Fr., 14.09.2018

Vorletzter Tag im Bosseborn-Prozess vor dem Landgericht Paderborn - Angeklagte: »Was hab ich es gut in der JVA« - mit Videos Angelika W hat das letzte Wort - Nebenklage verlässt den Saal

Angelika W. hat am Freitag das Wort.

Angelika W. hat am Freitag das Wort. Foto: Besim Mazhiqi

Paderborn (WB/ludi/dpa). Im Mordprozess um das sogenannte »Horror-Haus« von Höxter hat am vorletzten Prozesstag die Angeklagte Angelika W. das Wort. Sie spricht von Schmerzen und Angst, die sie während ihres Lebens mit Wilfried in Bosseborn erlebt haben will. Die Nebenklage verlässt nach 70 Minuten den Saal.

Wieder einmal startet der Prozess mit Verspätung. Angelika setzt an: »Ich möchte mich erklären.« Sie habe sich auch das StGB gekauft, um sich darüber zu informieren, wofür ein letztes Wort gut sei.

Die Angeklagte sagt, sie habe im Verlauf des Prozesses noch Neues erfahren, von Seitensprüngen und der Sonderschule, die Wilfried besucht hatte. »Noch heute kommen Wilfrieds Lügen zutage.« Bis heute habe sie dennoch kein böses Wort über den Mitangeklagten verloren. Sie berichtet von ihrer Angst, Wilfried nach dem Prozess noch einmal wiederzusehen. »Er hat einmal gesagt, wenn ihn eine Frau in den Knast bringt, würde er ihr die Kniescheiben brechen oder brechen lassen.«

Nie habe sie geglaubt, dass es zu einer Mordanklage kommen könnte.

»Warum quälte ich?« beginnt sie das nächste Kapitel.  »Ich wollte einfach meine Ruhe haben, auch wenn es nur Staubputzen ist.« Sie habe aber nie geglaubt, dass jemand stirbt. Wilfried habe zudem damit gedroht, ihrer Familie etwas anzutun. »Das wollte ich ja auch nicht.«

»Angst, dass er mich umbringt«

Sie spricht nun, über ihre Gefühle im Zusammenhang mit Wilfried. Schmerzen ist das essentielle Wort, das sie nennt und zählt Verletzungen auf, die er ihr zugeführt haben soll. Angst sei auch eine Empfindung. Vor seiner Wut, davor, dass andere nicht so funktionierten, wie Wilfried das wollte. »Manchmal hatte ich sogar Angst, dass er mich mal umbringt«. Entsprechend sei ihr Leben nicht schön gewesen. Enttäuschung sei ebenfalls hinzugekommen. Sie empfinde Dankbarkeit, in der JVA sein zu dürfen. Sie empfinde wieder Freude dort. So langsam denke sie wieder an sich. 

In Bosseborn habe sie keine Chance gehabt, Wilfrieds Problemen zu entkommen. »Was habe ich es jetzt in der JVA gut«, sagt Angelika W.

Dass ein Fremder von sich aus auf die Idee kam, mir gegen Wilfried zu helfen, habe ich noch nie erlebt, nimmt sie Bezug auf ihre Beziehung zu Verteidiger Peter Wüller. 

Angelika stellt Wilfried als den starken Part dar. Er habe bestimmt, das Leben und die Gesprächsthemen. Zu Beginn sei das anders gewesen. Er sei aufmerksam gewesen, habe sogar aus übrig gebliebenen Silvesterraketen ein Feuerwerk zu ihrem Geburtstag am 21. Januar veranstaltet. Sie habe volles Vertrauen zu ihm gefasst und sich auf ihn verlassen.

Den Rottweiler habe sie damals umgebracht, weil sie den Hund vor Wilfried zuvor derart schlecht gemacht hatte, dass sie nicht gewusst habe, wie sie ihm ein Überleben des Hundes begreifbar hätte machen können.

Wilfried, der Bestimmer

Sie habe immer den Glauben daran gehabt, dass Wilfried wisse, wie weit er gehen könne. Vor Wilfried sei sie ein anderer Mensch gewesen: schüchtern und still. »Das glaubt mir heute keiner.« Am Ende sei der Angeklagte der Bestimmer über alles gewesen, sagt sie und zählt dutzende Punkte auf, über die er bestimmt habe: »Ob ich husten durfte, ob ich ihn angucke. Er wollte bestimmen, wann ich Anika zerlegen durfte«.

