierung hat die Notbremse gezogen. War das die richtige Entscheidung?

Gunnar Klinge: Für die notwendige Eindämmung des Pandemiegeschehens sicher eine richtige Entscheidung, die aber schon früher hätte erfolgen können oder auch müssen. Es ist leider immer noch keine Strategie aus dem Schulministerium erkennbar, wie man im Bildungsbereich mit der Pandemie sinnvoll umgehen kann. Es wird nur reagiert und nicht agiert und die Schulen müssen dann innerhalb weniger Stunden ihren Betrieb umstellen.

Wie genau wird nun in den letzten Tagen vor Weihnachten unterrichtet?

Klinge: Die Präsenzpflicht für die Klassen 1 bis 7 ist aufgehoben. Die Eltern können entscheiden, ob ihr Kind in die Schule geht oder zu Hause lernt. Ab Klasse 8 ist generell Distanzunterricht vorgeschrieben. Allerdings dürfen wir nicht verschiebbare Leistungsüberprüfungen wie Klausuren noch schreiben lassen. Gerade für die Klassen 1 bis 7 ist diese Form des Unterrichts fast nicht sinnvoll zu planen, zumal man keine Vorbereitungszeit dafür hatte.

Blicken Sie entspannt auf den Schulstart in 2021?

Klinge: Soweit man in diesen Zeiten entspannt blicken kann, ja. Wir sind gerade in der Oberstufe so gut aufgestellt, dass ein Lernen auch in möglichen „Nicht-Präsenzphasen“ weitergehen kann. Weniger entspannt schaue ich allerdings nach Düsseldorf und hoffe, dass das Schulministerium sein Krisenmanagement verbessert.

Welche Unterstützung hätten Sie sich seitens der Landesregierung gewünscht? Brauchen die Schulen mehr eigenen Entscheidungsspielraum?

Klinge: Wir Schulen brauchen tatsächlich mehr Entscheidungsspielraum, gerade die Schulen, die sich auf den Weg machen, die Lernkultur zu verändern und zeitgemäß zu gestalten. Von der Landesregierung würde ich mir auch eine Positionierung zu einer zeitgemäßen Bildung wünschen. Erste Ansätze blitzten im Sommer auf, als das Impulspapier zum „Lernen auf Distanz“ veröffentlicht wurde. Leider kann vieles davon nicht umgesetzt werden, weil die Ausrichtung des Schulministeriums nach den Ferien voll auf Präsenzunterricht gelegt war und es nichts anderes geben durfte.

Im ersten Lockdown musste von heute auf morgen reagiert werden. Sind Schulen, Lehrer und Schüler nun besser aufgestellt, und ist der Sommer sinnvoll genutzt worden?

Klinge: Der Zuwachs an Medien- und Digitalkompetenz seit März ist extrem hoch. Ohne die Pandemie hätten wir im normalen Schulbetrieb sicher zwei, drei Jahre für diese Entwicklung gebraucht. Natürlich läuft nicht alles rund und wir hätten den Sommer über auch noch mehr planen und entwickeln können. Dazu fehlt aber leider auch die Zeit und die bildungspolitische Grundlage. Den Schulen wird viel zu wenig Zeit für Schulentwicklung eingeräumt. Personelle und zeitliche Ressourcen sind in Schulen fast nur für Unterricht und Verwaltung angelegt, hier brauchen wir seitens der Bildungspolitik mehr Ressourcen.

Wie läuft es mit der Lehrerfortbildung in Sachen Digitalisierung?

Klinge: Auch hier fehlt es seitens des Landes an ausreichenden und passenden Angeboten. Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir unseren Kolleginnen und Kollegen schulintern viele Fortbildungsmöglichkeiten anbieten können, die wir mit Experten aus unserem Kollegium gestalten, aber auch über die Vernetzung mit anderen Schulen in OWL, die ähnlich weit in der digitalen Ausstattung sind, wie wir. So bieten wir wöchentliche Mikrofortbildungen an und haben auch den „geschenkten“ Fortbildungstag zur Digitalisierung online gestaltet als eine Art Barcamp. Hier konnte sich jeder frei entscheiden, welche Angebote besucht werden und auch selbst Angebote gestalten. Die Resonanz war sehr positiv.

