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Di., 03.07.2018

Fast 400 Seiten stark: Expertise eröffnet neuen Blick auf Angeklagten aus dem »Horror-Haus« - mit Video »Begriffe wie Gewissen und Moral hat er nicht gekannt«

Um ihn geht es in dieser Woche: Wilfried W. mit Anwalt DR. Carsten Ernst

Um ihn geht es in dieser Woche: Wilfried W. mit Anwalt DR. Carsten Ernst Foto: Ludmilla Ostermann

Von Ludmilla Ostermann

Höxter/Paderborn (WB). Im Prozess um das »Horror-Haus« von Höxter-Bosseborn wird an diesem Dienstag mit der Verlesung des neuen Gutachtens über Wilfried W. begonnen. Zwei Tage soll die Vorstellung der fast 400 Seiten starken Expertise von Dr. Nahlah Saimeh dauern. Sie wurde wurde erstellt, nachdem der ursprüngliche Gutachter, Prof. Michael Osterheider, entpflichtet worden war.

Der Prozesstag im Überblick:

  • Die Gutachterin Nahlah Saimeh empfiehlt eine Unterbringung in der Psychatrie für Wilfried W.
  • Der Angeklagte ist nach Einschätzung der Gutachterin nur vermindert schuldfähig. Tests ergaben bei Wilfried W. eine Intelligenzminderung mit einer Persönlichkeitsstörung.
  • Das Verhalten des 48-Jährigen erinnert eher an das Auftreten eines Grundschulkindes.
  • »Er beurteilt, besonders wenn er unter Druck steht, Dinge komplett falsch«, sagt Saimeh. Was eine Misshandlung sei, habe er nicht beantworten können.

Noch vor der Verhandlung ließ sich Wilfried W.s Verteidiger Dr. Carsten Ernst zu dem Gutachten ein. Er hat es bereits gelesen.

Von Mädchen gemocht, vom Vater nicht

Als »kindlich-naiv« beschreibt Saimeh ihren Eindruck des Angeklagten während der länger als 16 Stunden dauernden Gespräche.

Zunächst habe Wilfried W. ihr von seinem Leben in der JVA erzählt. Dort sei er anerkannt, sei sogar Gefangenensprecher. Auch bei den Gefängniswärtern sei er beliebt.

Er habe sich auch an Frau Kamisch (die Mutter vom ersten Opfer Anika W.) wenden wollen, habe sich aber nicht getraut. Dabei habe W. immer wieder auf die Mitangeklagte Angelika W. - sie sei das Monster gewesen.

Saimeh gibt zunächst die Berichte aus der Jugend von Wilfried W. wieder. Von seinem Aufwachsen in Bochum und dem Umzug nach Bad Lippspringe aufgrund eines neuen Lebensgefährten der Mutter. Von den Misshandlungen des Vaters, der seinen Sohn als ängstliches Kind laut Wilfrieds Eindruck nicht sonderlich gemocht habe. 

Saimeh schildert, Wilfried W. habe die Tendenz, sich etwas potenter darzustellen, als es der Wahrheit entsprochen habe. Er habe seine Aussagen oftmals korrigieren müssen. So habe er einmal davon berichtet, sich schützend vor Mädchen gestellt zu haben, die in der Schule geärgert wurden. Bei erneutem Nachfragen habe er dies jedoch revidiert, sagt die Psychologin.

In der Schule sei er schwach gewesen, sei drei Mal sitzen geblieben, zur Sonderschule gegangen. Dennoch sei er Klassensprecher geworden - weil viele Mädchen in der Klasse waren. Bei diesen sei er beliebt gewesen.

Von einer frühen Autonomie könne man bei Wilfried W. nicht sprechen. Noch mit 18 Jahren habe ihm die Mutter seine Kleidung herausgelegt. Körperpflege und ein ordentliches Auftreten sei ihm wichtig.

