Di., 11.09.2018

Die Verteidiger von Angelika W. haben das Wort - letzte Plädoyers vor dem Landgericht Paderborn - mit Video Verteidiger fordert Freispruch für Angelika W.

Andrang am Tag des letzten Plädoyers.

Andrang am Tag des letzten Plädoyers. Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn/Höxter (WB/ludi/dpa). Der Verteidiger von Angelika W. hat Freispruch für seine Mandantin gefordert. Die Vorwürfe des Mordes durch Unterlassen sowie des versuchten Mordes seien seiner Mandantin nicht nachweisbar. Es könne nicht genau geklärt werden, woran die Opfer gestorben seien.

Mit den Stellungnahmen der beiden Verteidiger von Angelika W. enden an diesem Dienstag die Plädoyers im Mordprozess um das »Horror-Haus« von Höxter.

Mit einer halbstündigen Verspätung beginnt die Verhandlung um 11.30 Uhr. Anwalt Alexander Strato beginnt. Er bezieht sich auf das Plädoyer der Verteidiger von Angelika W. »Einen Wandel von einem Monster zu einem naiven Grundschulkind gab es nicht«, sagt er. Mit seinen einfachen Mitteln habe er Druck ausgeübt. Beide Angeklagten hätten sich in der Behandlung der Frauen ergänzt. 

Angelikas Aussage suche in ihrem Detailreichtum ihresgleichen. Im ganzen Verfahren habe sie Aufklärungsarbeit geleistet. Ohne die Aussage der Angeklagten wäre es nicht zu den Ermittlungen im Fall Anika W. gekommen, sagt Strato. Wilfried hingegen trage nichts zur Aufklärung bei. 

Der Anwalt argumentiert mit den Ergebnissen der Untersuchungen der WhatsApp-Dateien durch die Polizei: »Bei vielen Audiodateien war Wilfried gar nicht dabei.« Auf allen Zetteln, die die Frauen in Bosseborn unterschrieben hatten, sei Wilfried stets ausgeklammert gewesen. Das habe einen Beigeschmack, sagt der Anwalt.

Für eine Dynamik zwischen den beiden Angeklagten spreche auch das Vorleben von Wilfried W. Er hatte bereits mit seiner Geliebten seine frühere Ehefrau misshandelt. Es sei ein Geben und Nehmen gewesen. Genau wie jetzt im Haus in Bosseborn. Die Beziehung der beiden ist gleichzeitig Teil der rechtlichen Bewertung. Strato übergibt damit an seinen Kollegen Peter Wüller.

Foto: Ludmilla Ostermann

Der Fall sei eine Besonderheit, beginnt der Anwalt: Mord durch Unterlassen sei nicht alltäglich. 30 Polizeibeamte seien monatelang damit beschäftigt gewesen, Licht ins Dunkel zu bringen. Der Tatzeitraum umfasse immerhin zehn Jahre, begonnen mit der Misshandlung der ersten Frau.

Wüller dankt dem Gericht, spricht die Nebenklägerin direkt an und zollt ihr Respekt: »Ich finde es toll, dass Sie das hier so durchgezogen haben.« Kennengelernt habe er Angelika als eine völlig gefühllose Person im Gerichtssaal. In Vier-Augen-Gesprächen sei sie ganz anders. Er hoffe, dass sie in ihrem letzten Wort das öffentliche Bild von ihr zu korrigiert.

»Es war pervers, es war abartig«

Keine Zweifel habe er, dass sich in Bosseborn perverse Dinge abgespielt haben. Systematisch seien Frauen entmenschlicht worden. »Das Handeln war pervers, es war krank, es war abartig.«

Zur Rolle Wilfried W.s sagt Wüller: »Ich habe hier zu oft das Wort Grundschüler gehört«. Das sei eine schamlose Untertreibung. Der Angeklagte sei von Anfang an an den Taten beteiligt gewesen. »Dieser Mensch ist in der Vergangenheit einschlägig in Erscheinung getreten. Vor allem die Zeugin Christel P. habe ihn als brutalen und unberechenbaren Menschen dargestellt.«

Bei Angelikas Untersuchung durch die Polizei habe der Sachverständige festgestellt, dass sich multiple weiße Hautverfärbungen auf ihrem ganzen Körper befunden haben: alte Narben durch Gewalteinwirkung. Die Verletzungen habe sie sich nicht selbst beigebracht. Sie sei jahrelang von Wilfried misshandelt worden. 

Angelika sei von der misshandelten Frau zur misshandelnden Frau geworden, sagt Wüller. Sie habe gefährliche Körperverletzungen begangen, was sie nie abgestritten habe. Wenn sie mit Wilfried andere Frauen misshandelt hatte, habe sie ihre Ruhe gehabt. »Dann hat sie nicht auf die Fresse bekommen.« Er selbst habe keinen Zweifel daran, dass die beiden Angeklagten gemeinsam agiert haben.

Nun geht es um die Tatvorwürfe gegen Angelika W. Zunächst der Vorwurf des Mordes durch Unterlassen an Anika W. »Wir haben nur die Einlassungen meiner Mandantin«, sagt der Verteidiger.  

