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Mi., 26.06.2019

Am Donnerstag beginnt der Prozess um den hundertfachen Kindesmissbrauch in Lügde Das Leben der Angeklagten

Campingwagen in Lügde.

Campingwagen in Lügde. Foto: dpa

Von Christian Althoff

Detmold (WB). Um 9 Uhr soll am Donnerstag in Saal 165 des Detmolder Landgerichts der Missbrauchsprozess im Fall Lügde beginnen. Das WESTFALEN-BLATT hat zusammengetragen, was bisher über das Leben der Angeklagten zu erfahren war.

Andreas V. – der Hauptangeklagte

Andreas V., einer der beiden Hauptbeschuldigten, bei einem Tauchausflug, zu dem er auch Kinder mitnahm: Ihm werden von der Staatsanwaltschaft 298 Verbrechen an 23 Kindern vorgeworfen.

Andreas V. (56) ist einer der beiden Hauptangeklagten im Lügde-Prozess. Er wird im November 1962 in Duisburg geboren und hat zwei Schwestern. V. wächst in Duisburg auf und beginnt nach der Hauptschule eine Schreinerlehre, die er aber nach einem halben Jahr abbricht. Er jobbt als Auslieferungsfahrer und wechselt nach einigen Jahren in die Stahlindustrie, wo er am Hochofen arbeitet.

Später gibt V. gegenüber der Kripo an, er habe diese Arbeit nach einem Unfall aufgeben müssen und sei arbeitslos geworden. Ende der 80er oder Anfang der 90er Jahre ziehen die Eltern mit ihm von Duisburg auf den Campingplatz »Eichwald« in Lügde, wo die Familie schon seit Jahren einen Wohnwagen besitzt. Anlass für den Umzug ist angeblich, dass der Vater wegen einer Krankheit nicht mehr arbeiten kann und nur eine kleine Rente bekommt. Auch die Mutter ist Rentnerin. Andreas V. trägt zum Familieneinkommen bei, indem er auf dem Campingplatz Gartenarbeiten übernimmt.

Kein Interesse an Freundschaften zu Erwachsenen

Eine angeblich misslungene Fußoperation schränkt Andreas V. Anfang der 2000er Jahre offenbar so in der Bewegung ein, dass er auf mehr als 200 Kilogramm zulegt. Das soll der Grund für Herzprobleme sein. Er lässt sich deshalb einen Teil des Magens entfernen und schafft es, wieder auf gut 100 Kilogramm zu kommen. Andreas V. geht aber nie wieder einer geregelten Arbeit nach.

Seine Eltern sind vor langer Zeit gestorben, seit etwa zwei Jahrzehnten lebt Andreas V. von staatlichen Leistungen. Über eigene Kinder ist nichts bekannt, verheiratet war V. nie. Bekannte erzählen, er sei an echten Freundschaften zu Erwachsenen nicht interessiert. Stattdessen habe er sich mit Kindern umgeben.

1000 Euro Pflegegeld pro Monat

Im Frühjahr 2017 schließt das Jugendamt Hameln-Pyrmont mit dem Dauercamper einen Pflegevertrag für ein damals sechs Jahre altes Mädchen, das bereits seit 2016 auf Wunsch der erziehungsunfähigen Mutter bei ihm lebt. Die Mutter kennt Andreas V. seit langem. Sie hat selbst schon bei ihm auf dem Campingplatz gewohnt.

Etwa 1000 Euro bekommt An­dreas V. nach Behördenangaben monatlich für die Pflege. Schon vor Abschluss des Pflegevertrages liegen dem Amt drei Hinweise auf Andreas V. vor, die auf eine Pädophilie hinweisen. Sie werden missachtet, eine entsprechende Aktennotiz wird später gelöscht.

Am 30. Oktober 2018 zeigt eine Mutter Andreas V. an. Am 13. November wird das Pflegemädchen in Obhut genommen, am 6. Dezember kommt Andreas V. in Untersuchungshaft. Er schweigt zu den Vorwürfen und lehnt es ab, sich psychiatrisch begutachten zu lassen. Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass es sich bei ihm um eine narzisstische und dissoziale Persönlichkeit handelt.

Deshalb – und wegen seines Alters – hält sie eine Therapie für wenig erfolgversprechend und strebt für die Zeit nach einer Haft die Sicherungsverwahrung an. Andreas V. wird von Rechtsanwalt Johannes Salmen aus Lage verteidigt.

