Fr., 05.10.2018

Urteile im Bosseborn-Prozess gesprochen - Angeklagter wird in psychiatrischer Einrichtung untergebracht - mit Video Bosseborn-Urteil: 13 Jahre Haft für Angelika W., elf Jahre für Wilfried W.

An diesem Freitag wird das Urteil im Bosseborn-Prozess gesprochen.

An diesem Freitag wird das Urteil im Bosseborn-Prozess gesprochen. Foto: Christian Althoff

Paderborn (WB/ludi/dpa). Im Mordprozess um das sogenannte Horror-Haus von Höxter hat das Landgericht Paderborn ein Urteil gefällt. Angelika W. muss wegen Mordes durch Unterlassen sowie versuchten Mordes durch Unterlassen für 13 Jahre ins Gefängnis, Wilfried W. für elf Jahre. Er wird zudem in der Psychiatrie untergebracht.

Um genau 11.15 Uhr fällt das Urteil an diesem Freitag nach fast zwei Jahren Prozessdauer. Richter Bernd Emminghaus rekapituliert in der Urteilsbegründung nun noch einmal die Begebenheiten, die zum Tode der beiden Frauen geführt haben. So sei der Angeklagte Wilfried W. auch gewalttätig gewesen, allerdings nicht in dem Ausmaß wie Angelika W. Die Kammer glaube den Ausführungen der Angeklagten, sagt Emminghaus. Angelika habe die Vorwürfe eingeräumt, Wilfried habe dagegen zunächst alles abgestritten, nach und nach aber einige Taten zugegeben.
Das Maß an Schuld, sagt der Richter, sei bei einer Unterlassungstat geringer als bei einer aktiven Tat etwa mit einem Messer. Eine Rolle für das Strafmaß habe zudem die Kooperation Angelika W.s sowie die Vorstrafen von Wilfried W. eine Rolle gespielt. 

Zeuge vergeblich geladen

Bevor jedoch das Urteil verkündet wurde, ging es um eine Begebenheit, die sich auf einem Rücktransport vom Gericht in die JVA zugetragen haben soll. Laut Wilfried W. soll Angelika auf dieser gemeinsamen Fahrt gesagt haben »Ich vermisse Dich« und beteuert haben, dass sie ihn belastet haben müsse und er Verständnis haben solle. Alles ganz anders, meinte Angelika: Sie habe ihn gefragt, was er glaube, wie die Sache ausgehe. Darauf habe er gesagt, das müsse man abwarten. »Also ein ganz normales Gespräch«, bewertet Richter Bernd Emminghaus den Dialog. Auswirkungen auf das Urteil dürfte die Episode nicht haben.
Nach kurzer Beratungspause war der Richter der Meinung, den Zeugen, der mit im Wagen saß, nicht mehr zu hören. Detlev Binder, Verteidiger von Wilfried W., war anderer Meinung. Er bestand darauf, den Zeugen zu hören. »Ich finde es unverständlich, dass wenn man den Zeugen schon hier hat, ihn nicht auch kurz dazu befragt.« Angelika habe im letzten Wort gesagt, sie sei so froh, von ihm weg zu sein. »Und das Vermissen passt dann nicht.«
Nach einer weiteren Beratungspause wurde der Zeuge des Gesprächs auf der Fahrt in die JVA doch verhört. S. sagte aus, er habe nichts gehört. Binder wollte aber nicht locker lassen. Als der Zeuge jedoch kaum ein Wort verstand, das der Anwalt an ihn richtete, gab jener auf. »Ich habe keine weiteren Fragen.«
Schließlich hatten die Angeklagten das letzte Wort. Angelika W. sagte: »Ich möchte mich bei allen Frauen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe.« Und auch Wilfried W. nutzte die Gelegenheit: »Ich will ich bei allen Opfern entschuldigen. Ich möchte mich bei Frau Kamisch entschuldigen«, setzte er an. Hätte er alles gewusst, hätte er es verhindert. Außerdem richtete er Dank an seine Anwälte, seine Mutter, seinen Stiefvater »und alle, die mich kennen.«
Das Gericht zog sich anschließend zu einer einstündigen Beratung zurück.

Worum geht es?

Die Opfer wurden laut Anklage seelisch und körperlich schwer misshandelt. Zwei Frauen aus Niedersachsen starben an den Folgen der Quälereien. Eine von ihnen starb in einem Krankenhaus, beim zweiten Opfer gab es keine Leiche mehr. Die Angeklagten hatten die Frau nach ihrem Tod zuerst eingefroren, zersägt, verbrannt und die Asche anschließend im Winter an den Straßenrändern des Dorfes zerstreut, wie Angelika W. ausgesagt hatte.
Staatsanwaltschaft und Nebenkläger forderten für die beiden Angeklagten lebenslange Haftstrafen und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Wilfried W. sollte zusätzlich in einer Psychiatrie untergebracht werden. Die Strafanträge der Verteidiger fielen deutlich niedriger aus. Für Wilfried W. hielt die Verteidigung wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sieben Jahre und sechs Monate Haft für ausreichend. Wilfried W. sei nur vermindert schuldfähig.
Für Angelika W. forderten ihre Verteidiger aus Mangel an Beweisen einen Freispruch. 
Nach vorläufigen Berechnungen des Gerichts wird der Prozess rund eine halbe Million Euro kosten. Bei einer Verurteilung müssen die Angeklagten die Gerichtskosten übernehmen. Dabei entfallen auf die sieben Anwälte zusammen rund 280.000 Euro. Die Gutachter haben ihre Arbeit mit rund 200.000 Euro berechnet. »Noch liegen aber nicht alle Posten vor«, sagte der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus vor dem Urteil. Nach seinem Urteilsspruch geht der Jurist am Freitag in den Ruhestand, den er bereits im Mai antreten wollte.

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