Sa., 17.08.2019

Lügde: 14 Jahre für Andreas V. gefordert – Details zur Pflegetochter – Mit Video Dicht an der Höchststrafe

Ein Justizwachtmeister schiebt Andreas V. im Rollstuhl zur Anklagebank. Der 56-Jährige leidet an Gürtelrose, einer Viruskrankheit, die erhebliche Schmerzen auslösen kann.

Ein Justizwachtmeister schiebt Andreas V. im Rollstuhl zur Anklagebank. Der 56-Jährige leidet an Gürtelrose, einer Viruskrankheit, die erhebliche Schmerzen auslösen kann.

Von Christian Althoff

Detmold (WB). »Wäre ich Staatsanwalt – ich hätte eine ähnlich hohe Strafe gefordert«, sagte Johannes Salmen, einer der beiden Verteidiger im Missbrauchsprozess Lügde .

Der achte Verhandlungstag vor dem Landgericht Detmold ist am Freitag mit den ersten Plädoyers zu Ende gegangen. Zuvor hatte eine Gutachterin unter anderem beschrieben, wie Andreas V. an das Pflegekind gekommen war.

Staatsanwältin Jaqueline Kleine-Flaßbeck. Foto: Althoff

Staatsanwältin Jaqueline Kleine-Flaßbeck forderte in nichtöffentlicher Sitzung für Andreas V. (56) wegen hundertfacher Vergewaltigung von Kindern 14 Jahre Gefängnis und anschließende Sicherungsverwahrung. Der Mitangeklagte Mario S. (34) soll nach der Vorstellung von Staatsanwältin Helena Werpup zwölfeinhalb Jahre hinter Gitter und dann ebenfalls in Sicherungsverwahrung.

Das Gesetz hätte eine Höchstforderung von 15 Jahren ermöglicht, doch die Staatsanwältinnen mussten Milderungsgründe berücksichtigen – die Geständnisse der beiden Angeklagten und den Umstand, dass beide nicht vorbestraft sind. So führte zuletzt vor allem die unterschiedliche Zahl der Verbrechen dazu, dass für Mario S. eineinhalb Jahre weniger beantragt wurden.

Kritik wegen Unterschiede bei den Angeklagten

Auch die ersten der 18 Opferanwälte plädierten am Freitag. Sie kritisierten zum Teil, dass die Staatsanwaltschaft zwischen beiden Angeklagten Unterschiede gemacht hatte. Opferanwalt Peter Wüller forderte 14,5 Jahre Gefängnis für beide Angeklagten: »Ich vertrete unter anderem ein Mädchen, das vier Jahre alt war, als es missbraucht wurde. Sechs Monate Rabatt für ein Zweckgeständnis sind deshalb in meinen Augen mehr als genug«, sagte er.

Staatsanwältin Helena Werpup Foto: Althoff

Wie hoch auch immer das Urteil ausfallen wird – an der Verhängung der Sicherungsverwahrung wird das Gericht wohl kaum vorbeikommen, denn das Gutachten von Dr. Marianne Miller ließ keinen Interpretationsspielraum. Hatte die Ärztin am Donnerstag bereits Mario S. als Pädophilen beschrieben, der auch nach einer langen Haft noch eine Gefahr darstelle, so kam sie am Freitag bei Andreas V. zum gleichen Schluss.

Die Gutachterin sagte, Andreas V. habe eine narzisstische Persönlichkeit. Er sei pädophil und habe eine Vorliebe für Mädchen im Grundschulalter. »Er bagatellisiert das.« Neben sexuellen Motiven kämen bei ihm auch noch Machtbedürfnis und Überlegenheitsgefühl als Gründe für die Taten in Frage. »In ihm ist die Neigung tief verwurzelt, solche Straftaten zu begehen«, sagte Dr. Miller. »Ich sehe eine hohe Rückfallgefahr, an der auch eine lange Gefängnisstrafe nichts ändert.«

Gutachterin: Erfolgreiche Therapie nahezu ausgeschlossen

Eine erfolgreiche Therapie hält die Gutachterin für nahezu ausgeschlossen: »Dagegen sprechen sein hohes Alter und seine narzisstisch-dissoziale Persönlichkeit.« Zur Herkunft des Angeklagten sagte die Fachärztin für Psychiatrie, Andreas V. sei in einem behüteten Elternhaus mit zwei älteren Zwillingsschwestern aufgewachsen. »Er hat dort weder Gewalt noch Missbrauch erfahren.«

In ihrem Gutachten gab die Ärztin auch das wieder, was ihr An­dreas V. über seine Pflegetochter erzählt hatte. »Danach war die Mutter dieses Mädchens selbst noch ein Kind, als er sie im Freibad neben dem Campingplatz kennenlernte und sie dann dort immer wieder traf.« Sehr jung habe diese Frau eine Tochter bekommen – von wem, das wisse er nach eigenen Worten nicht. Die Mutter habe das Mädchen von Anfang an nicht gewollt und ein halbes Jahr gebraucht, um die Tochter erstmals in den Arm zu nehmen. Als das Mädchen neun Monate alt gewesen sei, habe die Mutter es zum ersten Mal zu ihm auf den Campingplatz gebracht. »Danach hat sie es angeblich jedes Wochenende bei ihm abgegeben.« Als das Mädchen vier oder fünf gewesen sei, habe die Mutter ihn angerufen und gesagt, er könne die Kleine für immer haben. »Da saß die Mutter angeblich in einem Nagelstudio, und er hat das Mädchen aus dem Kindergarten geholt.«

Am 5. September soll das Urteil gesprochen werden

Andreas V. habe das Kind zu sich genommen und das Jugendamt informiert. Das habe ihm nach seinen Worten ein Jahr später vorgeschlagen, er solle doch einen Antrag stellen, Pflegevater zu werden. Das habe er getan. Die Mutter habe zugestimmt, und er habe sie in den Jahren danach nur noch einmal gesehen.

Diese Angaben widersprechen der Darstellung des Jugendamts Hameln-Pyrmont. Das hatte immer behauptet, die Mutter habe verlangt, das Kind auf den Campingplatz zu geben.

Am 30. August sollen die letzten Plädoyers gehört werden, am 5. September will das Gericht sein Urteil sprechen.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6854085?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F6358488%2F