Do., 31.10.2019

Staatsanwaltschaft fordert Bewährungsstrafe – Richter schließen sich Gutachten an Lügde: Freispruch für 17-Jährigen

Der Campingplatz in Lügde: Ein 17-jähriges Opfer des Missbrauchsfalls stand selbst als Angeklagter vor dem Landgericht Paderborn. Er soll sich an jüngeren Kindern vergangen haben.

Der Campingplatz in Lügde: Ein 17-jähriges Opfer des Missbrauchsfalls stand selbst als Angeklagter vor dem Landgericht Paderborn. Er soll sich an jüngeren Kindern vergangen haben. Foto: Christian Althoff

Paderborn (WB/dpa/ret). Das Landgericht Paderborn hat einen heute 17-Jährigen, der im Missbrauchsfall Lügde vom Opfer zum Täter geworden sein soll , freigesprochen. Das teilte ein Sprecher am Mittag mit. Demnach schlossen sich die Richter am Donnerstag den Ausführungen eines Gutachters an. Der Experte hatte dem Angeklagten die strafrechtliche Verantwortungsreife abgesprochen.

Das Landgericht begründete das Urteil folgendermaßen: der Jugendliche habe »die ihm vorgeworfenen Missbrauchshandlungen zwar umfassend gestanden. Die sachverständig beratene Kammer hat jedoch die nach dem Gesetz für die Verurteilung eines Jugendlichen notwendige Verantwortungsreife vor dem Hintergrund des vorherigen sexuellen Missbrauchs zum Nachteil des Angeklagten selbst nicht feststellen können.«

Laut Jugendgerichtsgesetz (JGG) sei ein Jugendlicher nur dann strafrechtlich verantwortlich, »wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif ist genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln.« Diesbezüglich habe es unter den gegeben besonderen Umständen und mit Rücksicht auf das Ausmaß des Missbrauchs des Angeklagten, Zweifel gegeben.

Die Kammer betone jedoch ausdrücklich, dass es sich um eine Entscheidung handele, die einen besonderen Einzelfall betreffe und sich auf andere Sachverhalte nicht ohne weiteres übertragen lasse.

Der heute 17 Jahre alte Schüler, der nach Gerichtsangaben als Opfer im Fall Lügde selbst von einem der im September verurteilten Männer mehrfach sexuell missbraucht wurde, soll sich später selbst an drei jüngeren Kindern vergangen haben.

Die Staatsanwaltschaft hatte sich nach Angaben des Verteidigers des 16-Jährigen für eine Freiheitsstrafe auf Bewährung unter der Auflage ausgesprochen, dass der Jugendliche seine Therapie fortsetzt. Dem sind die Richter nicht gefolgt. Alle Verhandlungstage fanden zum Schutz des Jugendlichen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Das galt auch für die Urteilsverkündung.

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