Mi., 13.02.2019

Missbrauchsfall Lügde: 48-Jähriger aus Stade bleibt nach Haftprüfung im Gefängnis Täter benutzte im Netz seinen wahren Namen

Rot-weißes Absperrband haben Polizisten auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen rund um die Parzelle des Hauptbeschuldigten gespannt.

Rot-weißes Absperrband haben Polizisten auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde-Elbrinxen rund um die Parzelle des Hauptbeschuldigten gespannt. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Detmold/Stade/Lügde/Steinheim (WB). Tatort Campingplatz: Der Mann (48) aus Stade, der über das Internet beim Missbrauch eines Kindes (10) zugesehen hat, bleibt in Untersuchungshaft.

In dem Verfahren, in dem es nach Angaben der Staatsanwaltschaft Detmold um den tausendfachen Missbrauch von mindestens 31 Mädchen und Jungen geht, sitzen drei Männer in U-Haft: Der Hauptbeschuldigte Andreas V. (56) aus Lügde und sein mutmaßlicher Komplize Mario S. (33) aus Steinheim sollen auf dem Campingplatz in Lügde Kinder missbraucht haben.

Der dritte Mann (48) soll über das Internet zugesehen haben. Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass er die anderen beiden angestiftet hat – und einem Anstifter droht die gleiche Strafe wie dem Täter.

Als einziger der drei Verteidiger hatte Jann Popkes für seinen Mandanten aus Stade eine Haftprüfung beantragt. Der alleinstehende Mann sitzt seit dem 10. Januar in Untersuchungshaft. Popkes: »Er bestreitet, die anderen angestiftet zu haben. Glaubt man ihm, bleiben nur der Erwerb und der Besitz von Kinderpornographie übrig, und dafür kommt man eigentlich nicht in Untersuchungshaft.«

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Möglicherweise kann sich das Gericht nicht ganz frei machen von dem enormen öffentlichen Druck.

Jann Popkes, Anwalt

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Der Mann wurde am Dienstag aus der Justizvollzugsanstalt Bielefeld zum Amtsgericht Detmold gefahren. Dort verhandelte die Ermittlungsrichterin 50 Minuten hinter verschlossenen Türen. Sie hörte die Argumente der Staatsanwältin, des Verteidigers und befragte den Beschuldigten. Dann traf sie ihre Entscheidung: Der Haftbefehl bleibt in Kraft.

Jann Popkes sagte anschließend: »Mein Mandant hat den Besitz von Kinderpornos gestanden und zugegeben, per Videochat beim Missbrauch zugesehen zu haben. Er hat gesagt, was er weiß, aber es hat ihm nichts genutzt. Möglicherweise kann sich das Gericht nicht ganz frei machen von dem enormen öffentlichen Druck, den es in diesem Fall gibt.«

Allerdings sind auch die vielen kinderpornographischen Fotos und Videos, die bei dem Stader gefunden wurden, noch nicht ausgewertet. Den Mann freizulassen ohne zu wissen, was diese Dateien zeigen, erscheint offenbar riskant. Außerdem sieht die Staatsanwaltschaft Fluchtgefahr und ein Wiederholungsrisiko.

Erster Kontakt 2010

2010 soll der Mann den Hauptbeschuldigten Andreas V. im Internet kennengelernt haben. Während Andreas V. dort unter mindestens zwei Pseudonymen auftrat, benutzte der Mann aus Niedersachsen seinen wahren Vornamen.

Bei einem ersten Chat 2010 soll Andreas V. sein Gegenüber aufgefordert haben, ihn in sein ganzes Zimmer sehen zu lassen – offenbar um sicherzustellen, dass der Internetchat keine Falle der Polizei ist. 2011 soll Dauercamper Andreas V. dann vor laufender Kamera ein zehnjähriges Mädchen ausgezogen, missbraucht und dabei mit dem Mann aus Stade gesprochen haben. Das Mädchen merkte sich den Vornamen des Mannes, der aus der Ferne zusah, und vergaß ihn nie: Es konnte ihn jetzt, fast acht Jahre später, der Polizei nennen. Hinweise darauf, dass der Stader für den Missbrauch Geld gezahlt hat, hat die Ermittlungskommission nicht.

Der Mann aus Stade will damals nach einiger Zeit den Kontakt zu Andreas V. abgebrochen haben, »weil ihm die Sache zu heiß wurde«, wie Anwalt Jann Popkes sagt. Denn Andreas V. habe seinen Mandanten eingeladen, mal vorbeizukommen. »Das wollte er aber nicht.«

Prozess spätestens im Juni

Nach Angaben des Verteidigers erklärte der Beschuldigte vor der Ermittlungsrichterin, dass er auch im Prozess alles sagen werde, um den Opfern eine Aussage zu ersparen. »Er hofft, dass die anderen beiden Beschuldigten diesem Beispiel folgen.«

Die Anwälte der anderen beiden Männer planen keine Haftprüfung – sie wissen, dass sie aussichtslos wäre. Der Prozess gegen die drei Männer soll spätestens im Juni beginnen. Um die Opfer zu schützen, werden große Teile der Verhandlung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

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