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Do., 06.09.2018

Weitere Plädoyers vor dem Landgericht Paderborn Wilfried W.s Verteidiger: »Er braucht Hilfe«

Wilfried W.s Verteidiger haben heute das Wort.

Wilfried W.s Verteidiger haben heute das Wort. Foto: Ludmilla Ostermann

Paderborn (WB/ludi/dpa). Im Mordprozess um das sogenannte »Horror-Haus« von Höxter haben die Anwälte von Wilfried W. eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren beantragt, außerdem die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.

 Staatsanwaltschaft und Nebenkläger hatten am Vortag am Landgericht Paderborn eine lebenslange Haft mit der Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und die Einweisung in die Psychiatrie beantragt. Damit hatte sich Oberstaatsanwalt Ralf Meyer über die Empfehlung einer Gutachterin hinweggesetzt. Die Expertin hatte Wilfried W. als vermindert schuldfähig eingeschätzt.

Dr Carsten Ernst beginnt und geht auf die Besonderheit des Bosseborn-Prozesses ein. So habe er während seiner Tätigkeit noch keinen Fall von Mord durch Unterlassen begleitet. Besonders sei auch die Persönlichkeit seines Mandanten. Hier habe ein Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung stattgefunden. Aus der »Bestie von Höxter« sei er in der Darstellung der Medien zu einem unsicheren und einfältigen Mann geworden.

Ernst schildert seine Begegnung mit Wilfried W. 77 Mal habe er ihn in der JVA in Detmold besucht. Nach den ersten Gesprächen mit dem Angeklagten sei den Anwälten klar geworden: Angelika war Schuld. Ein Tiefgang sei auch nach 77 Treffen nicht in den Gesprächen entstanden. Erst im letzten Gespräch habe Wilfried sich selbst als kontaktfreudigen, feinfühligen und hilfsbereiten Menschen beschrieben.

Der Anwalt kritisiert das Gutachten von Professor Osterheider. »Das war eine Unverschämtheit«, sagt er.

»Wer nichts tut, macht keine Fehler«

Die Grundeinstellung von Wilfried W. sei es, immer unschuldig zu sein. Auf der moralischen Reifeebene sei er mit einem Kind im Grundschulalter zu vergleichen. Er sei nicht zu abstraktem Denken in der Lage, sondern immer im Konkreten verhaftet. 

Ganz wichtig sei auch das Verhältnis zu Angelika. Laut Gutachten von Nahlah Saimeh sei die Beziehung krankhafter Natur gewesen. Es gebe keine Augenhöhe zwischen den beiden. Damit sei aus Sachverständigensicht die Machtverteilung mehr als eindeutig beschrieben. Ernst: »Er (Wilfried) ordnet sich jedem unter, der dominant ist.« Seine Maxime laut Ernst: »Wer nichts tut, macht keine Fehler. Wenn ich abhaue, bin ich nicht Schuld«.

»Wilfried W. braucht Hilfe«. Der Antrag auf eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus sei daher richtig, sagt Ernst und beschließt sein Plädoyer.

»Wilfried W., Spiritus Rector - Angelika, das Opfer«

Nun hat Detlev Binder das Wort. Er spricht von einer Vorverurteilung, die sich früh durch die Arbeit der Ermittler und die Berichterstattung ergeben habe. »Wilfried W. Spiritus Rector (die treibende Kraft), Angelika das Opfer«. Zugleich bedankt er sich beim Gericht, welches stets habe klar gemacht, ein Urteil nur auf Basis des im Saal gehörten fällen zu wollen.

Binder geht nun auf die Person Angelika W. ein. »Am 4., 5. Prozesstag spüren wir die eisige Kälte, die sie den Opfern entgegenbringt«. Er zitiert aus der Sitzung, in der es um die Bereitung Anika. W.s Leiche geht. Der Anwalt sieht in den detaillierten Ausführungen der Angeklagten einen gewissen Stolz auf ihre Arbeit. Die Angeklagte hört aufmerksam zu, blickt mit ernster Mine immer wieder zum Verteidiger ihres Ex-Mannes, schüttelt manchmal mit dem Kopf und macht sich Notizen.

»Reden wir hier über ein Opfer?« fragt Binder. »Nachdem wir ihr Verhalten hier im Prozess mitbekommen haben?« Im Prozess sei sie präsent gewesen und mitunter forsch aufgetreten. Oftmals sei die Vorstellung, von dem, was im Haus in Höxter-Bosseborn möglich gewesen sei, von ihren Aussagen übertroffen worden.