Ein Mann namens Jürgen aus dem Bibelkreis habe ihm schließlich seine ersten sexuellen Erfahrungen beschert. Jener Jürgen habe ihn mit seiner Ehefrau schlafen lassen. Die sei 50 gewesen. Alter und Aussehen seien ihm aber nicht wichtig gewesen, habe Wilfried W. bekräftigt. Für ihn zählten das Herz und die inneren Werte. 

Auf die Frage, wer ihm die wichtigsten Menschen in seinem Leben seien, habe er geantwortet: »Meine Partnerin und meine Mutter. In der Reihenfolge.«

Beim Sex an Mohn- und Lavendelfelder gedacht

Sexuell sei Wilfried W. eher unauffällig gewesen. Pornofilme habe er gesehen, mit Sexspielzeug habe er nichts am Hut gehabt. Einmal habe er 100 D-Mark für eine Asiatin ausgegeben. Das sei aber nichts gewesen. Er sei auf der Suche nach der richtigen Liebe gewesen. Mädchen hätten ihn zwar angesprochen, jedoch sei er viel zu unsicher gewesen. Die sexuelle Offensive von Frauen habe ihn gar verängstigt. Sexualität müsse von beiden Seiten gewollt sein.

W. habe erneut betont, dass ihm das Aussehen bei Frauen völlig egal sei. Ausschlusskriterien seien jedoch starkes Rauchen und wenn eine Frau einen anderen Mann habe.

Bei Angelika habe ihn gestört, dass sie am Anfang der Beziehung gerochen habe. Dennoch habe er mit ihr geschlafen. Weil er laut Saimeh Angst gehabt habe, dass sie ihn anmeckerte. Beim Sex habe er dann an Mohn- und Lavendelfelder gedacht. 

Dennoch habe er fortwährend Begegnungen mit Frauen geschildert, in denen er seine Vorstellung von der großen Liebe ad acta gelegt und gleich beim ersten Treffen Sex hatte.

Vier bis fünf Mal habe er Anja S. gesehen, bevor er sie heiratete, erzählt die Psychologin. Kurz darauf habe er eine Menage-a-trois mit Michaela K. eingerichtet. Michaela sei dabei wie Angelika gewesen, sehr dominant. Anja hingegen sei ein ruhiger Typ und misshandelt worden. Nahlah Saimeh spricht von einer Analogie zum späteren Leben mit Angelika. 

Keine Vorstellung von Unrecht und Strafbarkeit

Die Psychologin berichtet von der Beziehung zu Tieren, die im Gerichtsfall bereits eine Rolle gespielt haben. Er selbst liebe Tiere und könne kein Blut sehen. Und dennoch waren mehrere Tiere im Haus in Bosseborn zu Tode gekommen. Stets habe er auf Angelika verwiesen. Sie habe oftmals Hand an die Tiere gelegt. Außerdem habe die Angeklagte immer gesagt »Tiere sind Sachen, das ist nicht strafbar«. Das habe er nicht gewusst. 

Nahlah Saimeh stellt ihr Gutachten vor. Foto: Ludmilla Ostermann

Angelika W. habe er durch ein Inserat kennengelernt. Beim ersten Treffen habe man sich geküsst, umarmt und Händchen gehalten. Sie sei zwar anfangs nicht sonderlich reinlich gewesen, habe ihn aber gekrault. Schnell sei jedoch der Wurm drin gewesen in der Beziehung. »Ich bin hart und brutal und kann keine Liebe geben«, habe sie gesagt. Dabei habe er diese doch gesucht. Schließlich habe man auch andere Frauen ins Leben gelassen.

Die Psychologin habe den Angeklagten auf die unterschiedlichen Misshandlungen an den Frauen angesprochen. Als Ratlosigkeit beschreibt Saimeh die Reaktion Wilfried W.s auf Fragen, ob er die Misshandlungen von Tieren und Menschen nicht habe verhindern können. Eine Misshandlung sei für ihn, eine Frau hinter dem Auto her zu schleifen, nicht jedoch, eine Frau an eine Heizung zu ketten. Das habe er sich zumindest gedacht.

