Mi., 12.06.2019

In zwei Wochen beginnt der Lügde-Prozess – mit Video Die Angst der Opfer vor der Öffentlichkeit

In diesem Saal des Landgerichts Detmold wird der Missbrauchsfall Lügde verhandelt – weitgehend hinter verschlossener Tür.

In diesem Saal des Landgerichts Detmold wird der Missbrauchsfall Lügde verhandelt – weitgehend hinter verschlossener Tür. Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB). Noch zwei Wochen, dann beginnt vor dem Landgericht Detmold der Prozess im Missbrauchsfall Lügde . »Das wird für die Opfer nicht einfach«, sagt Rechtsanwältin Zeliha Evlice aus Vlotho.

Sie vertritt eine Mandantin, die jahrelang von dem Hauptbeschuldigten Andreas V. auf dem Campingplatz »Eichwald« missbraucht worden sei. »Das fing an, als sie acht war. Für viele Kinder aus der Umgebung war der Campingplatz ein Abenteuerspielplatz. Dort trafen sie sich, und dort trafen sie auf Andreas V.«

Mit dem Prozess droht alles wieder hochzukommen

Wie andere Kinder habe auch ihre Mandantin zu Hause nie etwas erzählt. »Zum einen hatten die Kleinen sicherlich Angst . Zum anderen kann ich mir aber auch vorstellen, dass der Missbrauch für manche Opfer irgendwann zur Normalität wurde und ihnen erst bewusst wurde, was da passiert, als sie in die Pubertät kamen.«

Andreas V. habe von ihrer Mandantin abgelassen, als sie in die Pubertät gekommen sei, sagt Zeliha Evlice. »Heute ist sie eine erwachsene Frau. Sie hat das Erlebte in den letzten Jahren verdrängt und blickt nach vorne. Aber mit dem Prozess droht alles wieder hochzukommen.«

Rechtsanwältin Zeliha Evlice aus Vlotho Foto: Althoff

Die junge Frau habe nicht nur Angst, ihrem Peiniger im Gericht gegenüberzusitzen. »Sie möchte überhaupt niemanden vom Campingplatz sehen – auch nicht auf dem Gerichtsflur.« Ein vertrautes Gesicht, ein Geruch, ein Geräusch – so etwas könne schon ausreichen, um ihre Mandantin wieder in die Missbrauchssituation von damals zu versetzen. »So eine Retraumatisierung sollte unbedingt verhindert werden.«

Öffentlichkeit wird von weiten Teilen ausgeschlossen

Das Gericht ist vorbereitet, die mutmaßlichen Opfer zu schützen. Sprecher Dr. Wolfram Wormuth: »Zum einen haben wir ein spezielles Zimmer, von dem Zeugen über einen Hintereingang in den Verhandlungssaal gelangen können, so dass sie niemand sieht. Zum anderen wird die Öffentlichkeit von weiten Teilen des Prozesses ausgeschlossen, wenn die Nebenklageanwälte das beantragen.« Sie könnten auch beantragen, einen Angeklagten während der Vernehmung ihrer Mandanten aus dem Saal zu bringen. »Das Gericht wägt dann die Interessen des Angeklagten gegen die der Zeugen ab. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass Opfern von Sexualstraftaten auf diese Weise eine Begegnung erspart wird.« Außerdem verfüge das Landgericht über Videotechnik, um die Aussage eines Zeugen aus einem anderen Raum in den Verhandlungssaal zu übertragen, wenn das Gericht das für notwendig halte.

Verteidiger wollen Angeklagte zu Geständnissen bewegen

Für Zuschauer wird der Prozess möglicherweise nicht viel hergeben. Sogar das Verlesen der Anklage beim Prozessauftakt am 27. Juni könnte hinter verschlossenen Türen stattfinden. Rechtsanwalt Peter Wüller aus Bielefeld, der mehrere Kinder vertritt: »In der Anklage sind alle Opfer mit Namen aufgelistet. Die kann man ja nicht einfach vor voll besetzten Zuschauerbänken vorlesen. Ich werde deshalb auf jeden Fall beantragen, dass die Zuschauer dann den Saal verlassen müssen.«

Nach allem, was bekannt ist, wollen die Verteidiger der drei Angeklagten ihre Mandanten dazu bewegen, Geständnisse in den Fällen abzulegen, in denen die Beweislage sicher zu sein scheint. So könnten einigen mutmaßlichen Opfern zumindest detaillierte Aussagen erspart werden.

Pflegetochter von Andreas V. gilt als Hauptopfer

Der Dauercamper Andreas V. (56) soll mindestens 23 Jungen und Mädchen missbraucht haben, Mario S. (34) werden Verbrechen an 17 Kindern zur Last gelegt. Das Mädchen, das das Jugendamt Hameln-Pyrmont Andreas V. als Pflegetochter anvertraut hatte (es soll mit fünf Jahren zum ersten Mal von ihm missbraucht worden sein), gilt als das Hauptopfer. Die Staatsanwaltschaft geht von weit mehr als 100 Verbrechen alleine an diesem Kind aus.

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