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Fr., 16.11.2018

Vergiftete Pausenbrote: Prozessbeginn am Landgericht Bielefeld – Angeklagter schweigt Lust an der Qual seiner Kollegen?

Mit einem blauen Aktendeckel hat sich der 57-jährige Klaus O. im Gerichtssaal vor den Kameras geschützt. Neben ihm stehen seine Verteidiger Christina Peterhanwahr und Henning Jansen.

Mit einem blauen Aktendeckel hat sich der 57-jährige Klaus O. im Gerichtssaal vor den Kameras geschützt. Neben ihm stehen seine Verteidiger Christina Peterhanwahr und Henning Jansen. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Bielefeld (WB). Um 9.06 Uhr wird Klaus O. von zwei Wachtmeistern zur Anklagebank geführt. Vor sein Gesicht hält sich der Familienvater einen blauen Aktendeckel als Schutz vor dem Blitzlichtgewitter der zahlreichen Pressefotografen und den Fernsehkameras. O. muss sich wegen versuchten Mordes vor dem Landgericht Bielefeld verantworten.

Der gelernte Schlosser hat kurze Haare, trägt Vollbart und Brille. Er wirkt jünger als er mit seinen 57 Jahren ist. Zwischen seinen beiden Verteidigern Henning Jansen und Christina Peterhanwahr aus Bielefeld nimmt er gemächlich seinen Platz ein.

Als der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann ihn nach seinen Personalien fragt, gibt er kurz und knapp Antworten. Ansonsten ist sein Blick emotionslos und starr. Ohne Regung nimmt er die Verlesung der zweiseitigen Anklageschrift zur Kenntnis.

Staatsanwalt Veit Walter wirft ihm vor, mit bedingtem Tötungsvorsatz Nahrungsmittel von drei arglosen Arbeitskollegen mit verschiedenen giftigen chemischen Verbindungen versetzt zu haben. Laut Walter soll es ihm auch darum gegangen sein »zu beobachten, wie seine Kollegen vor seinen Augen allmählich und schleichend an körperlichem Wohlbefinden einbüßen und aufgrund der Art der Vergiftung Schmerzen und Qualen erleiden«.

Täter durch Videoaufnahmen identifiziert

Klaus O., verheiratet und Vater von zwei Kindern, soll von 2015 bis 2018 mehrmals Brotdosen aus den Rucksäcken seiner Kollegen entwendet haben. Dann soll er ein selbstgemischtes, giftiges Pulver auf die Brote gestreut haben. Dabei soll es sich um Bleiacetat und Quecksilber gehandelt haben. Seinen Vorarbeiter Udo B. soll er so vergiftet haben, dass dieser etliche Male im Krankenhaus wegen Blutarmut, Magenkrämpfen- und -blutungen stationär behandelt werden musste. Das soll im März schließlich zu einem Nierenversagen und einer Niereninsuffizienz geführt haben. Die Folge: Er muss dreimal wöchentlich zur Dialyse. Noch schlimmer hat es den 24-jährigen Nick N. getroffen, der seit Sommer 2016 im Koma liegt. »Er kann nicht mehr sprechen und muss über eine Magensonde ernährt werden«, sagt Veit Walter.

Klaus O. gegenüber sitzen Rechtsanwalt Ralph Niemeier und sein Mandant Simon Radtke als einer der Nebenkläger. Letztgenannter soll ebenfalls dreimal an seinem Arbeitsplatz vergiftet worden sein. Er sei sehr schwer erkrankt und habe einen Teil seiner Nierenfunktion eingebüßt, die irreparabel sei, erklärt Niemeier vor dem Prozessauftakt. »Diese Einschränkung wird er sein ganzes Leben lang haben.« Sein Mandant hatte schließlich den Fall ins Rollen gebracht. Er hatte auf seinem mit Putenwurst belegten Pausenbrot Gift entdeckt und die Firmenleitung informiert. Der mutmaßliche Täter wurde dann durch Bilder einer Videokamera identifiziert und im Mai verhaftet.

Kein beliebter Kollege

Mehr als 38 Jahre lang hat O. in der Firma Ari Armaturen (800 Mitarbeiter) im Werkzeugbau gearbeitet. Ein beliebter Kollege sei er nicht gewesen, berichtet Achim Schölzel, der bis 1992 für den Fuhrpark bei Ari verantwortlich war und ihn kannte. Schölzel beobachtet den Prozess. »Der hatte meistens während der Arbeitszeit Kopfhörer auf und hat sich so vom sozialen Teil des Firmenalltags abgeschottet.« Er sei sehr still gewesen und habe nur selten gesprochen. »Ich bin heute hier zum Prozess gekommen, weil mich diese unglaubliche Geschichte interessiert. Es hätte mich früher ja auch treffen können. Wer weiß schon, wie lange der Angeklagte sein Unwesen getrieben hat?«

Die Mordkommission überprüft weitere 21 Todesfälle in dem Unternehmen. Es handelt sich um Fälle seit dem Jahr 2000, in denen Mitarbeiter vor Eintritt in den Ruhestand verstorben sind. Bei den nun zu prüfenden Todesfällen soll es aus Sicht der Ermittler um eine auffallend hohe Zahl von Herzinfarkten und Krebserkrankungen gehen. Ursächlich für solche Erkrankungen kann nach Angaben der Sachverständigen eine Schwermetallvergiftung sein.

Bisher schweigt der Angeklagte

Nach Informationen des WESTFALEN-BLATTES sollen zehn dieser Todesfälle nun näher in den Fokus gerückt sein. Das Gericht müsse in den nächsten Wochen entscheiden, welche Verstorbenen exhumiert werden sollen. Zu den Vorwürfen schweigt Klaus O. weiterhin. Ob der Angeklagte im laufenden Verfahren redet, ist unklar. Man weiß auch nicht, ob er sich gegenüber seinen Rechtsanwälten öffnet. Verteidiger Henning Jansen: »Dazu möchten wir uns nicht äußern.« Die Ehefrau von Klaus O. saß auf der Zuschauerbank. Auch sie schweigt. Das Motiv ist offen. Der Prozess wird am Montag, 26. November, fortgesetzt. Dann sollen zwei der drei Opfer gehört werden.

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