Angesprochen auf den Tod Anika W.s habe Wilfried erzählt, er habe Angelika aufgefordert, sich der Polizei zu stellen. Er sei spazieren gegangen, als ihre Leiche verbrannt worden war. Er habe nicht gewusst, was er tun sollte. Davon, was an dem Verhalten ethisch-moralisch falsch und strafrechtlich relevant sei, habe er keine Vorstellung gehabt, berichtet Saimeh.

In den Gesprächen habe die Psychologin weitere Beispiele von Misshandlungen abgefragt. Oft sei er unsicher gewesen, habe keine Vorstellung von Unrecht und Strafbarkeit gehabt.

Auf die Frage, welche Funktion das Heiraten für ihn habe, habe er geantwortet: Er wolle nicht alleine sein. 

»Erkennbar vor der Pubertät«

Nach der Mittagspause beginnt die Psychologin mit der Bewertung der Exploration. Wilfried W. sei fröhlich gewesen, auch wenn über die Tode der Frauen gesprochen wurde. Dies sei jedoch eine naive, unbedarfte Freude gewesen, sagt Saimeh. In seinen Erzählungen habe Wilfried W. sich eher als Opfer dargestellt. Insgesamt habe er ein Verhalten gezeigt wie ein Kind, das im späten Grundschulalter ist »Erkennbar vor der Pubertät«, betont Saimeh. Auffällig sei eine schlichte Art des Beziehungsbedürfnisses, Angst vor Blamage und Zurückweisung. »Offen, freundlich, höflich, gesellig, kindlich« sind ebenfalls Worte, mit denen die Psychologin den Angeklagten beschreibt.

Ein unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient sei bei W. festgestellt worden. Dieser liege bei 59. Dies sei Hinweis auf eine leichte Intelligenzminderung, hinzu komme eine Merkfähigkeitsschwäche, strategisches Planen sei ihm nicht möglich, sagt die Psychologin. Eine Impulskontrolle sei ihm schlecht möglich. Nicht möglich sei ihm, sich von alten Regeln zu lösen und neue aufzustellen. Er selbst habe sich als eher hypochondrisch dargestellt. Er sehe sich als anhänglich, unsicher, unattraktiv und schüchtern. 

Die ihm gestellten Fragen habe Wilfried nur mit großer Mühe beantworten. »Begriffe wie Gewissen und Moral hat er nicht gekannt«.

Die ausgeprägte Lernschwäche ziehe sich seit Kindheitstagen durch das Leben des Wilfried W. Immer wieder sei es in den Gesprächen um die Dokumentation der eigenen Unschuld gegangen. W. verfüge über keine normative moralische Richtschnur. So trete die erwähnte Tierliebe völlig in den Hintergrund, wenn er mit der Tötung der Haustiere konfrontiert werde. Die seien schließlich Sachen und das Umbringen nicht strafbar.

Schwachsinn nach Paragraph 20 StGB

Damit gehört W. zu drei Prozent der Bevölkerung. Die Folgen: ein beeinträchtigtes Sprachverständnis, eine ausgesprochene Leichtgläubigkeit oder das Nichtvermögen des Fahrens einer Ehe. Diese Punkte würden auf den Angeklagten zutreffen, sagt die Psychologin. Die Gründe für die Intelligenzminderung seien nicht zu ergründen. Die könnten vor oder in der Geburt liegen. »Man überschätzt Herrn W.«, sagt Saimeh. »Denn rein optisch ist es ihm nicht anzusehen.«  Dennoch sei durch die Intelligenzminderung die Annahme von Schwachsinn nach Paragraph 20 StGB erfüllt, so die Expertin. »Diese Störung zeigt hier eine große Relevanz.«

Saimeh diagnostiziert Wilfried W. eines genannte dependente Persönlichkeitsstörung. Diese ist laut Wikipedia gekennzeichnet durch ein geringes Selbstbewusstsein und mangelndes Durchsetzungsvermögen. Bei W. äußere sich diese konkret durch die Abhängigkeit in der Vorgabe von richtig und falsch und der Abwesenheit von moralischem Urteilsvermögen. Erst wenn ihm von außen eine Richtung vorgegeben werde, könne er diese befolgen.