Der Verteidiger blickt zurück, erinnert an seine Aussage am 13. Prozesstag. Diese sei geprägt gewesen von einer unglaublichen Naivität und Unstrukturiertheit. Binder spricht von Zirkelschlüssen. »Er ist nicht in der Lage, vom Abstrakten ins Konkrete zu gehen.«  

Nun will der Verteidiger auf die Aussagen der Frauen eingehen. Zeugin B. habe von einem liebevollen Verhältnis gesprochen, Zeugin K. davon, dass sie sich Wohlgefühl habe, Zeugin M. von einem gefühlvollen Mann, Zeugin S. von einer herrschsüchtigen Angelika W., Zeugin B. von Telefonterror vornehmlich durch die Angeklagte, Zeugin P. von einer Ohrfeige, die laut Binder durch Angelika W.s Verhalten ausgelöst wurde. 

Binder: Fünf Frauen fanden die Beziehung zu Wilfried schön

Von insgesamt zehn Zeuginnen sagten fünf, dass es schön gewesen sei mit Wilfried. Zwei Zeuginnen erwähnten Gewalt in der Beziehung mit Wilfried W.

Konkret geht er auf die Zeugin Kathi K. ein, die vor Gericht traumatisiert aufgetreten war. Er liest aus einem WhatsApp-Chat, in dem die Zeugin dem Angeklagten Liebesbekundungen sendet. »Es gibt nicht einen Chat, in dem von Gewalt ihr gegenüber geht«, sagt Binder.

Er verliest einen Auszug aus dem Tagebuch der Zeugin. Darin vermacht sie ihm ihr Vermögen, noch drei Jahre nach der Trennung. »Deshalb kann nicht nur gewertet werden, was die Zeugin vor Gericht ausgesagt hat«, sagt Binder. »Ich glaube, dass es zu körperlichen Übergriffen gekommen ist. Dennoch könne nicht von einer Systematik ausgegangen werden.« 

Auch Binder lässt es sich nicht nehmen, noch einmal auf die Arbeit des früheren Gutachters Ostereier einzugehen. Er kritisiert die Methode, die auf einem veralteten Klassifikationsschema fuße. Er widerspreche sich in seinem Gutachten zudem permanent, halte Mindeststandards nicht ein und sei kein guter Gutachter, weil er von Wilfrieds Aussagen etwa keine Notizen gemacht habe. 

Eingehend auf das Gutachten von Saimeh betont der Verteidiger, der Angeklagte wisse nicht, was gut und böse sei. Er schwebe in einem Nirvana, in dem er keinen Anker gebe. »Da muss nur einer kommen und sagen, was ist. Dann folgt er dieser Person.« Binder: »Das Gutachten deckt sich mit den Aussagen der Zeugen«. Er sei vermindert schuldfähig.

Niedere Beweggründe nein, Verdeckungsabsicht ja

Binder stößt sich im fall der Anika W. an dem Vorwurf des Tötens durch Unterlassen, da der Moment des Sterbens für beide Angeklagten erst unmittelbar vor dem Tod offenbar geworden sei. »Der Angeklagte konnte keinen Arzt mehr rufen in dem Moment.« Auch aus früheren Aussagen der Angeklagten Angelika W. während der Vernehmung durch die Polizei klar zu entnehmen, dass sie die Schwere der Verletzung bei Anika nicht erkannt habe. »Wie soll dann Wilfried dies erkannt haben?« fragt der Verteidiger. »Dann habe ich kein Unterlassens-Delikt mehr. Dies bricht weg.«

Im Fall des Todes von Susanne F. nennt Binder das Mordmerkmal der niederen Beweggründe absurd, die Verdeckungsabsicht jedoch gegeben. Nur diesen konkreten Fall halte er für einen versuchten, aber keinen vollendeten Mord.

der Verteidiger sieht drei Strafmilderungsgründe in Wilfried W.s Fall: Zum einen wiege das Begehen einer Straftat schwerer als das Unterlassen, zum anderen sei der Angeklagte vermindert schuldfähig und es sei bei dem Mordversuch im Versuchsmoment stecken geblieben. Binder sieht insgesamt zwei Straftatbestände: Für den Schlag mit der Schippe ein Jahr Haft sowie den Mord durch Unterlassen an Susanne F. sieben Jahre. Zusammen beantragt der Verteidiger eine Gesamtfreiheitsstrafe von sieben Jahren und sechs Monaten. Zudem beantragt er die Unterbringung seines Mandanten in ein psychiatrisches Krankenhaus.

 

In der kommenden Woche geht es dann mit den Verteidigern der 48-jährigen Angeklagten Angelika W. weiter. Ob ein Urteil am 14. September oder erst am 5. Oktober fällt, ist noch offen.

Lesen Sie hier alles rund um den Bosseborn-Prozess.

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