Mi., 17.07.2019

Dafür müssen andere Kommissariate Personal abgeben Kindesmissbrauch: Polizei verdoppelt Zahl der Ermittler

In einer Ambulanz, in der missbrauchte Kinder untersucht werden, soll die Puppe die Opfer ablenken.

In einer Ambulanz, in der missbrauchte Kinder untersucht werden, soll die Puppe die Opfer ablenken. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Bielefeld (WB). Die sieben Polizeibehörden in Ostwestfalen-Lippe erhöhen die Zahl der Mitarbeiter, die Kindesmissbrauch und Kinderpornographie verfolgen, noch in diesem Jahr ganz erheblich.

Sechs der sieben Kreispolizeibehörden verrieten am Dienstag, wie sie sich personell aufstellen wollen. In diesen sechs Behörden werden demnächst insgesamt 32 Kripobeamte und IT-Experten diese Delikte bearbeiten – das sind doppelt so viele Mitarbeiter wie bisher.

Nach dem Fall Lügde richtet sich die Polizei in NRW neu aus, um den Missbrauch von Kindern sowie Herstellung, Verbreitung und Konsum von Kinderpornos besser zu verfolgen. Der Missbrauchsfall hatte nicht nur offenbart, dass Kinder wegen fehlender Fachkräfte nicht sachgerecht befragt worden waren. Er hatte auch gezeigt, dass die enormen Datenmengen, die bei Verdächtigen gefunden werden, die 47 Polizeibehörden im Land überfordern.

Der riesige Berg nicht ausgewerteter Datenträger war möglicherweise auch ein Grund dafür, dass Ende März – so ergab es eine Abfrage des Innenministeriums – landesweit 557 nicht vollstreckte Durchsuchungsbeschlüsse in Kinderpornoverfahren in den Kommissariaten lagen – zum Beispiel sieben in Bielefeld, 21 im Kreis Gütersloh, einer im Kreis Herford, neun im Kreis Höxter, 17 im Kreis Lippe, 20 im Kreis Minden-Lübbecke und 22 im Kreis Paderborn. Diese Defizite sollen inzwischen weitgehend beseitigt sein.

Innenminister Herbert Reul (CDU) hat verfügt, dass die Verfolgung von Kinderpornographie und Kindesmissbrauch von sofort an ein Schwerpunkt der Polizeiarbeit in NRW ist. Bis zum 1. August müssen die Behörden melden, wie sie sich umorganisieren. Für Ostwestfalen-Lippe ergeben sich nach Auskunft der Dienststellen folgende Änderungen:

Bielefeld

2018 wurden 38 Fälle von Kindesmissbrauch und 29 Kinderpornofälle bekannt. Bisher arbeiteten ein Kripobeamter und ein angestellter IT-Experte im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie, künftig sind es zwei Kripobeamte und drei IT-Fachleute.

Kreis Gütersloh

Hier wurden 2018 41 Fälle von Kindesmissbrauch und 38 Kinderpornofälle bekannt. Bisher waren zwei Kripobeamte im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie beschäftigt, künftig werden es vier sein – plus zwei angestellte IT-Fachleute.  Außerdem soll weitere Technik angeschafft werden.

Kreis Herford

31 Fälle von Kindesmissbrauch und zwölf Kinderpornofälle wurden 2018 wurden bekannt. Vier Mitarbeiter sind im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie beschäftigt. Wie viele es künftig sein werden, hat die Behörde noch nicht entschieden.

Kreis Höxter

16 Fälle von Kindesmissbrauch und drei Kinderpornofälle wurden 2018 bekannt. Drei Kriminalbeamte arbeiteten im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie, nun werden es vier sein. Zudem wird ein Zimmer für kindgerechte Videobefragung eingerichtet

Kreis Lippe

2018 wurden (ohne den Fall Lügde) 63 Fälle von Kindesmissbrauch und mehrere Kinderpornofälle bekannt. Fünf Mitarbeiter waren bisher für diese Bereiche zuständig, seit Montag sind es sieben.

Kreis Minden-Lübbecke

2018 wurden 33 Fälle von Kindesmissbrauch und zehn Kinderpornofälle bekannt. Bisher arbeiteten zwei Kripobeamte im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie, heute sind es sechs – und ein angestellter IT-Fachmann soll noch dazukommen.

Kreis Paderborn

2018 wurden hier 41 Fälle von Kindesmissbrauch und 25 Kinderpornofälle bekannt. Zwei Kripobeamte arbeiteten bisher im Bereich Kindesmissbrauch/Kinderpornographie, jetzt sind es drei – plus zwei angestellte IT-Fachleute.

 

Paderborns Landrat Manfred Müller sagte, es sei ihm ein persönliches Anliegen, dass Fälle von Kinderpornographie und Missbrauch zügig bearbeitet würden. Sven-Georg Adenauer, Landrat des Kreises Gütersloh, erklärte, er begrüße, dass die Polizei landesweit in diesen Bereichen noch mehr tue. »Natürlich werden uns die zusätzlich benötigten Kräfte an anderer Stelle fehlen. Die Polizeipräsenz auf der Straße wird bei uns aber auf keinen Fall leiden.«

Hauptkommissar Knut Packmohr, Sprecher im Polizeipräsidium Bielefeld, sagte: »Unabhängig von der dauerhaften Personalverstärkung in diesem Bereich können wir jederzeit eine größere Ermittlungskommission einsetzen, wenn ein Fall das erfordert.«

Die Gewerkschaften begrüßen den verstärkten Einsatz der Polizei zum Schutz von Kindern – auch wenn der Minister dafür nicht mehr Personal zur Verfügung stellt. Michael Schröter, Vorsitzender der GdP in Ostwestfalen-Lippe: »Zur Wahrheit gehört eben auch, dass in den Kommissariaten, die jetzt Mitarbeiter abgeben müssen, Verfahren liegenbleiben oder weitere Überstunden anfallen.« Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK), forderte mehr Stellen für die Kripo und eine Änderung der Ausbildung: »Es wäre besser, wenn junge Polizisten gleich zur Kripo kommen dürften und nicht erst zur Schutzpolizei müssten.«

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