Ihm fehle eine Vorstellung vom Innenleben anderer, selbst über seine Präferenzen sei er sich nicht im Klaren, so Saimeh. Schließlich habe er Sex mit Angelika gehabt, obwohl diese ihm zu schlecht gerochen habe. Warum er das getan habe, könne er nicht erklären. 

W. befinde sich auf der moralischen Stufe eines Grundschulkindes, wobei sich Moral an der Angst vor Strafe orientiert. Nach einer weiteren kurzen Pause fasst  Saimeh ihre Ergebnisse der Exploration zusammen.  

Erfüllt W. die Anforderungen der Charakteristika einer Persönlichkeitsstörung, stellt die Psychologin in den Raum. »Dies kann man vollumfänglich bejahen«, gibt sie die Antwort und greift der Beschreibung  seiner Rolle in Beziehungen vor. So reagiere er aggressiv in Dreiecksbeziehungen. Entsprechend sei es plausibel, wenn Angelika W. von Gewalthandlungen von Seiten Wilfrieds berichtet. 

Kein sadistisches Interesse vorhanden

Keinerlei Hinweise gebe es unterdessen ein gesteigertes sadistisches Interesse. W. sei gar nicht in der Lage, dies zu dechiffrieren. Das Abschneiden der langen Harre bei manchen Opfern würde er so etwa als Strafe  Angelikas für ihn selbst empfinden, weil er selbst lange Haare bei Frauen mag. Lust empfinde er nicht.

Die Psychologin ordnet die Sexualität und die vielen Begegnungen mit Frauen von W. ein: Der Angeklagte unterscheide sich von narzisstisch strukturierten Männern in seiner Don-Juan-Haftigkeit durch die Suche nach der großen Liebe, während Narzissten lediglich Frauen sammelten. Sexueller Sadismus sei nicht festzustellen. 

W. habe gleich zwei Einschränkungen: Schwachsinnigkeit sowie eine schwere andere seelische Abartigkeit mit paranoiden Zügen. In Bezug auf die Taten in Bosseborn sei die Steuerungsfähigkeit zwar erheblich beeinträchtigt gewesen. Jedoch sei er nicht komplett steuerungsunfähig. 

Saimeh sieht ein Risiko für eine Wiederholung bei Wilfried. Grund dafür sei, dass es bereits in der Vergangenheit 1994 zu ähnlichen Vorfällen gekommen war. Auch habe W. ein Talent dafür, eine komplementäre Partnerin zu finden. Deutlich gleiche er mehr einem Patienten in einer Psychiatrie, als einem Straftäter ohne Einschränkungen. 

Richter Bernd Emmighaus will wissen, wie Saimeh die Beurteilung durch Prof. Osterheider beurteilt, der W. ein sadistisches Interesse nachgewiesen hatte. Wenn jemand über Jahre Frauen gefangen halte und quäle, könne man auf den ersten Blick auf diese Diagnose kommen. Jedoch sei dieses sadistische sexuelle Interesse bei W. nicht nachzuweisen gewesen. Und da müsse man überlegen. Um ihn herum entstünden zwar ständige Sadismen, der Angeklagte bekomme dies aber gar nicht mit. Falsch sei hingegen, dass er behaupte, er habe mit nichts etwas zu tun gehabt. 

Die Verhandlung ist beendet. Doch schon am Mittwoch geht es weiter. Dann will Nahlah Saimeh auf Angelika W. und die Beziehungsdynamik zwischen den beiden Angeklagten eingehen.

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