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Do., 11.02.2016

NS-Prozess, Tag 1: Der ehemalige Auschwitz-Wachmann Reinhold Hanning (94) hört zum Prozessauftakt den Schilderungen eines Opfers regungslos zu Noch kein Wort der Reue

Der Angeklagte Reinhold Hanning (94) ist zusammen mit seinem Anwalt Andreas R. Scharmer vor Gericht eingetroffen.

Der Angeklagte Reinhold Hanning (94) ist zusammen mit seinem Anwalt Andreas R. Scharmer vor Gericht eingetroffen. Foto: Oliver Schwabe

Von Bernd Bexte

Detmold (WB). Wie versteinert blickt Reinhold Hanning auf die Tischplatte. Während der knapp zweistündigen Verhandlung sagt der 94-jährige Angeklagte kein Wort, zeigt keine Regung. Das von den Überlebenden erwartete Reuebekenntnis bleibt aus. Die Verbrechen, um die es im Detmolder Auschwitz-Prozess geht, machen an diesem Tag auch alle anderen Anwesenden sprachlos.

Mit schleppendem Gang und gebeugtem Kopf wird der Mann aus Lage von seinem Anwalt Andreas R. Scharmer in den Gerichtssaal im Gebäude der IHK Lippe geführt. Der Medienandrang ist gewaltig. Die 60 Zuschauerplätze reichen nicht für die vielen Menschen, die sich zuvor in die Schlange am Eingang eingereiht haben.

In seiner Anklageschrift erklärt Oberstaatsanwalt Andreas Brendel von der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für NS-Verbrechen in Dortmund, was Auschwitz war. Er berichtet von den Vergasungen in Birkenau, den Erschießungen an der »schwarzen Wand« im Stammlager, von Kindern, die lebendig in brennende Leichengruben gestoßen wurden, vom Hunger- und Kältetod, von der Selektion an der Rampe und dem anschließenden Weg, der Kinder, Mütter, Alte und Kranke direkt in den Tod führte.

»Der Angeklagte hat geholfen, diese Maschinerie in Gang zu halten«, sagt Brendel. Hanning zeigt keine Regung. Er hält den Kopf gebeugt, seine Augen sind hinter dicken Brillengläsern kaum zu erkennen, seine Hände liegen im Schoß.

Politische Dimension

Die Vorsitzende Richterin Anke Grudda erklärt, dass dieser Prozess ein ganz besonderer sei. Er habe eine politische Dimension. Deshalb müsse man vor allem auch den Überlebenden ermöglichen, ihr Leid zu schildern. Im Zentrum stehe aber die Frage, was der Angeklagte in Auschwitz getan habe. »Wir können über alles reden«, wendet sie sich dann  an Hanning.

Wer ist dieser 94-Jährige, der Jahrzehnte unbehelligt im Lippischen lebte? Reinhold Hanning wird am 28. Dezember 1921 in Helpup, heute Oerlinghausen, geboren. Er wächst in Lage-Billinghausen auf. Nach der Volksschule arbeitet er in einer Bielefelder Fahrradfabrik. Im Juni 1940 meldet er sich zur Waffen-SS. Zunächst kämpft er  als Angehöriger der SS-Division »Das Reich« auf dem Balkan, später in Russland.

»Nach einem Jahr wusste er, was dort geschieht«

Anfang 1942 kommt Hanning als SS-Sturmmann nach Auschwitz. Schon im Februar wird er zum SS-Rottenführer, im September zum  SS-Unterscharführer befördert. Angeklagt sind allerdings nur Mord-Beihilfen ab 1943. »Kurz zuvor war er 21 geworden«, sagt  Ankläger Brendel. Deshalb liste er nur Taten nach diesem Zeitpunkt auf.

Als junger Mann habe er sich erst mit dem System Auschwitz vertraut machen müssen, billigt er dem Angeklagten zu. »Aber spätestens nach einem Jahr wusste er, was dort geschieht«, sagt der Ankläger im Gespräch mit dieser Zeitung.

