Missbrauchsfall Lügde: Jugendamtsmitarbeiter soll Andreas V. indirekt geschützt haben
Aussage gegen Aussage

Detmold (WB). Ein leitender Jugendamtsmitarbeiter des Kreises Lippe steht im Verdacht, 2016 Nachforschungen gegen Andreas V. verhindert zu haben – den Haupttäter im Missbrauchsfall Lügde, der 2019 wegen hundertfacher Vergewaltigung seiner Pflegetochter und anderer Mädchen verurteilt wurde.

Mittwoch, 13.05.2020, 02:00 Uhr aktualisiert: 13.05.2020, 08:20 Uhr
Hier ließen Jugendämter ein Pflegekind wohnen. Hinweise auf Missbrauch sollen sie abgeblockt haben. Foto: Althoff
Hier ließen Jugendämter ein Pflegekind wohnen. Hinweise auf Missbrauch sollen sie abgeblockt haben. Foto: Althoff

Der Verdacht entstand am Montag durch die Aussage einer Mitarbeiterin des Jobcenters Lippe in der Sitzung des Lügde-Untersuchungsausschusses . Von den Abgeordneten befragt, schilderte die Frau zunächst einen Besuch von Andreas V. und seiner Pflegetochter 2016 in ihrem Büro. Das Mädchen habe eingeschüchtert gewirkt. Andreas V. habe erklärt, er habe das Mädchen von der Mutter geschenkt bekommen und könne das mit einer Urkunde beweisen. Die Kleine mache ihn heiß, sie mache für Süßigkeiten alles. Das Mädchen habe gesagt, es könne den Geruch von Männern nicht mehr ertragen.

Die Sachbearbeiterin hatte sofort den Verdacht, das Mädchen werde missbraucht, und versuchte in den folgenden Wochen, Gehör zu finden – bei den Jugendämtern, bei der Polizei. Doch einer habe auf den anderen verwiesen, sagte sie, und die Polizei habe abgewiegelt. Als sie trotzdem nicht lockergelassen habe, sei der Leiter der Jugendamts-Außenstelle Blomberg im Jobcenter aufgetaucht. Er habe sie aufgefordert, Ruhe zu geben, und auf den Tisch geschlagen. Er habe ihr gedroht, er werde ihr Büro erst verlassen, wenn sie ihm zusage, nichts mehr zu unternehmen. Dieses Zusammentreffen dokumentierte die Frau in ihrer Akte – aber erst 2019.

Gesprächsverlauf bestritten

Lippes Landrat Axel Lehmann sagte am Dienstag, die Vorwürfe der Sachbearbeiterin gegen den Jugendamtsmitarbeiter wögen schwer. Als der Kreis 2019 davon erfahren habe, habe man den Mitarbeiter sofort angehört. Er bestreite aber den von der Frau geschilderten Gesprächsverlauf. Zeugen gebe es nicht, und damit stehe Aussage gegen Aussage. Landrat Lehmann: „Deshalb wurden auch keine arbeitsrechtlichen Schritte eingeleitet, und er macht als Leiter des Regionalbüros weiter seinen Dienst.”

Oberstaatsanwalt Ralf Vetter von der Staatsanwaltschaft Detmold sagte am Dienstag, die Angaben der Jobcentermitarbeiterin seien seiner Behörde lange bekannt. „Mit Ausnahme der Schilderung, dass der Jugendamtsmitarbeiter sie unter Druck gesetzt haben soll, nichts mehr zu unternehmen. Das ist neu für uns.”

Strafrechtlich sei das allerdings nicht relevant, denn für eine Nötigung der Frau hätte der Mann ihr mit einem „empfindlichen Übel” drohen müssen, und das habe er offensichtlich nicht getan.

Nach der Aussage der Frau vom Montag hat der Kreis Lippe den Diplom-Sozialarbeiter erneut zu einer schriftlichen Stellungnahme aufgefordert. Darin bestreitet er den Vorwurf entschieden.

Jetzt muss der Mann damit rechnen, vom Untersuchungsausschuss vorgeladen zu werden.

Kommentare

Frank  schrieb: 13.05.2020 09:47
Verwunderung
"Er bestreite aber den von der Frau geschilderten Gesprächsverlauf. Zeugen gebe es nicht, und damit stehe Aussage gegen Aussage. Landrat Lehmann: „Deshalb wurden auch keine arbeitsrechtlichen Schritte eingeleitet, und er macht als Leiter des Regionalbüros weiter seinen Dienst.”" Und eine solche Aussage ist kein Grund für weitere Nachforschungen um evtl. Nachweise dafür oder dagegen zu finden? "Ich gehe hier nicht raus....." ist doch wohl eine nötigende Drohung, jedenfalls würde ich mich genötigt fühlen.
1 Kommentare
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