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Mo., 29.04.2019

Die Bielefelder Polizei vernimmt Kinder schon seit 1996 in einem speziellen Zimmer Hier werden die Lügde-Opfer befragt

Gewöhnlich befragt Hauptkommissarin Sonja Hubacher die Kinder. Für dieses Foto nahm sie im Nebenraum vor den Monitoren Platz.

Gewöhnlich befragt Hauptkommissarin Sonja Hubacher die Kinder. Für dieses Foto nahm sie im Nebenraum vor den Monitoren Platz. Foto: Christian Althoff

Von Christian Althoff

Bielefeld/Lügde (WB). Geduld sei sehr wichtig, sagt Sonja Hubacher. »Engelsgeduld.« Die Kriminalbeamtin aus Bielefeld befragt seit 20 Jahren Kinder, die Opfer von Sexualstraftaten geworden sind. Auch im Missbrauchsfall Lügde .

Kinderzimmer nennen sie den Raum, der im ersten Stock des Polizeipräsidiums liegt – ganz am Ende eines Flures, abgeschieden und ruhig. Das Puppenhaus, das hier steht, die Kuscheltiere und die Spiele in den Regalen – sie werden nicht bei der Befragung benutzt, sondern sollen den Mädchen und Jungen in den Vernehmungspausen die Zeit verkürzen.

Das Kinderzimmer im Polizeipräsidium. Foto: Christian Althoff

In der Mitte des Raumes steht ein runder Tisch mit zwei Mikrofonen, an der Wand hängen zwei Videokameras. Eine ist auf das Gesicht des Kindes gerichtet, die andere hat das gesamte Zimmer im Blick. Die Bilder werden in den Nebenraum übertragen, in dem ein zweiter Beamter die Befragung an Bildschirmen verfolgt.

Vernehmungszimmer wurde 1996 eingerichtet

Die Bielefelder Behörde war 1996 die erste in Nordrhein-Westfalen, die ein solches Vernehmungszimmer eingerichtet hat. »Die Mimik der Kinder, ihre vielleicht unklaren Antworten und Andeutungen, ihre Gesten – das alles kann man kaum in einem schriftlichen Protokoll festhalten. Ein Video vermittelt einen ganz anderen Eindruck«, sagt Sonja Hubacher.

Die Kriminalbeamtin findet die Videobefragung auch deshalb gut, weil so die Entstehungsgeschichte einer Aussage dokumentiert wird. »Klar wird auch aufgezeichnet, wenn ich beim Befragen einen Fehler machen sollte. Aber das gehört dazu.«

Die meisten mutmaßlichen Opfer werden nicht einfach mit ihren Eltern einbestellt, sondern es gibt Vorgespräche. Manche Kinder müssen erst in einer Facheinrichtung stabilisiert werden. Eine Therapie sollte ein missbrauchtes Kind vor der Befragung aber noch nicht begonnen haben.

Erst zwei Frauen unter Missbrauchsverdacht

Es kommt auch schon mal vor, dass Sonja Hubacher oder ihre Kollegen ein ängstliches Kind ein paar Tage vor der Vernehmung zu Hause besuchen, um sich bekannt zu machen. »Dann ist der Einstieg in die Befragung einfacher.«

Opfer von Sexualstraftaten sollen in Nordrhein-Westfalen nur von speziell ausgebildeten Kriminalbeamten befragt werden. Im Kommissariat 11 des Polizeipräsidium Bielefeld, das auch Sexualdelikte bearbeitet, haben vier Frauen und zwei Männer die entsprechende Expertise.

Mädchen werden von Frauen befragt, bei Jungen wird das mit den Eltern besprochen: »Wenn der Tatverdächtige ein Mann ist, kann es besser sein, wenn eine Frau die Befragung eines Jungen durchführt«, sagt die Kriminalbeamtin. Erst zweimal in 20 Jahren habe sie erlebt, dass eine Frau unter Missbrauchsverdacht gestanden habe.

Eltern warten auf dem Flur

Ab welchem Alter ein Kind überhaupt eine Zeugenaussage machen könne, lasse sich nicht pauschal sagen, erklärt Sonja Hubacher. »Manche Vierjährige sind richtig gute Zeugen, andere sind in dem Alter noch nicht so weit.«

Die Eltern, wenn sie denn nicht selbst verdächtigt werden, warten auf dem Flur, wenn sich ein Vernehmungsbeamter mit dem Kind ins Kinderzimmer zurückzieht. Die Befragung dort unterscheidet sich von der erwachsener Zeugen. »Wir müssen sehr offene Fragen stellen und das Kind dann frei erzählen lassen. So wie ihm die Dinge gerade in den Kopf kommen. Wir dürfen dem Kind bei seinen Antworten nicht auf die Sprünge helfen, sondern müssen mit sehr viel Geduld zuhören. Man darf keine Worte vorgeben und keine Suggestivfragen stellen. Manchmal schweigt ein Kind auch minutenlang, und das muss man dann auch aushalten können, ohne ungeduldig zu werden«, sagt die Hauptkommissarin.

Befragungen zwischen 30 Minuten und sechs Stunden

Erschwert wird die Befragung, weil manchen Kindern das Vokabular fehlt. Und Opfern manchmal gar nicht bewusst ist, dass jemand etwas Verbotenes mit ihnen gemacht hat. »Manche Kinder wachsen mit dem Missbrauch auf. Sie denken, es sei normal, dass der Vater zu ihnen ins Bett kommt – auch wenn sie dabei ein natürliches Unwohlsein spüren.«

Eine Vernehmung kann nach 30 Minuten zu Ende sein, Sonja Hubacher hat aber auch schon ein Mädchen zweimal sechs Stunden lang befragt. »Das richtet sich ausschließlich danach, wie es dem Kind geht.« Ein Mädchen habe nur geweint und gesagt, es erinnere sich nicht mehr. »Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte. Ich habe ihm meine Nummer gegeben und gesagt, es könne sich jederzeit melden. Ein Jahr später war es soweit.«

Eltern ahnen in den wenigsten Fällen von den Verbrechen

In den wenigsten Fällen ahnten die Eltern etwas von den Verbrechen, sagt die Hauptkommissarin. »Die Kinder werden vom Täter oft mit Versprechungen und Drohungen unter Kontrolle gehalten.« Wenn die Tat irgendwann doch bekannt werde, könnten auch Eltern zu Opfern werden. Müttern und Vätern, deren Kind Andeutungen in Richtung Missbrauch macht, rät die Polizistin, alles aufzuschreiben, aber nicht nachzufragen, sondern sich sofort an die Kripo zu wenden.

Auch wenn die Kripo die Aussagen von Kindern auf DVD hat, kann es sein, dass die Opfer im Prozess noch einmal aussagen müssen. »Allerdings kann so eine DVD auch dazu führen, dass ein Angeklagter die Tat gesteht und damit dem Kind die Aussage erspart«, sagt Sonja Hubacher.

Auch wenn sie seit 20 Jahren in alle nur denkbaren menschlichen Abgründe schaut, geht die Polizisten abends doch oft mit einem guten Gefühl nach Hause: »Die meisten Kinder sind stolz, dass sie die Vernehmung geschafft haben und erleichtert, dass ihnen geglaubt wurde. Und ich weiß, dass wir mit unserer Arbeit wieder einem Opfer geholfen haben.«

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