>

Sa., 06.10.2018

»Horror-Haus«-Prozess zu Ende – Warum Angelika Wagener ihren Mann nicht verließ, ist unklar – mit Video Eine Frage bleibt offen

Anwalt Peter Wüller, der zusammen mit Alexander Strato die Angeklagte Angelika Wagener verteidigt hatte, erklärte am Freitag nach der Urteilsverkündung, dass seine Mandantin auf eine Revision verzichten werde. »Sie ist happy mit dem Urteil.«

Anwalt Peter Wüller, der zusammen mit Alexander Strato die Angeklagte Angelika Wagener verteidigt hatte, erklärte am Freitag nach der Urteilsverkündung, dass seine Mandantin auf eine Revision verzichten werde. »Sie ist happy mit dem Urteil.« Foto: meierpress

Von Christian Althoff

Paderborn (WB). Angelika Wagener (49) fiel ihrem Verteidiger Peter Wüller vor Freude um den Hals, als sie das Urteil hörte: 13 Jahre Gefängnis für sie, elf Jahre und Unterbringung in der Psychiatrie für ihren Ex-Mann Wilfried (48).

Nach 60 Verhandlungstagen ist der »Horror-Haus«-Prozess zu Ende gegangen. Er hatte im Oktober 2016 begonnen und war »einer der längsten, die es je am Landgericht Paderborn gegeben hat«, wie der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus sagte.

Einige Zuschauer äußerten beim Verlassen des Gerichtssaals Unmut über die Strafen. »Die beiden hätten lebenslang weggesperrt werden müssen«, sagte ein Mann. »Das Urteil ist unbefriedigend.« Und eine Frau nannte das Urteil »mies«.

Mit Zeitungsanzeigen nach Frauen gesucht

Angelika Wagener sei behütet in Bad Salzuflen aufgewachsen, und nichts habe damals erwarten lassen, dass sie einmal vor einem Schwurgericht stehen würde, sagte Emminghaus in der Urteilsbegründung.

Dass sie den Gartenbaubetrieb, der ihr von ihrem Lehrherrn angeboten worden sei, nicht übernommen habe, sei vielleicht der Fehler ihres Lebens gewesen. Sie habe Wilfried Wagener kennengelernt und sei bei ihm geblieben – obwohl er schon nach kurzer Zeit gewalttätig geworden sei. »Nur weil sie seine Regeln nicht befolgt hat.«

Nach Überzeugung des Gerichts suchte das Paar, das 2010 nach Höxter-Bosseborn zog, mit Zeitungsanzeigen nach Frauen, die kaum soziale Bindungen hatten. Wenn sie Wilfrieds irrwitzige Hausregeln nicht einhielten, wurden die Frauen geschlagen, getreten, gewürgt, angekettet und gedemütigt. »Dabei war Angelika aktiver als der Mitangeklagte«, sagte Emminghaus.

Zwei Opfer überlebten die Torturen nicht: 2014 starb Anika W. (33) aus Uslar, 2016 Susanne F. (41) aus Bad Gandersheim. Das Gericht ist überzeugt: Beide könnten noch leben, hätten Angelika und Wilfried Wagener rechtzeitig Hilfe für die Schwerverletzten gerufen. 

»Ich lasse sie ersaufen«

Dass das Schicksal von Anika W. überhaupt aufgeklärt werden konnte, verdanken Polizei und Justiz der Angeklagten. Sie schilderte nicht nur das Martyrium der Frau, sie beschrieb auch detailliert, wie sie die Leiche 2014 eingefroren, zersägt und verbrannt hatte. Richter Emminghaus: »Ohne diese Aussage wüssten wir so gut wie nichts über das Opfer.«

Dass Angelika Wagener 2014 versucht hatte, die gefesselte Anika W. in der Badewanne zu ertränken, wertete das Gericht als versuchten Mord. »Ich lasse sie ersaufen«, soll Angelika Wagener zu ihrem Ex-Mann gesagt haben.

