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Mi., 17.10.2018

Fall Bosseborn: Nebenklägerin Sigrid Kamisch bekommt kein Geld Opfer zweiter Klasse

Ihre Tochter wurde ermordet: Sigrid Kamisch reiste immer auf eigene Kosten aus Berlin zum Prozess nach Paderborn.

Ihre Tochter wurde ermordet: Sigrid Kamisch reiste immer auf eigene Kosten aus Berlin zum Prozess nach Paderborn. Foto: Besim Mazhiqi/Archiv

Von Christian Althoff

Düsseldorf/Paderborn/Höxter (WB). Der Staat unterstützt einige ausgewählte Nebenkläger mit Geld. Die große Masse geht leer aus.

Die 95 Nebenkläger im Münchener NSU-Prozess und die 58 Nebenkläger im Duisburger Loveparade-Verfahren konnten relativ unbürokratisch Zuschüsse zu ihren Hotel- und Fahrtkosten beantragen.

Dagegen bekam etwa Sigrid Kamisch (77), Nebenklägerin im »Horror-Haus«-Prozess vor dem Landgericht Paderborn, keinen einzigen Cent. Die Rentnerin aus Berlin musste die etwa 15.000 Euro für Bahn- und Hotelkosten selbst aufbringen.

»Als Zeichen der Solidarität«

Bei bestimmten Taten erlaubt das Gesetz Betroffenen und Hinterbliebenen, sich einem Prozess als Nebenkläger anzuschließen. Die Kosten für den Nebenklageanwalt trägt der Staat – nicht aber die Kosten, die den Nebenklägern durch ihre Teilnahme am Prozess entstehen. Das Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz regelt, wen das Gericht zu entschädigen hat, und Nebenkläger gehören eben nicht dazu.

Trotzdem gewährte der Staat den Hinterbliebenen im NSU-Verfahren eine Beihilfe zu Reise- und Übernachtungskosten »als Zeichen der Solidarität«. Nebenkläger mit Wohnsitz in Deutschland bekamen einmalig bis zu 520 Euro, wer aus dem Ausland anreiste erhielt einmal bis zu 720 Euro. So sollte Nebenklägern die Teilnahme an einer Sitzungswoche nach Wahl ermöglicht werden. Das Geld konnte beim Bundesamt für Justiz in Bonn angefordert werden. Grundlage war ein Einzelerlass des Bundesjustizministers.

Zuschüsse im Loveparade-Prozess beantragen

Im Loveparade-Prozess können die Nebenkläger Zuschüsse direkt beim Landgericht Duisburg beantragen – bis zu 1300 Euro bei einem Wohnsitz in Deutschland, sonst bis zu 1800 Euro. Auf die Frage nach der Rechtsgrundlage antwortete das NRW-Justizministerium, es handele sich um eine »einmalige Sonderleistung des Sozialministeriums NRW.« Ein Sprecher dieses Ministeriums erklärte den Zuschuss damit, dass die Wohnorte der Nebenkläger weit entfernt seien und das Loveparade-Unglück »eine der größten Katastrophen dieses Landes« gewesen sei.

Doch auch für die Berlinerin Sigrid Kamisch war der Foltertod ihrer Tochter Anika (33) eine Katastrophe. 2013 hatte die Tochter Wilfried Wagener geheiratet. Im »Horror-Haus« wurde sie von Angelika Wagener über Monate mit einem Strick gedrosselt, verbrüht und mit Strom gefoltert. Sie starb im August 2014 schwer verletzt und entkräftet in der Badewanne, in der sie angekettet schlafen musste. Ihre Leiche wurde zerstückelt und verbrannt.

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Ich war es Anika schuldig, am Prozess teilzunehmen und zu erfahren, was sie erleiden musste.

Sigrid Kamisch

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»Ich war es Anika schuldig, am Prozess teilzunehmen und zu erfahren, was sie erleiden musste«, sagt Sigrid Kamisch. Ihr Anwalt Roland Weber, zugleich Opferbeauftragter des Landes Berlin: »Frau Kamisch war mindestens 50 Mal in Paderborn. Jedes Mal musste sie für die Bahnfahrkarte, für Taxifahrten, das Hotel und ihre Mahlzeiten aufkommen. Manchmal ging es ihr so schlecht, dass sie nach dem Prozess eine weitere Nacht in Paderborn blieb.« So hätten sich die Kosten auf etwa 15.000 Euro summiert.

Roland Weber sagt, als Opferbeauftragter wisse er, dass es vielen Hinterbliebenen helfe, an Prozessen teilzunehmen. »Wenn aber ihre Reisespesen nicht übernommen werden, hängt die Teilnahme schlicht davon ab, ob sich ein Hinterbliebener das leisten kann.«

Fonds als Möglichkeit?

Bernd König, Landesvorsitzender NRW/Rheinland der Opferschutzorganisation »Weißer Ring« und pensionierter Leiter der Staatsanwaltschaft Bonn, sagte dem WESTFALEN-BLATT: »Mir war nicht bewusst, dass in den beiden geschilderten Fällen Nebenkläger anders behandelt wurden als üblich.«

Vielleicht sei es eine Möglichkeit, dass das Land einen Fonds einrichte, aus dem Nebenklägern generell in Härtefällen geholfen werde. »Ich werde das Thema auf jeden Fall im Auge behalten.«

Kommentare

Prozess Höxter-Bosseborn

An dieser Stelle möchte ich Christian Althoff, den ich viele Male in Paderborn sah und auch sprach, für seinen Artikel loben und auch danken.
Herzlichen Gruß an ihn.

Sigrid Kamisch

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