Do., 31.01.2019

Hauptkommissar Gunnar Weiß: »Das war so perfide – ich kann es kaum in Worte fassen« – mit Video Sexualverbrecher sollen Kinder mit Geschenken und Drohungen unter Druck gesetzt haben

Hauptkommissar Gunnar Weiß leitet die »EK Camping«. Sie will die größte Missbrauchsserie aufklären, die je in Ostwestfalen-Lippe bekanntgeworden ist.

Hauptkommissar Gunnar Weiß leitet die »EK Camping«. Sie will die größte Missbrauchsserie aufklären, die je in Ostwestfalen-Lippe bekanntgeworden ist. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Mit Geschenken, aber auch mit Drohungen sollen die beiden mutmaßlichen Sexualverbrecher auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde kleine Mädchen und Jungen jahrelang unter ihre Kon­trolle gebracht haben.

»Das war so perfide – ich kann es kaum in Worte fassen«, sagt Gunnar Weiß, der Leiter der »Ermittlungskommisson (EK) Camping«. Der Hauptbeschuldigte An­dreas V. habe für Kinder anderer Camper eine Wohlfühlatmosphäre geschaffen. »Er ist mit ihnen ins Freibad gegangen, er hat mit ihnen Ausflüge in Freizeitparks un­ternommen, und er ist mit ihnen Quad gefahren.«

Sogar ein Pferd habe er vorübergehend für ein paar Mädchen angeschafft, wird auf dem Campingplatz erzählt. Aber der Mann soll den Kindern auch gedroht haben. »Dass etwas passiert«, wenn sie etwas sagen.

Mehr als 1000 Verbrechen an Kindern seit 2008

Schon die blanken Zahlen genügen, um das Ausmaß des Falls erahnen zu lassen. Von mehr als 1000 Verbrechen an Kindern seit 2008 geht die Polizei aus. Sie hat bei den drei Verdächtigen mehr als 400 CDs und DVDs gefunden, die Fotos und Videos missbrauchter Kinder zeigen. Etwa 13.000 dieser Dateien sind dem Bundeskriminalamt seit Jahren aus anderen Verfahren bekannt, sie wurden nicht von den Verdächtigen in Lügde hergestellt. »Wir haben aber auch Videos mit unseren Opfern gefunden, die auf dem Campingplatz gedreht wurden«, sagt Gunnar Weiß. Erst jetzt, nachdem die Kinder wüssten, dass Andreas V. im Gefängnis sitze, trauten sie sich zu reden.

23 Opfer aus NRW und Niedersachsen hat die Polizei bisher identifiziert – zwei Jungen und 21 Mädchen, vier bis 13 Jahre alt. Was die Kinder erleiden mussten, wenn sie mit Andreas V. oder seinem Komplizen in deren Wohnwagen waren – davon haben die Ermittler ein recht gutes Bild. Denn die Täter haben sich bei ihren Verbrechen gefilmt. »Zum Teil sind beide Männer beim Missbrauch zu sehen – auch mit mehreren Opfern«, sagt Achim Tietz, der bei der Kripo Detmold das 1. Kommissariat leitet. Für einige Verbrechen soll der dritte Täter (48) aus der Ferne den Regisseur gegeben haben: Der Mann aus Stade soll bei den Campern bestimmte Formen des Missbrauchs in Auftrag gegeben und die Videos erhalten haben.

Camper schweigen

»Er selbst hatte wohl nie direkten Kontakt zu einem Opfer. Trotzdem steht er natürlich unter dem Verdacht des schweren Kindesmissbrauchs«, sagt Oberstaatsanwalt Ralf Vetter. Ob der Mann aus Stade einziger Auftraggeber und Abnehmer von Missbrauchsvideos war, wissen die Polizisten noch nicht. »Unsere Erfahrung sagt, dass es eigentlich mehr Abnehmer geben muss.

Aber die Verdächtigen haben über das Darknet kommuniziert, was die Ermittlungen sehr schwierig macht«, sagt Gunnar Weiß. »Die beiden Camper schweigen. Nur der Mann aus Stade hat ein Teilgeständnis abgelegt.«

Akten umfassen 3000 Seiten

Den drei Männern wird neben Kindesmissbrauch auch die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie zur Last gelegt. Doch das Ermittlungsverfahren, dessen Akten schon jetzt 3000 Seiten umfassen, hat noch einen weiteren Strang. »Wir prüfen, ob sich die Jugendämter richtig verhalten haben«, sagt Oberstaatsanwalt Vetter. Für das Mädchen, das bei Andreas V. auf dem Campingplatz wohnte, war das Jugendamt des Kreises Hameln-Pyrmont zuständig, denn dort lebte das Mädchen ursprünglich mit seiner Mutter. Weil die als erziehungsunfähig galt, vertraute das Jugendamt das Mädchen dem nicht vorbestraften Dauercamper Andreas V. an.

Eine Sprecherin des Kreises sagte am Mittwoch, die Mutter des Mädchens habe Andreas V. gekannt, und es sei ihr Wunsch gewesen, dass er der Pflegevater werden sollte. Die Wohnsituation sei zwar »nicht optimal« gewesen, habe das Kindeswohl aber nicht gefährdet.

Wohnung als Auflage

Das sahen aber offenbar nicht alle so. 2016 meldete sich ein Bürger beim Jugendamt Lippe, weil er eine Verwahrlosung des Mädchens in der Obhut des Dauercampers befürchtete. »Einen Hinweis auf Missbrauch gab es damals aber noch nicht«, sagt Oberstaatsanwalt Vetter. Die Kreisjugendämter Hameln-Pyrmont und Lippe hätten den Fall 2016 zusammen mit der Polizei geprüft, aber nichts Verdächtiges festgestellt. »Ob die Ermittlungen damals sachgerecht waren, prüfen wir jetzt«, sagte Vetter. Denn aus heutiger Sicht sei es »verheerend« gewesen, das Kind diesem Mann zu überlassen.

Mitarbeiter des lippischen Jugendamts sollen schließlich bei ihren niedersächsischen Kollegen darauf gedrängt haben, zumindest die Wohnsituation des Mädchens zu verbessern. Deshalb hatte An­dreas V. die Auflage bekommen, sich eine Wohnung in Lügde zu suchen. Eingezogen ist er dort aber nie.

Mehr lesen Sie auf unserer Themenseite zum Fall.

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