Fr., 14.06.2019

Ein ehemaliger Tauch-Kumpel von Andreas V. erinnert sich – mit Video »Die Kinder aus Lügde waren alle sehr still«

Dieses Foto hat Jochen Roth 2009 am Forellensee in Nordhausen (Thüringen) gemacht. »Der Taucher am Ufer ist Andreas V. Die beiden Mädchen hatte er mitgebracht. Er sagte, es seien die Kinder von Campingnachbarn aus Lügde.«

Dieses Foto hat Jochen Roth 2009 am Forellensee in Nordhausen (Thüringen) gemacht. »Der Taucher am Ufer ist Andreas V. Die beiden Mädchen hatte er mitgebracht. Er sagte, es seien die Kinder von Campingnachbarn aus Lügde.«

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Es gärt in Jochen Roth (50), seit Monaten schon. »Natürlich frage ich mich, ob ich damals genauer hätte nachhaken müssen. Vielleicht wären dann viele Kinder nicht missbraucht worden.«

Andreas V. soll mehrere Taucherausrüstungen besessen haben. Er habe sie sich von einer Rente abgespart, soll er gesagt haben.

Der Maschinenschlosser aus Paderborn war vor vielen Jahren ein Tauch-Kumpel von Andreas V. (56), einem der beiden Haupttäter im Missbrauchsfall Lügde. »Wir lernten uns 2005 in der Westfalen-Therme in Bad Lippspringe bei einem Tauchkursus kennen.«

In späteren Jahren, 2008 und 2009, trafen sich die beiden immer wieder beim Sporttauchen – mal am Nesthauser See in Paderborn-Sande, häufiger aber am Forellensee im thüringischen Nordhausen. »Da ist das Wasser extrem klar. Dahin kommen sogar Taucher aus dem Ausland.«

Jedes Mal Kinder dabei

Manchmal habe Andreas V. mit seinem Auto an einem Kreisverkehr in Lügde gewartet, dann sei man von dort mit mehreren Wagen durch den Solling nach Thüringen gefahren. »Das sind von Lügde aus gut 150 Kilometer. Wir sind abends zurückgefahren, aber Addi ist meistens dageblieben.«

Er habe einen Wohnwagen am See abgestellt – »abseits und nie auf dem dortigen Campingplatz. Das war schon komisch.« Und er habe jedes Mal Kinder bei sich gehabt. »Drei oder vier Mädchen. Das jüngste war vielleicht vier oder fünf, das älteste vielleicht elf, zwölf oder 13. Nur einmal habe ich auch einen Jungen bei ihm gesehen.«

»Die waren wie Zombies«

Natürlich habe man Addi gefragt, warum er als alleinstehender Mann so viele Kinder um sich herum habe. »Er sagte, es seien Nachbarskinder von seinem Campingplatz. Wir haben uns nichts weiter dabei gedacht. Schließlich hatten die Kinder ja auch Eltern, die ja zugestimmt haben mussten. Und ehrlich: man kommt auch nicht auf die Idee, dass jemand, dem man unter Wasser vielleicht sein Leben anvertraut, ein schlechter Mensch sein könnte.«

Allerdings hätten sich die Kinder nicht so verhalten, wie man das habe erwarten können, sagt der Vater zweier Töchter. »Kinder in der Natur an einem See – da wird doch getobt, da wird geschrien, da wird mit Steinen und Stöcken geworfen. Aber diese Mädchen verhielten sich ganz anders. Die waren still, zurückhaltend und einsilbig. Einmal hat eines der Mädchen mit einem Playmobil-Pferd gespielt, wie es meine Tochter auch besaß. Ich habe das als Aufhänger genommen, um mit dem Kind ins Gespräch zu kommen, aber es sagte nichts. Meistens war es so, dass die Mädchen einsilbige Antworten gaben, sich umdrehten und gingen. Die waren wie Zombies.«

Ein »völliger Eigenbrötler«

Auch auf dieses auffällige Verhalten der Mädchen habe er An­dreas V. angesprochen. »Er sagte, die Kinder seien nur übernächtigt. Das habe ich dann so hingenommen. Heute weiß ich natürlich, dass die Kleinen unter mächtigem Druck gestanden haben müssen.«

Obwohl das alles zehn oder elf Jahre her ist, sei es ihm noch sehr präsent, sagt Jochen Roth. So erinnere er sich auch noch an ein damals zehnjähriges Mädchen, das mit am Forellensee gewesen sei. »Addi fragte mich, ob ich mit dem Kind tauchen könnte. Ich sagte, das wolle ich eigentlich nicht, denn mit zehn Jahren ist man eigentlich fürs Gerätetauchen noch zu jung. Addi sagte, ich solle es machen, das Mädchen habe sich das verdient.« Er habe gefragt, womit, aber Andreas V. habe nur eine ausweichende Antwort gegeben. »Ich habe nicht weiter nachgefragt, aber natürlich auch nicht an Missbrauch gedacht.«

Über Andreas V. sagt der Paderborner, er sei ein »völliger Eigenbrötler« gewesen. »Er sagte einmal, er brauche keine Frau, aber er wollte anscheinend auch keine anderen Kontakte zu Erwachsenen. Wenn wir nach dem Tauchen mal ein Bier trinken gingen, wollte Addi nie mitkommen.«

Unvorstellbarer Gestank

Einmal, sagt Jochen Roth, sei er mit seiner Frau nach Lügde gefahren, um Andreas V. auf dem Campingplatz zu besuchen. »Das war im Spätsommer 2009. Er hatte ein Kätzchen abzugeben. Das wollten wir uns ansehen.« Doch seine Frau sei, nachdem sie die Behausung gesehen habe, sofort zum Auto zurückgegangen.

»Ich bin dann alleine rein. Dort herrschte ein unvorstellbarer Gestank. Alles war unordentlich. Da lag dreckige Wäsche, und da lag Spielzeug. Für die Nachbarkinder, wie Addi sagte.« Das Kätzchen hätten sie nicht genommen, und Addi habe er danach nie wieder gesehen.

Seine Erinnerungen hat Jochen Roth inzwischen der Ermittlungskommission »Eichwald« geschildert. »Ich habe denen auch meine Fotos von den Tauchausflügen gegeben. Die Beamtin meinte, eines der Kinder sei ein Missbrauchsopfer. Die anderen hatten sie noch nicht identifiziert.«

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