Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte, Jugendamtsmitarbeiter, Familienhelfer und unbekannten Dieb damit beendet
Missbrauchsfall Lügde: 14 Verfahren eingestellt

Detmold (WB/ca). Im Missbrauchsfall Lügde hat die Staatsanwaltschaft Detmold die Ermittlungsverfahren gegen zwei Polizeibeamte, sechs Mitarbeiter des Jugendamts Hameln/Pyrmont, eine Mitarbeiterin des Jugendamts Lippe, vier Familienhelfer sowie den unbekannten Dieb von 155 CDs und DVDs eingestellt. Das teilte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter am Mittwochmorgen mit.

Mittwoch, 11.03.2020, 07:55 Uhr aktualisiert: 11.03.2020, 08:38 Uhr
Hier wuchs die Pflegetochter von Andreas V. auf. Der Sexualstraftäter wurde im September zu 13 Jahren Haft verurteilt. Foto: Althoff
Hier wuchs die Pflegetochter von Andreas V. auf. Der Sexualstraftäter wurde im September zu 13 Jahren Haft verurteilt. Foto: Althoff

Eines der Verfahren gegen einen inzwischen pensionierten Polizisten aus Blomberg der Kreispolizeibehörde Lippe wurde bereits im Dezember eingestellt (das WESTFALEN-BLATT berichtete). Er soll einen im August 2016 eingegangenen Hinweis des Kinderschutzbundes nicht an das damals zuständige Kriminalkommissariat in Blomberg zur weiteren Bearbeitung weitergeleitet zu haben. Anhand der Akten der Jugendämter konnte nachvollzogen werden, dass der Beamte einen Vermerk über die von ihm mit den Zeugen geführten Telefonate gemacht hatte. Warum aber im Kriminalkommissariat anscheinend kein Vorgang angelegt und weiter bearbeitet wurde, konnte nicht geklärt werden.

Ein anderes, gegen eine Polizeibeamtin geführtes Verfahren beinhaltete den Vorwurf, aufgrund eines Hinweises einer Mitarbeiterin des Jobcenters des Kreises Lippe im November 2016 nicht ermittelt und diesen Hinweis nicht an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet zu haben. Vetter: “Nach Telefonaten mit Mitarbeiterinnen der Jugendämter in Lippe und Hameln war die Frau offenbar überzeugt, ein sexueller Missbrauch durch Andreas V. habe nicht stattgefunden. Der für eine Strafbarkeit erforderliche Vorsatz war somit nicht festzustellen.”

Verbleib der Asservate weiter ungeklärt

Auch das gegen einen unbekannten Dieb geführte Ermittlungsverfahren wegen des Verschwindens von 155 CDs und DVDs in einem Aluminiumkoffer und einer CD-Mappe aus den Räumen der Kreispolizeibehörde Lippe wurde eingestellt. Der Verbleib der Asservate bleibt jedoch weiter ungeklärt. Nach den Angaben des mit der Sichtung der Datenträger beauftragten Kommissaranwärters soll es sich “ganz überwiegend” um ältere Computerprogramme, Musik-CDs und Spiel- und Kinderfilme gehandelt haben.

Dateien mit pornographischem Inhalt befanden sich nicht nach Angaben der Staatsanwaltschaft nicht darunter. Die Verfahren gegen sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes Hameln-Pyrmont sowie gegen dessen Leiter, gegen eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Lippe und gegen drei externe Familienhelferinnen wurden “wegen Fehlens eine hinreichenden Tatverdachts” eingestellt, weil eine Verletzung der Fürsorgepflicht nicht festgestellt werden konnte.

Hinsichtlich möglicher Entwicklungsschäden durch die mangelhafte Unterbringung des Kindes auf dem Campingplatz unter hygienisch fragwürdigen Zuständen konnte nicht festgestellt werden, dass die Gefahr erheblicher körperlicher oder psychischer Entwicklungsschäden bestand. Vetter: “Während in den ersten Berichten des Jugendamtes, als das Kind noch bei der Kindesmutter war, von erheblichen Entwicklungsverzögerungen und von der Gefahr einer geistigen Behinderung die Rede war, wird das Kind, welches erst unter der Obhut des Andreas V. regelmäßig den Kindergarten besuchte, später insbesondere von den Mitarbeitern der Familienhilfe als aufgeweckt beschrieben.”

Kein Vorsatz feststellbar

Hinsichtlich der Gefährdung des Kindes durch den sexuellen Missbrauch sei bei keinem der Beschuldigten ein Vorsatz feststellbar gewesen. Auch wenn die Beschuldigten intensive Versuche, die ihnen zur Kenntnis gebrachten Verdachtsmomente zubestätigen oder auszuräumen, nicht unternommen hätten, könne letztlich nur festgestellt werden, dass alle Beschuldigten davon ausgegangen seinen, dass ein sexueller Missbrauch nicht stattgefunden haben, weil das Kind ihnen und den anderen bei der Betreuung des Kindes involvierten Personen gegenüber keine Verhaltensauffälligkeiten gezeigt habe. Vetter: “Auf Nachfrage haben die Familienhelferinnen angegeben, dass Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch nicht vorlagen.”

Bezüglich der Mitarbeiterin des Jugendamtes Lippe habe sich zusätzlich ergeben, dass sie die ihr zugetragenen Missstände unverzüglich an das zuständige Jugendamt Hameln-Pyrmont weitergeleitet habe. Oberstaatsanwalt Vetter: “Sie hat, als nach dem Hinweis der Mitarbeiterin des Jobcenters eine akute Kindeswohlgefährdung durch die Unterbringung des Kindes auf einem Campingplatz zu befürchten war, unverzüglich einen Hausbesuch durchgeführt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich Anhaltspunkte für einen sexuellen Missbrauch nicht ergeben.” Die Wohnsituation habe sie zwar als grenzwertig, jedoch für nicht so schlimm erachtet, dass eine sofortige Herausnahme des Kindes erforderlich gewesen sei.

Ein Verfahren gegen den zuletzt tätigen Familienhelfer wurde wegen Fehlens eines hinreichenden Tatverdachts eingestellt. Vetter: “Sein Aufgabenbereich war durch das Jugendamt nicht klar definiert. Er umfasste eher die Unterstützung des Pflegevaters als die Fürsorge des Pflegekindes.” Er sei nur unzureichend informiert gewesen,” insbesondere in keiner Weise über den Verdacht eines sexuellen Missbrauchs”.

Hintergrund: www.westfalen-blatt.de/OWL/Missbrauchsfall-Luegde

Kommentare

Markus Regenstein  schrieb: 11.03.2020 12:41
Alles in Ordnung
Na, dann ist ja alles in Ordnung. Keiner hat etwas falsch gemacht und wird zur Verantwortung gezogen. Keine Konsequenzen. Herzlichen Glückwunsch!
1 Kommentare
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