Di., 23.04.2019

Missbrauchsfall Lügde: Kriminaldirektor Ingo Wünsch über Fehler und ihre Folgen Sonderermittler: »Es ging sogar gegen Familien«

Auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde sollen mindestens 40 Kinder missbraucht worden sein.

Auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde sollen mindestens 40 Kinder missbraucht worden sein. Foto: Christian Althoff

Lügde/Düsseldorf (WB). Am Dienstag nimmt im NRW-Innenministerium die Stabsstelle Kinderpornographie/Kindesmissbrauch ihre Arbeit mit zunächst drei Mitarbeitern auf. Kriminaldirektor Ingo Wünsch (53), der Sonderermittler im Fall Lügde , ist ihr Leiter. Christian Althoff stellte ihm Fragen zu seiner Arbeit.

Herr Wünsch, was ist überhaupt eine Stabsstelle, und welches Ziel hat diese spezielle Stelle?

Ingo Wünsch : Letztlich soll die Stabsstelle helfen, Kinderpornographie und Missbrauch im ganzen Land besser zu bekämpfen. Das hat höchste Priorität. So überprüfen wir zunächst, wie die Polizei diese Delikte bearbeitet. Dabei geht es vor allem um die Analyse. Wir werden dann sehen, was nicht optimal läuft und Vorschläge machen, wie Kinderpornographie und der damit einhergehende sexuelle Missbrauch von Kindern besser bekämpft werden können. Dabei schauen wir auch über den Tellerrand und sehen, was andere Länder vielleicht besser machen. Als Stabsstelle arbeiten wir außerhalb der üblichen Polizeihierarchie direkt im Ministerbüro.

Kriminaldirektor Ingo Wünsch.

Haben Sie sich als Sonderermittler in Lippe nur um den Bereich Kindesmissbrauch gekümmert oder auch andere Bereiche durchleuchtet?

Wünsch: Derzeit untersuchen Experten der Polizei die Organisation der Kreispolizeibehörde Lippe. Beleuchtet wird sowohl der organisatorische Aufbau als auch der Ablauf. Alle Prozesse, die für den Erfolg einer Polizeibehörde wichtig sind, kommen auf den Prüfstand. Danach gibt es einen Bericht an die Polizeiführung, der mögliche Verbesserungen aufzeigt.

Es geht dabei natürlich besonders um die Bereiche, die im Rahmen meiner Ermittlungen als defizitär aufgefallen sind. Zum Beispiel der Umgang mit Asservaten. Das Experten-Team arbeitet dabei eng mit der Kreispolizeibehörde Lippe zusammen.

Auf welche handwerklichen Fehler sind Sie bei der Überprüfung in Detmold gestoßen?

Wünsch: Der Umgang mit Asservaten, die kriminalfachliche Ermittlungstätigkeit, wie etwa die Durchführung und Dokumentation von Durchsuchungen, haben sich als defizitär herausgestellt. Und besonders gab es Fehler in der Führung.

Können Sie Gründe für diese Fehler nennen?

Wünsch: Das waren viele individuelle Fehler, die sich im Ergebnis potenziert haben. Hinzu kam, dass die verantwortliche Führung nicht reagiert hat. Deshalb war das ganze Verfahren unter kriminalfachlichen Gesichtspunkten mangelhaft.

ehen Sie Vorsatz oder eher Fahrlässigkeit?

Wünsch: Ich habe derzeit überhaupt keine Hinweise auf einen Vorsatz.

Haben Sie auch strukturelle Fehler entdeckt, die möglicherweise in vielen anderen Behörden auch erwartet werden können?

Wünsch: Genau darum geht es. Das zu prüfen, ist unter anderem Aufgabe meiner Stabsstelle.

Dinge wie das Beauftragen eines Kommissaranwärters mit der Datenauswertung werden ja damals zumindest in der Ermittlungskommission Camping bekannt gewesen sein. Hat dort niemand Einwände erhoben?

Wünsch: Der Kommissaranwärter hat die 155 Datenträger im Rahmen der Ermittlungskommission Camping gesichtet. Hierfür tragen die damalige Leitung der Ermittlungskommission und der zugewiesene Tutor die Verantwortung. Niemand anderes.

rden dem Polizeischüler Vorwürfe gemacht?

Wünsch: Die Ermittlungen haben bisher kein schuldhaftes Verhalten ergeben.

Haben Sie von der Basis in Lippe ein Feedback zu Ihrer Arbeit bekommen?