Den späteren Tod Anika W.s stufte das Gericht als versuchten Mord ein, weil die Umstände nicht restlos aufzuklären waren. Den Tod von Susanne F. bewerteten die Richter dagegen als Mord durch Unterlassen – weil die Angeklagten nicht rechtzeitig Hilfe geholt hatten.

IQ von 58 bedeute Schwachsinn im medizinischen Sinne

Dass dem Paar die lebenslange Haft erspart bleibt, die bei Mord eigentlich obligatorisch ist, hat mehrere Gründe. Bei Wilfried Wagener gehen die Richter von einer erheblich verminderten Steuerungsfähigkeit aus.

Im »Horror-Haus« wurden Anika W. und Susanne F. zu Tode misshandelt. Foto: dpa

Sein IQ von 58 bedeute Schwachsinn im medizinischen Sinne. Er sei infantil, und ihm fehle die moralische Urteilsfähigkeit, sagte der Vorsitzende Richter. Außerdem sei Mord durch Unterlassen nicht zwingend so hart zu bestrafen wie ein gewöhnlicher Mord: »Einen Arzt nicht zu holen ist etwas anderes, als wenn man jemanden erschießt.«

Diesen Milderungsgrund billigte das Gericht auch Angelika Wagener zu. Außerdem wertete es zu ihren Gunsten, dass sie mit ihrer umfassenden Aussage ganz wesentlich zur Aufklärung der Taten im »Horror-Haus« beigetragen hat.

Wenn sich Angelika Wagener im Gefängnis weiterhin gut führt, ist sie mit 56 Jahren wieder frei. Denn auf die 13 Jahre Haft werden die zweieinhalb Jahre Untersuchungshaft angerechnet. Und von den verbleibenden Jahren muss sie voraussichtlich nur zwei Drittel absitzen – bis 2025.

Urteil »ein Riesenerfolg« für die Verteidigung

Nicht ganz so einfach ist die Voraussage bei Wilfried Wagener, bei dem Wiederholungsgefahr droht. Denn er kommt erst frei, wenn die Therapie in der Gerichtspsychiatrie erfolgreich war – und das könnte auch länger dauern als die vom Gericht verhängten elf Jahre.

Angelika Wagener (49) und Wilfried Wagener. Foto: dpa

»Trotzdem ist das Urteil ein Riesenerfolg«, sagte Verteidiger Dr. Detlev Binder. »Immerhin standen beim Prozessbeginn lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung im Raum.« Und so kündigten die Anwälte der beiden Angeklagten bereits am Freitag an, nicht in Revision zu gehen. Auch Oberstaatsanwalt Ralf Meyer ließ erkennen, dass er das Urteil wohl akzeptieren wird. »Ich hatte zwar lebenslange Haft gefordert, aber letztlich ist es ureigenste Aufgabe des Gerichts, die Strafe festzulegen.«

Richter verschiebt Ruhestand für Verfahren

Auch die Nebenkläger werden das Urteil wohl nicht vom Bundesgerichtshof überprüfen lassen. »Für mich geht die Strafe in Ordnung«, sagte Sigrid Kamisch (77), die Mutter der ermordeten Anika W. »Ich werde nie über den Tod meiner Tochter hinwegkommen. Daran kann kein noch so hartes Urteil etwas ändern. Anika wird dadurch auch nicht wieder lebendig.«

Für den Vorsitzenden Richter Bernd Emminghaus (65) war es der letzte Prozess: Er hatte den Beginn seines Ruhestands im Mai verschoben, um das Verfahren zu Ende zu bringen und wird nun das Landgericht zum 1. Dezember verlassen. 

Auf eine Frage, räumte Emminghaus nach dem Prozess ein, habe man trotz 60 Verhandlungstagen keine befriedigende Antwort gefunden. »Warum ist Angelika Wagener bei diesem Mann geblieben? Wir können es uns nur so vorstellen, dass Wilfried der einzige Mann war, der sich für sie interessiert hat, und sie dann an ihm hängengeblieben ist. Richtig nachvollziehen kann man das aber nicht.«

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6102528?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F4078537%2F