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Mi., 20.03.2019

Missbrauchsfall Lügde: In der Pflegekind-Akte gab es drei Hinweise auf Missbrauch – mit Video Blick in den Abgrund

Landrat Tjark Bartels bat am Dienstag die Missbrauchsopfer um Entschuldigung. »Wir haben unseren Auftrag, die Kinder zu beschützen, nicht erfüllt.«

Landrat Tjark Bartels bat am Dienstag die Missbrauchsopfer um Entschuldigung. »Wir haben unseren Auftrag, die Kinder zu beschützen, nicht erfüllt.« Foto: Althoff

Von Christian Althoff

Hameln (WB). Dass alles noch viel schlimmer ist, als er gedacht hatte, erfuhr Landrat Tjark Bartels (SPD) nach eigenen Worten vor zwei Wochen.

Da schickte ihm die Staatsanwaltschaft Detmold eine Kopie der Jugendamtsakte, die sie im Dezember beim Kreis Hameln-Pyrmont beschlagnahmt hatte. Von seinen Mitarbeitern, die den Akteninhalt gekannt hätten, sei er in den letzten Monaten nicht vollständig informiert worden, sagt Bartels am Dienstag (zum Video der Pressekonferenz). »Erst aus der Akte habe ich erfahren, dass wir drei Hinweise darauf hatten, dass Andreas V. seine Pflegetochter möglicherweise sexuell missbrauchte. Dass er ein Pädophiler sein könnte.«

Der Blick in die Akte – er ist für den Landrat ein Blick in einen Abgrund. Und der wird noch tiefer: Eine Jugendamtsmitarbeiterin, das erfuhr Bartels von der Staatsanwaltschaft, hat einen Absatz aus der elektronischen Akte gelöscht – einen Text, den Ermittler der »EK Eichwald« rekonstruieren konnten. »In der Akte stand, dass es bei dem Pflegevater ein wiederkehrendes Muster gebe. Er suche Kontakt zu jungen Mädchen und versuche, sie in seine Abhängigkeit zu bringen.«

Die Mitarbeiterin, die das 2017 in die Akte geschrieben habe, habe das im Dezember 2018 gelöscht. »Sie ist jetzt beurlaubt«, sagt der Landrat. Und die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt gegen sie.

Landrat spricht von »Abschlussbericht« im Missbrauchsfall

Sechs Wochen, nachdem die Öffentlichkeit zum ersten Mal von dem mutmaßlich tausendfachen Kindesmissbrauch auf dem Campingplatz »Eichwald« in Lügde erfahren hat, stellt Bartels das Ergebnis verwaltungsinterner Recherchen vor. Der Landrat spricht von einem »Abschlussbericht« im Missbrauchsfall Lügde. Er sei überzeugt, dass jetzt »alles offen auf dem Tisch« liege – zumindest alles, was sein Jugendamt betreffe. Bartels scheint es ernst mit der Aufklärung.  Wie kein anderer in der Affäre geht er an die Öffentlichkeit und legt Fehlverhalten offen – auch eigenes. »Ich habe vor Wochen gesagt, dass wir keine Hinweise auf Missbrauch hatten. Das weiß ich heute besser.«

Schon 2014 hat das Jugendamt Kontakt zu der alleinerziehenden Mutter des Mädchens. Sie vergisst Früherkennungsuntersuchungen, bringt ihre Tochter nur sehr unregelmäßig in den Kindergarten. 2016 bittet sie das Amt um Hilfe. Im Mai überträgt die Mutter das Sorgerecht mit einer schriftlichen Vereinbarung auf Andreas V. – einen arbeitslosen Dauercamper, den sie seit Jahren kennt und schätzt. Sie möchte, dass ihre Tochter bei ihm einzieht. Das Jugendamt sieht keinen Hebel, um das Kind in Obhut zu nehmen.

2016 bekam Polizei ersten Hinweis

Im August 2016 der erste Hinweis: Ein Familienvater berichtet dem Jugendamt und der Polizei, Andreas V. habe seine Töchter bei einem Fest unsittlich angefasst und erklärt, er möge kleine schwitzende Mädchen auf seiner Schulter. Vier Monate später geht ein Hinweis aus dem Jobcenter über die Polizei Blomberg beim Jugendamt ein: Die Mitarbeiterin verdächtigt Andreas V. des Kindesmissbrauchs. Er habe gesagt, für Süßigkeiten tue seine Pflegetochter alles. Und dann gibt es den dritten Hinweis, der im September 2016 in die Akte aufgenommen wird. Tjark Bartels: »Bei einer Untersuchung der Kindergartenkinder fand eine Psychologin bei dem Pflegekind Anzeichen für sexuellen Missbrauch.«

Diese drei Hinweise sind dem Jugendamt bekannt, als es im Frühjahr 2017 einen Pflegevertrag mit Andreas V. schließt und ihm fortan knapp 1000 Euro im Monate überweist. Zwei Mitarbeiter einer externen Familienhilfeeinrichtung sollen regelmäßig nach dem Pflegevater und dem Mädchen sehen, doch das klappt nur bedingt. Andreas V. kooperiert nicht, lehnt die Teilnahme an Erziehungsseminaren ab. Im April 2018 schmeißen die Familienhelfer hin, erst vier Monate später ist Ersatz da. Zwei Monate darauf wird Andreas V. angezeigt – der Missbrauchsfall findet nach mehr als zehn Jahren ein Ende.

»Das Jugendamt hat sich auf die Polizei verlassen und umgekehrt«

»Jedem Hinweis auf Kindesmissbrauch wurde nachgegangen«, sagt Tjark Bartels. »Aber der Verdacht hat sich nie bestätigt.« Wie auch? Der Landrat gibt zu, dass niemand tief in Ermittlungen eingestiegen sei. »Das Jugendamt hat sich auf die Polizei verlassen und umgekehrt.« Im Wesentlichen beschränkte sich das Überprüfen wohl darauf, die Familienhelfer zu fragen, ob sie sich einen Missbrauch durch den Pflegevater vorstellen könnten. Und das konnten sie nicht. Sagten sie jedenfalls.

»Vielleicht hat man im Jugendamt nicht gesehen, was man nicht sehen wollte«, sagt der Landrat. Der bisherige Amtsleiter sitzt, weil auch er die Akte manipuliert hat, inzwischen an anderer Stelle in der Kreisverwaltung. Ein Nachfolger wird noch gesucht.

Es sei definitiv falsch gewesen, resümiert Tjark Bartels, die drei Hinweise und die aus der Akte gelöschte Erkenntnis jeweils isoliert zu betrachten. »Man hätte das Gesamtbild betrachten müssen. Das Ungeheuer ist aufgetaucht, aber niemand hat zugegriffen.«

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