Mi., 06.03.2019

Ermittlungspannen, verschwundene Beweise, Stühlerücken: eine vorläufige Chronik des Missbrauchsfalls Lügde Kein Fall wie jeder andere

Der Campingplatz »Eichwald« liegt abgeschieden in Lügde-Elbrinxen. Auf der anderen Straßenseite ist das Freibad.

Der Campingplatz »Eichwald« liegt abgeschieden in Lügde-Elbrinxen. Auf der anderen Straßenseite ist das Freibad. Foto: Land NRW 2019, Christian Althoff (3)

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Am Mittwoch ist es fünf Wochen her, dass die ersten Informationen zu dem mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde öffentlich wurden. Ein Jugendamtsleiter und zwei leitende Polizisten mussten seitdem ihre Stühle räumen. Eine Chronik .

3. August 2018: Ein Mädchen (9) aus Bad Pyrmont offenbart seiner Mutter, es sei auf dem Campingplatz (Foto) von Andreas V. missbraucht worden. Die Camperin hat Angst vor dem 56-Jährigen und zögert, zur Polizei zu gehen.

20. Oktober 2018: Die Mutter erstattet Anzeige auf der Wache Bad Pyrmont. Zehn Tage später wird das Kind vernommen. Es erzählt auch von Taten gegen die Pflegetochter von Andreas V .

12. November 2018 : Seit der Aussage des Kindes sind fast zwei Wochen vergangen. Erst jetzt wird die Polizei Lippe informiert, in deren Zuständigkeitsbereich der Campingplatz liegt. Warum die niedersächsische Polizei so lange gewartet hat, will sie nicht sagen.

13. November 2018: Die Kripo Lippe informiert das Jugendamt Blomberg , das das Pflegekind sofort abholt und in eine Bereitschaftspflege gibt.

Kripo reagiert erst nach drei Wochen

6. Dezember 2018: Obwohl Andreas V. jetzt gewarnt ist, wartet die Kripo fast drei Wochen, bevor sie seine Behausung durchsucht und ihn festnimmt.

13. Dezember 2018 : Ein Polizeischüler soll in Detmold CDs und DVDs von Andreas V. auswerten. Er lässt die Asservate, die in einem Alukoffer und einer schwarzen Mappe stecken, danach einfach auf dem Schreibtisch liegen. Inzwischen weiß die Kripo von acht Missbrauchsfällen und richtet eine Ermittlungskommission ein. Leiterin wird jene Beamtin, die 2016/2017 einem Hinweis auf Andreas V. nicht konsequent nachgegangen sein soll.

20. Dezember 2018: Die Ermittlungskommission durchsucht die Jugendämter in Lippe und beim Kreis Hameln-Pyrmont und stellt die Akten der Pflegetochter sicher. In der Kreispolizeibehörde Lippe werden an diesem Tag zum letzten Mal der Alukoffer und die schwarze Mappe gesehen.

10. Januar 2019: Lippes Polizeichef, Polizeidirektor Bernd Stienkemeier, telefoniert mit Wolfgang Niewald, Kripochef im Polizeipräsidium Bielefeld. Stienkemeier informiert ihn über die Missbrauchsserie und soll darauf gedrungen haben, dass die Ermittlungen weiter von der lippischen Behörde geführt werden. Zeugen und die Auswertung von Daten haben inzwischen zu zwei weiteren Verdächtigen geführt: In Stade wird Heiko V. (48) festgenommen.

Zwei weitere Festnahmen

11. Januar 2019: Mario S. (33) aus Steinheim (Kreis Höxter) wird ebenfalls festgenommen.

13. Januar 2019: Die Polizei durchsucht das Kommunale Rechenzentrum in Lemgo nach Unterlagen zu dem Pflegekind. Die sind aber nicht hier gespeichert, sondern beim Kreis Lippe.

29. Januar 2018: Staatsanwaltschaft Detmold und Kripo Lippe laden zu einer Pressekonferenz am 30. Januar ein. Erste Details sickern durch. Auf dem Campingplatz sagt Inhaber Frank Schäfsmeier, dass niemand Andreas V. solche Taten zugetraut habe.

30. Januar 2018: Bei der Kripo Detmold bemerkt jemand, dass der Koffer und die Mappe mit den CDs weg sind. Bei der Pressekonferenz ist das kein Thema. Die Beamten berichten von 23 Opfern – zwei Jungen und 21 Mädchen von vier bis 13 Jahren und mindestens 1000 Verbrechen. Die Leitung der Ermittlungskommission hat inzwischen zweimal gewechselt.

Jens Ruzsitska berichtet

31. Januar 2018: Die Staatsanwaltschaft leitet Ermittlungen gegen einen pensionierten Polizisten aus Blomberg und eine Kriminalbeamtin ein, weil sie Hinweise auf Andreas V. 2016/2017 nicht sachgerecht verfolgt haben sollen. Auch gegen acht Jugendamtsmitarbeiter aus NRW und Niedersachsen wird ermittelt. Das Innenministerium ordnet an, dass das Polizeipräsidium Bielefeld den Fall übernimmt.

1. Februar 2019: Jens Ruzsitska, alleinerziehender Vater aus Pyrmont, berichtet, dass Andreas V. seine Töchter 2016 unsittlich angefasst habe, aber die Polizei der Anzeige nicht nachgegangen sei. Die Kripo teilt mit, die Zahl bekannter Opfer betrage jetzt 29.