Die Schulen waren vor allem mit dem Argument des Rechtes auf Bildung im zweiten Lockdown nicht geschlossen worden. Können Sie sich der Argumentation anschließen? Ist aus auch ein Recht auf Unversehrtheit (Gesundheit) genügend berücksichtigt? Fühlen Sie sich sicher in der Schule?

Klinge: Aus meiner Sicht ist es richtig, die Schulen offen zu halten. Nicht richtig finde ich das Dogma des Präsenzunterrichts für alle. Die unteren Jahrgänge (1-6) brauchen den Präsenzunterricht besonders und in vollem Umfang. Jugendliche und fast erwachsene Lerner in den Oberstufen und an den Berufskollegs können gut auch einen Teil des Lernens selbstorganisiert durchführen. Es gibt gute hybride Modelle, die ein Lernen in Pandemiezeiten ermöglichen. Natürlich kommen hier viele wichtige soziale Kompetenzen zu kurz, dafür ist die Begegnung in der Schule unerlässlich. Es gibt aber beim Lernen viele Phasen, die einzeln oder zu zweit stattfinden. Hier muss ich nicht zwingend zusammen in einem Raum sitzen. Besonders dann nicht, wenn das Infektionsgeschehen mehr Distanz fordert. Ich fühle mich bei uns in der Schule sicher, kann aber auch Menschen verstehen, die Angst vor einer Ansteckung haben, weil sie selbst zur Risikogruppe gehören oder Angehörige in dieser haben.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Hybrid-Unterricht und versetztem Unterrichtsbeginn gemacht?

Klinge: Den versetzten Unterrichtsbeginn haben wir in der Sekundarstufe I schon nach den Sommerferien eingerichtet. Das hat sich richtig bewährt, weil es den Andrang in den Bussen entzerrt und auch das Ankommen im Schulgebäude. Beim Hybrid-Unterricht läuft es noch nicht so rund. Hier müssen sich viele von uns noch professionalisieren. Das gilt einmal auf der technischen Seite, besonders aber auf der didaktischen Seite. Den Unterricht hybrid zu gestalten bedeutet, in ganz anderen Strukturen zu denken und zu planen. Ein Präsenzunterricht ist nicht 1 zu 1 per Videokonferenz ins Hybride oder die Distanz zu verlagern. Das erfordert noch viel Umdenken und Lernen bei uns Lehrerinnen und Lehrern. Deshalb hatten wir unseren Fortbildungstag auch genau darauf ausgerichtet.

Was muss unbedingt noch besser werden?

Klinge: Wir müssen grundsätzlich zu einer anderen, zeitgemäßen Lernkultur kommen. Aus meiner Sicht reicht hier keine Verbesserung des bestehenden Schulsystems, wir müssen grundlegend die Strukturen verändern und vom reinen Unterrichten weg, hin zum Lernen kommen. Dafür müssen wir die entsprechenden Lernräume in unseren Schulen gestalten.

Was vermissen Sie in der Schule und im Unterricht derzeit am meisten?

Klinge: Eine Perspektive, mit der man für die Zukunft planen kann. Es ist nervig und unbefriedigend, dass man viele Dinge, wie Klassen- und Studienfahrten, Abschlussfeiern, aber auch schulische Projekte und Exkursionen nicht nur nicht durchführen kann, sondern auch nicht weiß, für wann man es wieder planen kann.

Weihnachten naht. Was wünschen Sie sich?

Klinge: Ich bin ein sehr zufriedener Mensch und wünsche mir lieber für alle Gesundheit an erster Stelle. Für unsere Schulen und die Kinder wünsche ich mir mehr zeitgemäße Bildung, dass wir nicht auf Abschlüsse, Zeugnisse und Noten hinarbeiten, sondern unseren Kindern Kompetenzen mitgeben, die sie ihr Leben gestalten lassen. Dazu muss ein Umdenken in vielen Köpfen erfolgen.

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