Foto: Ludmilla Ostermann

Er habe keinen Zweifel daran, dass die Angeklagte Anika W. über einen langen Zeitraum misshandelt habe. Erneut: Über den Tod Anikas gebe es nur die Aussagen seiner Mandantin. Es sei also reine Spekulation, was die Todesursache Anikas betrifft, diese als Mord zu werten, argumentiert Wüller.

Beim Tod von Susanne F. sei das anders. Hier gebe es Zeugenaussagen und den Bericht der Sanitäter. Von entscheidender Bedeutung seien für ihn die Angaben, die Angelika W. bei der Polizei gemacht habe. Demnach hätte Susanne jede ärztliche Versorgung abgelehnt. Zudem habe sie dem Opfer über Stunden helfen wollen. 

Freispruch

Was den Vorwurf des Mordes durch Unterlassen an Anika angeht, so wisse man nicht, wie die junge Frau zu Tode gekommen sei. Rückschlüsse von Susannes Tod auf den von Anika dürften nicht vorgenommen werden. Laut BGH gelte: Gebe es keine konkrete Todesursache, so könne auch das Unterlassen nicht festgestellt werden. Schließlich hätte sie auch durch einen Herzinfarkt gestorben sein können.

Was den Vorwurf des Mordes durch Unterlassen im Fall von Susanne F. angeht, so stehe fest, dass ein Schädel-Hirn-Trauma Ursache für den späteren Tod gewesen sei. Ein medizinischer Laie müsse nicht unbedingt erkennen, dass sofortiges Handeln geboten sei. Das habe der Erstgutachter im Prozess dargelegt, während ein Zweitgutachter die Mordthese stützte. Wem werde die Kammer glauben, fragt Wüller. Nach dem in-dubio-pro-reo-Prinzip müsse es der erste Gutachter sein.

Zum Tatvorwurf des versuchten Mordes an Anika in der Badewanne, sei Angelika nicht zu belangen. Wer freiwillig die Vollendung eines Mordversuchs verhindert, werde laut Strafgesetzbuch nicht belangt. Laut ihrer Einlassungen habe Angelika mehrfach Wilfried auf das Drama in der Badewanne angesprochen. Hätte sie dies getan, wenn die Angeklagte gewollt hätte, dass Anika stirbt, fragt der Anwalt.

Wüller beantragt, die Angeklagte Angelika W. in allen Vorwürfen freizusprechen.

Nach einer Pause legt Peter Wüller dar, welche Milderungsgründe für seine Mandantin infrage kämen, würde die Kammer seinem Antrag auf Freispruch nicht folgen. So könne die Kronzeugenregelung angewendet werden, denn schließlich sei Angelika von besonderer Bedeutung für die Aufklärung des Falls gewesen. Auch habe seine Mandantin sofort nach der Verhaftung alle Angaben gemacht, was ein Grund für eine Strafmilderung sein könne. Für Angelika müssten diese Gründe greifen, ist Wüller überzeugt.

Im Falle einer Verurteilung befindet der Anwalt eine Gesamtfreiheitsstrafe von zwölf Jahren für angemessen. Diese Strafe werde sie auch akzeptieren, schließt er sein Plädoyer. 

Detlev Binder, Anwalt von Wilfried W., meldet sich zu Wort: »Die Hauptfrage ist doch, warum Angelika nicht gegangen ist?« Schließlich habe sie die Situation durchblickt und sei trotzdem geblieben. Der Anwalt zieht die Ursachen der Narben der Angeklagten in Zweifel. »Wir wissen nur von einer einzigen Verletzung.« Und selbst hier sei nicht klar, welche Rolle Wilfried beim Entstehen gespielt habe.

Urteil erst am 5. Oktober

 Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten in der Vorwoche für die beiden Angeklagten Freiheitsstrafen, die Feststellung der besondere Schwere der Schuld und für Wilfried W. die Einweisung in die Psychiatrie gefordert.

 Die Anwälte des Angeklagten wiesen die Vorwürfe in ihren Plädoyers zum Teil zurück und forderten eine Freiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Sie sprachen sich gegen eine lebenslange Haftstrafe aus, weil ihr Mandant nur vermindert schuldfähig sei. Angelika W. gilt nach Meinung einer Gutachterin als voll schuldfähig.

Das Urteil fällt laut Richter Bernd Emminghaus erst am 5. Oktober, am Freitag hat Angelika W. ihr letztes Wort.

Über Jahre hinweg soll das Paar per Zeitungsanzeigen mehrere Frauen in ein Haus nach Ostwestfalen gelockt und dort schwer misshandelt haben. Der 48-Jährige und die 49-Jährige waren neben weiteren Punkten wegen Mordes durch Unterlassen angeklagt. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben infolge der Quälereien.

Lesen Sie unsere gesamte Berichterstattung unter www.westfalen-blatt.de/OWL/Kriminalfall-Hoexter-Bosseborn

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