4. Februar 2019: Polizisten durchsuchen vergeblich Dienstwagen, Büros und Mülleimer nach den verschwundenen Asservaten.

5. Februar 2019: Der Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, Tjark Bartels (SPD), verteidigt die Entscheidung, dem heute Hauptbeschuldigten Andreas V. 2016 ein Pflegekind anvertraut zu haben. Es sei der Wunsch der Kindesmutter gewesen. Andreas V. habe etwa 1000 Euro im Monat bekommen.

Polizei chronisch unterbesetzt

6. Februar 2019: Bei einem Gespräch im Innenministerium, bei dem es um eklatante Fehler der lippischen Polizei seit 2016 geht, verschweigen die aus Detmold angereisten Beamten, dass Asservate verschwunden sind.

11. Februar 2019: Es wird bekannt, dass die Polizei Bielefeld seit Jahren personell und technisch nicht richtig aufgestellt sein soll, um Daten in Kinderporno- oder Wirtschaftsstrafverfahren in annehmbaren Fristen auszuwerten. Das Polizeipräsidium will sich dazu nicht äußern. Die Ermittlungskommission gibt bekannt, dass sie jetzt 31 Opfer kenne. Die Kripo Lippe informiert das Polizeipräsidium Bielefeld, dass Asservate verschwunden sind.

12. Februar 2019: Beim Amtsgericht Detmold findet eine Haftprüfung für Heiko V. aus Stade statt. Der 48-jährige gesteht, per Videochat beim Missbrauch zugesehen und Kinderpornos besessen zu haben. Er bleibt in U-Haft.

Innenminister Reul informiert im Innenausschuss

14. Februar 2019: NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) informiert im Innenausschuss des Landtags über den Fall. Im Ausschuss wird bekannt: Die Generalstaatsanwältin in Hamm, Petra Hermes, bezweifelt die Rechtmäßigkeit von Ermittlungen gegen Polizisten und Jugendamtsmitarbeiter. Am Abend geht ein Anruf aus dem Polizeipräsidium Bielefeld in Düsseldorf ein: Jetzt erst erfährt das Ministerium von den verschwundenen Datenträgern.

15. Februar 2019: Die verschwundenen Asservate elektrisieren Reul. Er schickt einen Sonderermittler mit vier Mitarbeitern nach Detmold. Der Leiter des Jugendamtes im Landkreis Hameln Pyrmont gesteht dem Landrat, Ende 2018 die Akte des Pflegekindes von Andreas V. manipuliert zu haben. Der Mann wird freigestellt.

18. Februar 2019: Das LKA bewertet Datenauswertung und Aktenführung in Lippe als »höchst defizitär«. Fachliche Standards seien nicht eingehalten worden und eine Aufsicht durch Vorgesetzte »nicht erkennbar«.

19. Februar 2019: Tjark Bartels, Landrat des Kreises Hameln-Pyrmont, gesteht ein, dass An­dreas V. als Pflegevater des Mädchens nicht mit dem Jugendamt kooperiert habe. »Es gab Defizite in der Erziehung. Er ließ sich nichts sagen und nahm an Seminaren nicht teil.«

Kripochef wird suspendiert

21. Februar 2019:  Polizeidirektor Bernd Stienkemeier und weitere leitende Beamte aus Lippe müssen zum Rapport ins Ministerium. In dem Gespräch soll Kripochef Wolfgang Pader angeboten haben, die Verantwortung zu übernehmen und zu gehen.

22. Februar 2019: Kripochef Wolfgang Pader wird suspendiert. Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD) macht ihn für die Pannen verantwortlich. Drei Wochen, nachdem die Polizei Bielefeld den Fall übernommen hat, sperrt sie die Tatorte auf dem Campingplatz mit Gitterzäunen ab.

Polizeidirektor Bernd Stienkemeier. Foto: Althoff

26. Februar 2019: Polizeidirektor Bernd Stienkemeier (59), Leiter der Polizei im Kreis Lippe, muss seinen Stuhl räumen . Angeblich soll er künftig im 230 Kilometer entfernten Brühl arbeiten. Er meldet sich krank. Auf der Suche nach den Asservaten werden Wachen in Bad Salzuflen, Lemgo und Blomberg durchsucht.

28. Februar 2019 : Oberstaatsanwalt Ralf Vetter teilt mit, dass Ermittlungen gegen zwei Elternteile von Opfern wohl eingestellt werden. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass sie von den Taten gewusst hätten.

Erste systematische Spurensuche

27. Februar bis 1. März: Vier Monate nach der Anzeige der Mutter findet die erste systematische Spurensuche auf dem Campingplatz statt. Sie dauert drei Tage. Polizisten finden etwa 50 CDs, Disketten, Handykarten, SD-Karten und einen USB-Stick. Bereits zuvor waren bei einer oberflächlichen Durchsuchung 131 CDs, eine Festplatte, ein PC und ein USB-Stick entdeckt worden. Alles das hatte die Kripo Lippe übersehen.

4. und 5. März 2019: Polizisten durchsuchen erneut die Wohnungen der beiden Hauptbeschuldigten in Lügde und Steinheim. Andreas V. hatte sich auf Druck des Jugendamts eine Wohnung genommen und war wohl auch mehrmals mit Kindern dort, zog aber nicht dauerhaft ein.

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