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Fr., 06.07.2018

Schwere Vorwürfe gegen Psychologen aus Regensburg IQ-Test manipuliert?

Wilfried W. und sein Anwalt Dr. Detlev Binder am Mittwoch, dem 51. Verhandlungstag.

Wilfried W. und sein Anwalt Dr. Detlev Binder am Mittwoch, dem 51. Verhandlungstag. Foto: Hannemann

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Im »Horror-Haus«-Prozess vor dem Landgericht Paderborn steht ein neuer, schwerer Verdacht im Raum. Hat das inzwischen abgelöste Gutachterteam bei der Ermittlung des Intelligenzquotienten von Wilfried W. (48) manipuliert?

In dem Prozess um den Tod zweier Frauen hatte Prof. Michael Osterheider aus Regensburg ursprünglich den Auftrag, den Angeklagten Wilfried W. zu begutachten. Zur Unterstützung nahm der Psychiater einen Regensburger Psychologen hinzu. Er ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Abteilung für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Regensburg unter der Leitung Prof. Osterheiders.

Objektivität des Gutachters angezweifelt

Osterheiders Objektivität wurde bereits in mehreren Prozessen angezweifelt, sogar von einem Gericht ( WESTFALEN-BLATT vom 5. November 2016 ). In Paderborn wurde Osterheider nach 14 Monaten Verhandlungsdauer im Dezember 2017 abgelöst – offiziell aus Gesundheitsgründen. Er hatte dem Angeklagten Wilfried W. eine belastende Aussage zugeschrieben, die der nicht gemacht hatte, und angegeben, ihn an einem bestimmten Tag in der JVA Detmold untersucht zu haben – obwohl nachweislich nur der Psychologe in der JVA war. Osterheider war in seinem vorläufigen Gutachten zu dem Schluss gekommen, Wilfried W. sei voll schuldfähig, habe aus sexuellem Sadismus gehandelt und einen Hang zu solchen Taten. Die Nachfolgegutachterin Dr. Nahlah Saimeh, zuletzt Leiterin der größten Gerichtspsychiatrie Deutschlands in Eickelborn, kam in allen Punkten zum gegenteiligen Ergebnis. Nicht nur das: Ihr Psychologe Philipp Hintze ermittelte bei Wilfried W. mit Tests einen Intelligenzquotienten von 59 (Juristen sprechen von Schwachsinn), während Osterheiders Psychologe einen IQ von 90 (»unterer Normbereich«) herausgefunden haben wollte.

Verteidiger Dr. Detlev Binder: »Dass Gutachter unterschiedliche Meinungen haben, mag ja sein. Aber Intelligenztests sollten doch so normiert sein, dass sie eine Aussagekraft haben.«

Unpassende Tests angewandt

Dr. Nahlah Saimeh sagte am Mittwoch vor Gericht auf Nachfrage, ihr sei diese Diskrepanz natürlich auch aufgefallen. Ihr Psychologe und sie hätten nach der Ursache gesucht und »verblüfft« festgestellt, welche Tests Osterheiders Psychologe angewandt habe. Zum einen habe er einen Test für Demenzkranke verwendet, obwohl Wilfried W. nicht dement sei. Und er habe bei einem anderen Test als Referenzwerte Daten aus einer Dissertation über Menschen mit hirnorganischen Störungen zugrundegelegt, aber auch eine solche Störung habe Wilfried W. nicht.

Dr. Binder: »Wegen der niedrigen Intelligenz dieser Vergleichsgruppen schnitt Wilfried W. gut ab und kam auf einen vergleichsweise hohen IQ. Für mich ist das ein beispielloser Skandal.« Binder sagte, da gleich zwei falsche Tests angewendet worden seien, müsse er annehmen, dass die IQ-Ermittlung manipuliert worden sei, um Osterheiders Gutachten zu stützen. Saimehs Psychologe hatte noch einen anderen Erklärungsversuch für die Anwendung dieser Tests: Der Aufwand sei sehr gering.

Dr. Nahlah Saimeh erklärte auf Nachfrage der Verteidigung, die Testauswahl sei »befremdend« und habe sie »erstaunt«. Saimeh wörtlich: »Sie war gravierend falsch.«

Das WESTFALEN-BLATT bat den Regensburger Psychologen am Donnerstag schriftlich um eine Stellungnahme, erhielt aber bis zum Abend keine Antwort.

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