Wünsch: Unsere Aufgabe in Lippe war schwierig, ganz klar. Umso mehr haben wir das kollegiale Miteinander mit den Kolleginnen und Kollegen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, geschätzt. Das war wirklich angenehm, auch, weil es ein sehr großes Interesse in der Polizeibehörde Lippe gab, an der Aufklärung zum Verbleib der Asservate mitzuwirken. Das war nicht selbstverständlich, denn wir haben ja mit unserer Arbeit den Finger in die Wunde gelegt.

Mich macht nur betroffen, dass Kolleginnen und Kollegen aus Lippe im Dienst und – noch schlimmer – im privaten Bereich verbal angegriffen wurden. Es ging ja sogar gegen die Familien, was ich unerträglich finde. Das muss aufhören.

War es denn nötig, die lange zurückliegenden Fälle der zwei vorbelasteten lippischen Polizisten (Geheime Videoaufnahmen in der häuslichen Privattoilette, Schicken eines Nacktfotos an eine Polizeischülerin) nach Düsseldorf zu melden?

Wünsch: In der Öffentlichkeit kursierten ja Verschwörungstheorien. Deshalb war und ist es wichtig, alle möglichen Aspekte in die Ermittlung einzubeziehen. Es geht um radikale Aufklärung. Nichts sollte verschwiegen, nichts unter den Teppich gekehrt werden. Nur durch eine gründliche Überprüfung und vor allem Transparenz können wir deutlich machen, dass Sachverhalte, die nichts miteinander zu tun haben, auch wirklich nichts miteinander zu tun haben.

Kinderpornos – bei diesem Begriff haben manche Menschen heimlich aufgenommene Fotos nackter Kinder am Strand vor Augen. Sagen Sie doch mal, wie die Wirklichkeit aussieht.

Wünsch: Deutlich anders und schlimmer. Eine Beschreibung möchte dazu nicht geben.

Soweit ich weiß, liegen in mehreren Behörden Datenträger aus Kinderporno-Verfahren, deren Auswertung seit mehr als einem Jahr andauert. Ist das noch vertretbar?

Wünsch: Wir müssen der Realität ins Auge sehen: Kinderpornographie ist ein Massenphänomen mit deutlich ansteigenden Datenmengen, alleine schon durch die rasant anwachsenden Speicherkapazitäten. Den Polizeibehörden bleibt angesichts dieser Mengen gar nichts anderes übrig, als die Bearbeitung von Verfahren der Kinderpornographie zu bewerten und zu priorisieren.

Gegen einen prominenten Bielefelder mussten Kinderpornoermittlungen eingestellt werden, weil die bei ihm sichergestellte Festplatte so gut ­geschützt war, dass niemand die Verschlüsselung knacken ­konnte. Kommt so etwas häufig vor?

Wünsch: Der Fall ist mir nicht bekannt. Aber in der Regel können unsere Spezialisten Verschlüsselungen knacken. Das ist nicht unser Problem in diesem Bereich.

Fünf Millionen Fotos gesichtet

- Zur Ermittlungskommission »Eichwald« der Bielefelder Polizei gehören 81 Beamte.

- Sie haben bisher 40 Opfer und acht Beschuldigte identifiziert.

- Die Beamten haben im Missbrauchsfall Lügde bis heute fünf Terabyte Daten überprüft. Das ist knapp ein Drittel der sichergestellten Menge.

- Von den Polizisten wurden schon fünf Millionen Fotos und etwa 220.000 Filme gesichtet.

- Unter diesen Dateien sind nach Polizeiangaben mehr als 30.000 Fotos und fast 11.000 Filme, die als Kinder- und Jugendpornographie eingestuft wurden.

NRW prüft Einsetzung eines Missbrauchsbeauftragen

Nach den schweren Missbrauchsfällen in Lügde und anderen Städten prüft die nordrhein-westfälische Regierung, ob ein Beauftragter gegen Kindesmissbrauch auf Landesebene nötig ist. NRW-Kinder- und Jugendminister Joachim Stamp (FDP) stehe dem offen gegenüber, teilte das Ministerium in Düsseldorf mit. Vorstellbar wäre ein Beauftragter ebenso wie eine Kommission zur Prävention sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige. Die Entscheidung werde im Rahmen eines Gesamtkonzepts für einen effektiveren Schutz von Kindern getroffen.

In anderen Bundesländern sieht man weniger Bedarf. Das Justizministerium in Niedersachsen verwies auf die seit Jahren bestehende »Stiftung Opferhilfe«, die Opferhilfebüros an elf Standorten unterhält. In Bayern ist die Zahl der Beauftragten der Landesregierung per Gesetz auf sieben begrenzt – der Rahmen ist derzeit ausgeschöpft. Auch Hamburg sieht keine Notwendigkeit.

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