Sie versucht zu erklären, warum sie bei Wilfried W. geblieben war. Das Sexuelle sei es nicht gewesen, sagt Angelika W.

Habe sie etwas nicht ausgeführt, »lag ich blutend in der Ecke«. Die Angeklagte betont, wie brutal Wilfried auch Fremden gegenüber war. Er sei nicht alltagstauglich und auf sie angewiesen gewesen. Sie habe am Anfang die Sehnsucht gehabt, zurückgeliebt zu werden. »Er hat mich abgefüttert und mich am langen Arm verhungern lassen.«

Auch die Gutachten sind Gegenstand ihres letzten Wortes. Mit Nahlah Saimeh habe sie gern gesprochen. »Aber auch sie kann nur begutachten, was sie sieht und hört.« Nicht gefallen habe ihr an dem Gutachten, dass es besagt, die Angeklagte habe Wilfrieds »Spielzeug« zerstören wollen. Dabei habe sie einfach nur ihre Ruhe haben wollen. Was Wilfrieds Gutachten angeht, so zweifelt sie seinen niedrigen Intelligenzquotienten an. »Man kann sich sicherlich dümmer stellen, als man ist. Aber nicht schlauer.« Dann zählt sie Situationen auf, die für sie für einen höheren IQ als im Gutachten festgestellt  sprechen. 

Die Nebenklage geht

Jetzt reicht es der Nebenklage. Geschlossen verlässt sie den Gerichtssaal. Der Anwalt der Nebenklägerin K. hatte bereits angekündigt, zu protestieren, falls Angelika W. das sogenannte letzte Wort in dem Prozess für einen stundenlangen Monolog missbrauche. Als »Unerträglich« beschreibt Manfred Weber, Anwalt der Opfer-Mutter Sigrid K., das letzte Wort Angelikas.

Nach einer Pause geht es weiter. Angelika W.  verteidigt ihre Aussagen. Sie habe sich dabei nicht verkaufen wollen. »Zu sagen, ich habe kein Mitleid, wäre falsch. Ich kann das einfach nicht. Wenn ich es könnte, wäre ich zu diesen grausamen Taten fähig gewesen.

Sigrid K., der Mutter des Opfers Anika W. hätte sie gern gesagt: »Es tut mir leid, einen Begräbnisort für seine Tochter verhindert zu haben.« Bei anderen Frauen hätte sie sich entschuldigt für die Misshandlungen. Ein gerechtes Urteil könne es nicht geben, »denn Anika und Susanne sind nun einmal tot«. Sie sei froh, von Wilfried »wegverhaftet« worden zu sein. Sie dankt der Polizei, die gut mit ihr umgegangen sei, der Psychologin Saimeh, die sich »reingekniet« habe, ihren Anwälten. 

Die letzten Worte von Angelika W. vor Gericht: »Bis auf Wilfried werden sie mir alle unvergessen bleiben.« 

Urteil am 5. Oktober 

Die Staatsanwaltschaft hat lebenslange Haftstrafen für die beiden Angeklagten Wilfried W. und seine Ex-Frau Angelika W. sowie die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Über Jahre hinweg sollen die beiden zahlreiche Frauen in ihr Haus gelockt und sie seelisch und körperlich schwer misshandelt haben. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben. Für den Angeklagten beantragte die Staatsanwaltschaft zudem die Einweisung in eine Psychiatrie. Das Landgericht Paderborn will das Urteil am 5. Oktober verkünden.

Der Verteidiger von Angelika W. hat Freispruch für seine Mandantin gefordert. Für die Mordvorwürfe fehlten schlicht die Beweise, sagte er. Er habe zwar keinen Zweifel, dass die Angeklagten gemeinsam über Jahre Frauen aufs Übelste misshandelt hätten. Das Gericht dürfe aber nur über das urteilen, was angeklagt und auch nachgewiesen worden sei. Die Verteidiger von Wilfried W. - dem Ex-Mann der Angeklagten - haben für ihren Mandanten eine Haftstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten und dessen Einweisung in die Psychiatrie beantragt.

Unsere gesamte Berichterstattung seit April 2016 lesen Sie hier.

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