Er sei der einzige Überlebende

Und was das bedeutet, weiß Leon Schwarzbaum. Der 94-Jährige Jude aus Berlin hat den Holocaust überlebt. Er ist Nebenkläger und erster Zeuge im Prozess. »35 Menschen aus meiner Familie sind in Auschwitz ums Leben gekommen.« Er sei der einzige Überlebende. »Ich hatte immer Hunger, aber am schlimmsten war die ständige Angst.« SS-Leute hätten »aus Spaß« auf Häftlinge geschossen.

»Ich habe einen  Lkw mit nackten Menschen auf dem Weg in die Gaskammer  gesehen. Sie reckten ihre  Arme flehend zum Himmel.« Er spricht auch von den Krematorien, die so überhitzt waren, dass meterhohe Flammen aus dem Schornstein schlugen, von Schäferhunden die Menschen zerfleischten.   Auf der Flucht erschossene Häftlinge seien auf Stühle gesetzt worden – als Warnung. »Wir mussten  an den Toten vorbeimarschieren.«

Beim Ein- und Ausmarsch zu den Arbeitseinsätzen in den Au­ßen­lagern ertönten fröhliche Schla­ger aus den Lautsprechern.

Hanning blickt nur kurz auf

Und dann wendet sich Schwarzbaum an Hanning. »Herr Hanning, erzählen Sie, was Sie und die anderen SS-Männer getan haben«, schließt er sichtlich bewegt seinen Appell.  Hanning blickt nur kurz auf, dann wieder auf den Tisch.  »Die SS war grausam und sadistisch«, klagt Schwarzbaum. Dieses Eingeständnis von einem der Täter zu hören, ist sein großer Wunsch, sagt er nach Ende der Verhandlung.

Warum er nach Auschwitz in Deutschland geblieben sei, möchte Richterin Grudda wissen. »Ich hatte ja nichts, ich kam barfuß aus dem Lager.« Dann habe er seine spätere Frau kennengelernt. Mit ihr führt  er über viele Jahre einen Antiquitätenhandel am Wittenbergplatz in Berlin. Neben Schwarz­baum sitzt Justin Sonder. Er blickt immer wieder zu Hanning hinüber, sucht minutenlang  Augenkontakt – vergebens. Der 90-jährige Jude aus Chemnitz ist  einer der 40 Nebenkläger. Heute wird er über sein Martyrium berichten.

Arzt hinter dem Angeklagten

Der Prozess setze auch Hanning zu, sagen  sein Anwälte nach dem Prozessauftakt:  »Wir hatten Angst, dass er den ersten Verhandlungstag nicht überstehen wird, körperlich und auch psychisch.« Ein Arzt sitzt während der Verhandlung direkt hinter dem Angeklagten. Vor dem IHK-Gebäude steht ein Krankenwagen. Eventuell werde   sich Hanning später noch zu den Tatvorwürfen äußern und sein Wort an die Überlebenden richten. »Derzeit ist er aber nicht in der Lage, vor dieser großen Öffentlichkeit Stellung zu nehmen«, sagt Rechtsanwalt Johannes  Salmen.

Vor Gericht offenbart  er weitere Details zur Biografie des ehemaligen SS-Mannes. Im Juni 1944 wird Hanning  ins KZ Sachsenhausen versetzt, am 3. Mai 1945 gerät er in britische Gefangenschaft – bis 1948. 1949 wird Hanning Verkäufer und Fahrer eines Molkereihandels  in Lage. 1969 übernimmt er das Geschäft und führt es bis zum Renteneintritt 1984 weiter. 2008 stirbt seine Frau.

Hanning lebt im Haus eines seiner Söhne. Er führt ein beschauliches Leben,  bis Oberstaatsanwalt Brendel auf der Suche nach den letzten noch lebenden SS-Männern auf einer Bekleidungsliste des KZ Auschwitz auf Hannings Namen stößt. Fünf Männer aus NRW geraten ins Visier. Nur  Hanning kommt  noch  vor Gericht. Es wird  der letzte Auschwitz-Prozess in NRW sein.  Am Freitag um 10 Uhr wird er fortgesetzt.

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