Sa., 27.04.2019

Nach Rücktrittsforderung Aktionismus im Fall Lügde Polizei bewacht leere Parzellen

Campingplatz »Eichwald«: Die frühere Parzelle des Hauptbeschuldigten Andreas V. ist leergeräumt

Campingplatz »Eichwald«: Die frühere Parzelle des Hauptbeschuldigten Andreas V. ist leergeräumt Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Ein paar Kantensteine, ein paar Gehwegplatten – mehr ist nicht übrig von den beiden Behausungen, in denen Andreas V. (56) und Mario S. (34) jahrelang Kinder missbraucht haben sollen.

Doch die Hoffnung des Campingplatzbetreibers Frank Schäfsmeier, dass mit dem Abriss der Tatorte endlich Ruhe in die Anlage »Eichwald« einkehrt, erfüllt sich nicht: Auf Anordnung des Innenministeriums werden von Montag an sechs Ermittlerteams Camper befragen – nach möglichen weiteren Opfern, nach möglichen Mittätern, nach möglichen Beweisen.

Ob dabei etwas herauskommt, bleibt abzuwarten. Denn im Fall Lügde ist seit einigen Tagen ein enormer Aktionismus angesagt. Niemand möchte sich einen Fehler leisten, der den Innenminister in Not bringen könnte.

Die SPD hatte Herbert Reuls Rücktritt gefordert, nachdem bei Abrissarbeiten auf dem Campingplatz CDs des Hauptbeschuldigten Andreas V. aufgetaucht waren. Als dann noch herauskam, dass die Bielefelder Polizei einen abseits liegenden Schuppen des Hauptbeschuldigten nicht durchsucht hatte , soll Reul »explodiert« sein. So wird es in Düsseldorf erzählt.

Schuppen irrelevant?

Dabei hält die federführende Staatsanwaltschaft Detmold den Schuppen für irrelevant. Oberstaatsanwalt Ralf Vetter: »Er war offen und für jedermann zugänglich. Er wurde nach unseren Erkenntnissen von drei Leuten genutzt.« Die Vernehmung des Abrissunternehmers habe auch keine Anhaltspunkte dafür ergeben, dass er »beweisrelevante Gegenstände« aus dem Verschlag entsorgt habe.

Warum der Schuppen nicht beachtet wurde, ist unklar. Die anfangs zuständige Kripo Lippe soll gewusst haben, dass er Andreas V. zuzurechnen war und ihn deshalb bei der Tatortaufnahme fotografiert haben. Als die Bielefelder den Fall übernahmen, soll der Schuppen aber außerhalb des mit Polizeiabsperrband markierten Bereichs gelegen haben.

Der Schuppen war wohl Anlass für Reul, Führungskräfte aus dem Ministerium nach Bielefeld zu schicken, darunter Dr. Daniela Lesmeister, ranghöchste Polizistin des Landes. Zum Ergebnis des Besuchs sagte Ministeriumssprecher Wolfgang Beus, die EK »Eichwald« mache sehr gute Arbeit. »Aber die Sache mit dem Schuppen bleibt an ihr kleben. Damit muss sie leben.«

Nicht mehr aus den Augen gelassen

Offenbar aus Angst, dass weitere angebliche Beweisstücke auftauchen könnten, greift die Polizei zu ungewöhnlichen Mitteln: Obwohl die Staatsanwaltschaft die Tatorte bereits am 27. März freigegeben hatte, lässt die Bielefelder Polizei die beiden Parzellen nicht mehr aus den Augen.

Den Abriss auf der Parzelle des zweiten Beschuldigten, Mario S., gab die Polizei selbst in Auftrag – auf Staatskosten. Sie bewachte nicht nur den Abriss, Polizisten mussten auch an der Müllverbrennungsanlage Hameln das Abladen des Abfalls überwachen. Und: Bielefelder Streifenbeamte müssen seit Tagen die leergeräumten Parzellen bewachen. Hinter vorgehaltener Hand wird erzählt, man befürchte, dass sonst jemand »Beweise« ablegen und »finden« könne.

Alle diese Maßnahmen betreibt die Polizei auf eigene Veranlassung. Die Staatsanwaltschaft sieht dafür keinen Anlass. Oberstaatsanwalt Ralf Vetter: »Die Ermittlungskommission macht hervorragende Arbeit. Wir haben genügend Beweise gegen die Hauptbeschuldigten und lassen uns nicht von Funden im Müll irritieren.«

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