Sa., 02.02.2019

Äußerung des hauptverdächtigen Mannes aus Lippe alarmierte Jobcenter-Mitarbeiterin schon 2016 Tatort Campingplatz: »Für Süßigkeiten tut sie alles«

Blick durch einen Zaun auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald, das mit einem Polizeiabsperrband versehen ist.

Blick durch einen Zaun auf ein Gebäude auf dem Campingplatz Eichwald, das mit einem Polizeiabsperrband versehen ist. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Mindestens 29 Kinder sollen auf einem Campingplatz in Lügde missbraucht worden sein. Nun wurden Details aus der Aussage einer Mitarbeiterin des Jobcenters Blomberg bekannt, die sich schon im November 2016 an die Polizei und das Jugendamt gewandt hatte.

Damals war der Hauptbeschuldigte Andreas V. (56) mit seiner Pflegetochter im Jobcenter erschienen.

Der Frau soll nicht nur aufgefallen sein, dass das Mädchen für die Jahreszeit zu dünn angezogen war, sondern sie wurde durch Äußerungen der beiden elektrisiert. Das damals sechs Jahre alte Mädchen soll gesagt haben: »Ich hasse Männer. Männer stinken nach Schweiß.« Daraufhin soll An­dreas V. zu der Sachbearbeiterin gesagt haben: »Frauen sind manchmal schwierig. Aber für Süßigkeiten tut sie alles.«

Kripo schloss die Akte

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigte, dass die Jobcenter-Mitarbeiterin das damals so zu Protokoll gegeben hat. »Das sind Äußerungen, die meiner Meinung nach bei Fachleuten die Alarmglocken schellen lassen müssen.« Doch weder das Jugendamt noch die Polizei sahen darin einen Anhaltspunkt für einen Missbrauch. Die Kripo schloss die Akte, ohne sie der Staatsanwaltschaft vorzulegen.

Dass der Hauptbeschuldigte Andreas V. im November 2016 so durch die Maschen schlüpfen konnte, lag wohl auch an einem früheren Versäumnis der Polizei: Nachdem ein Familienvater den Mann im August 2016 angezeigt hatte, legte die Polizei nicht einmal einen Vorgang an. Deshalb existierte der Name Andreas V. im Polizeicomputer nicht. »Wäre er dort vermerkt gewesen, hätte man der Aussage der Jobcenter-Mitarbeiterin wohl mehr Bedeutung zugemessen«, sagt ein Ermittler.

Drei Staatsanwälte ermitteln

Die Polizei kennt sechs weitere Kinder , die auf dem Campingplatz in Lügde (Kreis Lippe) missbraucht worden sein sollen. Damit steigt die Zahl der bekannten Opfer auf 29.

»Nach der Berichterstattung in den Medien haben sich in dieser Woche weitere Eltern bei der Kripo gemeldet«, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter am Freitag. »Die Befragung ihrer Kinder hat dazu geführt, dass wir jetzt von 29 Opfern sexueller Gewalt sprechen.«

Wegen des Umfangs des Verfahrens mit etwa 1000 Taten wurden die Ermittlungen aufgeteilt: Eine Staatsanwältin ermittelt gegen die drei mutmaßlichen Sexualverbrecher, eine Staatsanwältin gegen Polizisten, die Hinweisen auf den Haupttäter 2016 möglicherweise nicht richtig nachgegangen waren, und ein Oberstaatsanwalt prüft die Rolle der Jugendämter.

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