Fr., 15.03.2019

Innenminister Reul suspendiert Kripobeamten aus Bad Salzuflen Lippe: auch in anderem Fall Beweise verschwunden

Auf diesem Campingplatz in Lügde sollen in mehr als 1000 Fällen Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein.

Auf diesem Campingplatz in Lügde sollen in mehr als 1000 Fällen Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden sein. Foto: Althoff

Von Hilmar Riemenschneider und Christian Althoff

Detmold (WB). Bei der Kripo Lippe sind offenbar nicht nur im Fall Lügde , sondern auch in einem anderen Sexualermittlungsverfahren Beweise weggekommen.

Das erklärte Innenminister Herbert Reul (CDU) am Donnerstag im Innenausschuss, ohne Details des Verfahrens zu nennen. Gegen den beschuldigten Beamten, der zuletzt im Kriminalkommissariat Bad Salzuflen gearbeitet habe, bestehe der Verdacht der Straf­vereitelung. »Die Beweismittel sind nicht mehr auffindbar«, sagte Reul. Zudem werde ihm in zwei Fällen Verstrickungsbruch – die Beschädigung eines Siegels – vorgeworfen: In zwei von dem Beamten geführten Ermittlungsver­fahren seien 2015 und 2016 ebenfalls Asservate nicht mehr auffindbar gewesen.

Es handelt sich ausgerechnet um jenen Polizisten, der im Missbrauchsfall Lügde einen Polizeischüler mit der Auswertung von 155 CDs und DVDs beauftragt hatte, die später verschwanden. »Es besteht nach jetziger Erkenntnislage der Verdacht, dass die fehlenden Asservate bewusst entfernt wurden« , sagte Reul am Donnerstag im Innenausschuss. Der Kripobeamte war der Tutor des Polizeischülers – er ist speziell ausgebildet, sollte den Praktikanten anleiten und seine Arbeit überwachen. Das tat er offenbar nicht, denn sonst ­wären die Datenträger ein­geschlossen worden.

Dieser Beamte hatte auch zwischenzeitlich die Ermittlungskommission im Fall Lügde geleitet, bevor er im Januar abgelöst wurde. Der Beamte wurde inzwischen vorläufig vom Dienst suspendiert. Mit der Dienstenthebung des Beamten ging Reul über die Maßnahmen der Lipper Behörde hinaus, deren Kripochef nur Anzeige gestellt und ein Disziplinarverfahren eingeleitet hatte.

Gegen zwei weitere Polizisten laufen Strafverfahren

Im Fall Lügde waren drei Beamte aus der Führung der Polizei Lippe bereits versetzt worden. Gegen zwei weitere Polizisten laufen Strafverfahren, weil sie frühe Hinweise auf den Kindesmissbrauch nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet hatten. Die drei Haupttatverdächtigen im Missbrauchsfall sitzen in Untersuchungshaft. Nach bisherigen Erkenntnissen hatte es seit 2008 auf dem Campingplatz in Lügde mehr als 1000 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen gegeben. Zudem gibt es Hinweise, dass der Hauptverdächtige schon 2002 ein damals achtjähriges Mädchen missbraucht haben soll. Es gibt laut Reul zudem Hinweise auf eine weitere »tatrelevante Parzelle« auf dem Campingplatz.

Aktuell wertet die 60-köpfige Ermittlungseinheit der Bielefelder Polizei 3,3 Millionen Bilder und 86.300 Videos aus. Innenminister Reul betonte am Donnerstag erneut, dass die in Lippe vom Innenministerium eingesetzte Task Force festgestellt habe, »dass Erlasse und Standards im Umgang mit Asservaten nicht eingehalten wurden«.

»Die Abgründe sind noch tiefer«

»Die Abgründe sind noch tiefer«, reagierte der SPD-Innenpolitiker Hartmut Ganzke auf die neuen Enthüllungen. Die Entwicklung werde »immer haarsträubender«. Seine Grünen-Kollegin Verena Schäffer nannte es »erschütternd«, dass Polizisten jetzt vor Ort direkt angegangen würden und »es einen solchen Vertrauensverlust in die Polizeiarbeit gibt«. Zugleich erinnerte sie an die Eltern der Opfer, die aus den Medien von immer neuen Pannen erführen. Dem Innenminister warf Schäffer vor, er habe zu spät reagiert: »Sie hätten spätestens am 11. Januar die Ermittlungen an die Polizei in Bielefeld übertragen müssen .« Da sei erstmals die Zahl von mindestens 30 Opfern klar gewesen. Reul verteidigte sich: Die Kreispolizeibehörde Lippe habe betont, sie habe die Ermittlungen unter Kontrolle. Er habe den Fall am 31. Januar delegiert, als es um mindestens 1000 Einzeltaten ging.

Der Minister betonte zugleich, das Innenministerium habe der Kreispolizei mehrfach Unterstützung angeboten. »Man kann erst helfen, wenn jemand bereit ist, Hilfe anzunehmen«, sagte er in Richtung von Lippes Landrat Axel Lehmann (SPD). Reul erklärte zudem, er verstehe nicht, warum eine für die Aufklärung von Missbrauchsfällen ausgebildete Beamtin nicht eingesetzt war.

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