Mario S. – der zweite Hauptbeschuldigte

Mario S. soll seit etwa 20 Jahren Mädchen und Jungen missbraucht haben. 162 Verbrechen an 17 Opfern sind angeklagt.

Mario S. (34) aus Steinheim ist der zweite Hauptbeschuldigte im Lügde-Verfahren. Er wird im Februar 1985 geboren und hat eine Schwester. Nach den ersten beiden Grundschuljahren wechselt er wegen einer Lese-Rechtschreib-Schwäche auf eine Förderschule und schafft nach zehn Jahren den Abschluss. 2006 beendet er eine Lehre als Maler und holt seinen Hauptschulabschluss nach.

Beim Karneval und Schützenfest geholfen

Mario V. findet keine Stelle in diesem Handwerk und arbeitet täglich zwei Stunden als Reinigungskraft in einem Einkaufszentrum. Dafür bekommt er 400 Euro im Monat. Bekannte beschreiben den Steinheimer als handwerklich geschickt und hilfsbereit. Beim Karneval und beim Schützenfest habe er oft beim Aufbau geholfen.

Mario S. ist unverheiratet. Er wohnt mit seinen Eltern in einer Wohnung in Steinheim. An den Wochenenden fährt er häufig mit seinem Mofa zum 18 Kilometer entfernten Campingplatz nach Lügde, wo er seit 2010 zusammen mit einem anderen Camper eine Parzelle gepachtet hat.

Später zieht Mario S. auf eine eigene Parzelle. Auf dem Campingplatz lernt er Andreas V. kennen. 2004 und 2013 gibt es Hinweise darauf, dass Mario S. Kinder missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft Paderborn ermittelt, findet aber nichts und stellt in beiden Fällen die Verfahren ein.

Große Wiederholungsgefahr

Am 11. Januar 2019 wird Mario S. in Untersuchungshaft genommen. Er lässt sich psychiatrisch und psychologisch untersuchen. Das vorläufige Gutachten ist fast 100 Seiten stark und kommt zu dem Ergebnis, dass es weder Anzeichen für eine verminderte Schuldfähigkeit noch für eine psychische Krankheit gibt.

Allerdings soll eine pädophile Störung vorliegen, und die Gutachterin sieht nach derzeitigem Kenntnisstand eine große Wiederholungsgefahr. Deshalb strebt die Staatsanwaltschaft an, auch Mario S. nach einer Haft in Sicherungsverwahrung zu nehmen. Mario S. wird von Rechtsanwalt Jürgen Bogner aus Blomberg verteidigt.

Heiko V. – der Zugucker

Heiko V. soll als einziger Angeklagter keines der Kinder selbst angefasst haben. Sein Anwalt hofft deshalb auf ein baldiges Urteil.

Heiko V. (43) aus Stade ist nicht mit Andreas V. verwandt. Er wird im April 1970 geboren und besucht eine Hauptschule, die er ohne Abschluss verlässt. Heiko V. macht in einem niedersächsischen Krankenhaus eine Ausbildung zum Koch.

Er arbeitet einige Monate in diesem Beruf und wechselt zur Bundeswehr, wo er eine Ausbildung zum Krankenpflegehelfer absolviert. Im Jahr 2000 heiratet er eine Jugendfreundin, die Ehe hält sieben Jahre.

Bis zum Jahr 2000 arbeitet Heiko V. bei einem Cateringunternehmen, das Altenheime beliefert. 2006 tritt er in die Freiwillige Feuerwehr ein. 2013 findet er eine Stelle als Koch in einem Pflegeheim in Stade.

40.000 Kinderpornos besessen

Heiko V. ist der einzige Angeklagte, der keine Kinder angefasst haben soll. Er soll An­dreas V. über das Internet kennengelernt und per Video-Chat vor drei Mädchen onaniert haben, was als Missbrauch gilt. Außerdem soll er mehr als 40.000 Kinderpornos besessen haben.

Als die Vorwürfe bekanntwerden, tritt er aus der Feuerwehr aus. V. sitzt seit dem 11. Januar in U-Haft. Er ist nicht vorbestraft und der einzige der Angeklagten, der umfassend ausgesagt hat. Einem Gutachten zufolge soll V. nicht pädophil sein. Er wird von Rechtsanwalt Jann Popkes aus Schlangen verteidigt.

 

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