Di., 25.06.2019

Wollte Andreas V. eine Anzeige verhindern? – Mit Video »Die Mutter eines Lügde-Opfers fühlte sich bedroht«

Kurz vor dem Abriss der Behausung entstand dieses Bild. Es zeigt das Schlafzimmer Andreas V.s und der Pflegetochter.

Kurz vor dem Abriss der Behausung entstand dieses Bild. Es zeigt das Schlafzimmer Andreas V.s und der Pflegetochter. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Lügde (WB).  Mit Geschenken und Druck soll es Andreas V. (56) drei Jahrzehnte lang geschafft haben, einer Verfolgung wegen Kindesmissbrauchs zu entgehen. Erst 2018 scheiterte er an einer Mutter: Sie fasste sich ein Herz und ging zur Polizei – trotz subtiler Drohungen.

Rechtsanwalt Roman von Alvensleben aus Hameln ist einer der Nebenklageanwälte, die von Donnerstag an vor dem Landgericht in Detmold die Rechte der mutmaßlichen Opfer im Missbrauchsfall Lügde vertreten werden. Foto: Althoff

Das Mädchen, das im vergangenen Jahr letztlich das Missbrauchsnetzwerk auf dem Campingplatz »Eichwald« auffliegen ließ, war neun Jahre alt, als es missbraucht worden sein soll. Es hatte 2018 die sieben Jahre alte Pflegetochter von Andreas V. kennengelernt – auf einem Kindergeburtstag.

»Die Pflegetochter war der Köder«, sagt Rechtsanwalt Roman von Alvensleben. »Über sie hat sich Andreas V. auch an meine kleine Mandantin herangemacht.«

Andreas V. habe zu den Gästen des Kindergeburtstags gehört und der Mutter der Neunjährigen vorgeschlagen, gemeinsam etwas zu unternehmen. »Man besuchte einen Freizeitpark und ging zum Schwimmen. Die Mutter meiner Mandantin war immer dabei, und natürlich überlegt sie heute, ob ihr damals etwas hätte auffallen können. Aber da war wohl nichts Verdächtiges.«

»Das Schlimmste angetan«

Das Vertrauen wuchs, und im August 2018, so nimmt es die Staatsanwaltschaft an, durfte die Neunjährige zum ersten Mal bei ihrer neuen Freundin auf dem Campingplatz schlafen. Schon in dieser ersten Nacht, davon sind jedenfalls die Ermittler überzeugt, forderte Andreas V. das Kind auf, aus dem Bett seiner Pflegetochter in sein Bett zu kommen.

In den folgenden Wochen soll Andreas V. das Mädchen zehn Mal missbraucht haben – zum Teil mit erheblicher Gewalt. »Nach den Schilderungen des Mädchens hat der Mann ihm das Schlimmste angetan, was man einem Kind nur antun kann«, sagt Roman von Alvensleben.

Voller Wut angerufen und zur Rede gestellt

Das Mädchen offenbarte sich kurz darauf seiner Mutter. »Es sagte, Addi habe etwas Schlimmes getan, und die Mutter hakte nach.« Als ihr die Vorwürfe bewusst geworden seien, habe sie Andreas V. voller Wut angerufen und zur Rede gestellt. Darauf seien Äußerungen gekommen, die die Mutter als Drohungen verstanden habe. »Er soll gesagt haben: ›Das war doch nicht so schlimm. Sei froh, dass dir nichts passiert!‹.

Und das hat Angst ausgelöst. Denn Andreas V. wusste ja, in welche Schule das Mädchen geht. Er kannte den Schulweg, er kannte die Gewohnheiten der Familie.« Deshalb habe die Mutter entschieden, nichts gegen Andreas V. zu unternehmen, aber den Umgang ihrer Tochter mit der Pflegetochter zu unterbinden. »Die Mutter hat sich dann aber mit einer Freundin beraten, und die hat sie bestärkt, doch zur Polizei zu gehen. Das tat die Mutter am 20. Oktober in Bad Pyrmont.«

Zehn Tage später vernommen

Dort habe sie sofort darauf hingewiesen, dass möglicherweise auch andere Kinder betroffen seien, weil Andreas V. sich immer mit vielen Mädchen umgeben habe. »Die Mutter hatte den Eindruck, dass die Polizei sie ernst nahm, weshalb ich mich frage, warum anschließend nur so schleppend ermittelt wurde.« Denn erst zehn Tage nach der Anzeige wurde das Mädchen vernommen, und erst 14 Tage nach der Anzeige wurde die Polizei Lippe informiert, in deren örtlicher Zuständigkeit der Campingplatz liegt. »In dieser Zeit sind auf dem Campingplatz vielleicht noch viele schlimme Dinge passiert«, sagt von Alvensleben.

Das Mädchen, das inzwischen zehn Jahre alt ist, muss möglicherweise als Zeugin im Prozess aussagen. »Im Zuge der psychosozialen Prozessbegleitung wurde ihm bereits der Gerichtssaal gezeigt und erklärt, was dort passiert.« Das Kind und seine alleinerziehende Mutter würden seit Februar von Experten einer kirchlichen Einrichtung stabilisiert, sagt von Alvensleben. »Das tut ihnen gut.«

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