Das Sommerinterview: AfD-Bundestagsabgeordneter Udo Hemmelgarn
»Die Gegenbewegung zu 68«

Harsewinkel (WB). Die AfD steht bei den drei Landtagswahlen im Osten vor einem Siegeszug. Aber: Keine andere Partei will mit ihr regieren, die AfD ist isoliert. Auch darüber hat Andreas Schnadwinkel mit dem AfD-Bundestagsabgeordneten Udo Hemmelgarn (60) aus Harsewinkel im Kreis Gütersloh gesprochen.

Montag, 12.08.2019, 05:00 Uhr aktualisiert: 12.08.2019, 08:02 Uhr
Heimspiel in Cottbus: Bei einer Veranstaltung der Jungen Alternative sind auch viele ältere Besucher zu sehen. Foto: dpa
Heimspiel in Cottbus: Bei einer Veranstaltung der Jungen Alternative sind auch viele ältere Besucher zu sehen. Foto: dpa

Gehören Sie innerhalb der AfD dem völkisch-nationalen »Flügel« um Björn Höcke an?

Udo Hemmelgarn : Nein, ich gehöre keiner Gruppe an. Ich bin freier Radikaler. Ich finde es nicht gut, dass wir überhaupt über Gruppen wie »Flügel« und »Alternative Mitte« sprechen müssen. Der »Flügel« wurde einst gegründet als Gegengewicht zum sogenannten »Weckruf« des damaligen AfD-Vorsitzenden Bernd Lucke. Nach Luckes Sturz hätte man den »Flügel« wieder auflösen sollen, denn Separatismus innerhalb einer Partei schadet dem großen Ganzen. Gleichgesinnte innerhalb einer Partei finden, auch ohne sich zu bezeichnen, zueinander.

Warum wird die AfD die Ex­tremen im »Flügel« nicht los? Will die AfD das gar nicht?

Hemmelgarn : Es gibt vereinzelt Personen, die man stoppen muss, das ist ganz klar.

Hemmelgarn : In der Tat ist das ein Problem nach dem Parteiengesetz, was aber auch andere Parteien haben. Es ist Aufgabe der AfD-Landesverbände und des Bundesvorstandes, das zu regeln.

»Wir haben in NRW gesehen, was passiert, wenn die falschen Leute am Ruder sind«

Warum wird der »Flügel« in den westdeutschen AfD-Landesverbänden stärker?

Hemmelgarn : Ich denke, das wird überschätzt. Wir haben in NRW gesehen, was passiert, wenn die falschen Leute am Ruder sind. Die Phase von Marcus Pretzell mit seiner Geringschätzung des »Flügels« war nicht die beste, er hat einen völlig zerstrittenen Landesverband hinterlassen. Darunter leiden wir noch heute.

Aber beim AfD-Landesparteitag NRW in Warburg war die Spaltung der Partei doch mit Händen zu greifen, und die »Flügel«-Vertreter haben sich durchgesetzt. Übernimmt der »Flügel« in NRW die Macht?

Hemmelgarn : Das sehe ich nicht so. In Warburg war der »Flügel« nicht der Gewinner. In Warburg waren wir alle Verlierer, weil die Außendarstellung der AfD-NRW blamabel war und die geplanten Abwahlen, für mich von vornherein eine Utopie, eben nicht durch demokratische Wahlen erreicht wurden. Ich hatte im Vorfeld dafür gekämpft, diesen Parteitag nicht zu veranstalten, weil es bis zum ordentlichen Parteitag nur fünf Monate inklusive zwei Monaten Sommerpause gewesen wären. Es hätte, unabhängig vom Warburger Parteitag, in jedem Fall einen weiteren Landesparteitag in diesem Jahr gegeben. Drei Monate hätten die beiden AfD-Landessprecher und ihr Team also noch zusammenarbeiten können.

Glauben Sie ernsthaft, mit Ultra-Rechtsaußen wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz weiterhin ehemalige CDU-Wähler für die AfD gewinnen zu können?

Hemmelgarn : Ja, das glaube ich schon. Es ist bekannt, dass wir in der AfD unterschiedliche Strömungen haben. Aber das schadet uns nicht. Höcke und Kalbitz erzielen in ihren Bundesländern Ergebnisse über 20 Prozent. Und bundesweit liegen wir in den Umfragen bei 15 Prozent.

»Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wird in den nächsten Jahren nicht positiv sein«

Vor den drei Landtagswahlen im Osten liegt die AfD in den Umfragen vorn, aber keine Partei will mit der AfD Koalitionen bilden. Wird die AfD jemals Teil einer Regierung sein?

Hemmelgarn : Davon gehe ich aus. Sachsens CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer soll mal mit den Linken eine Koalition bilden, darauf freuen wir uns schon. Die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland wird in den nächsten Jahren nicht positiv sein. Die Leute werden im eigenen Geldbeutel merken, dass die jetzt Regierenden elementare Fehler gemacht haben und diese Fehler einen Preis haben – beim Euro, der EU, in der Bildungs- und Familienpolitik, bei der Zuwanderung, im Bereich Wirtschaft und Finanzen und vor allem in der Klimapolitik. Wenn es zu größeren Verwerfungen kommen sollte, hätte die AfD auch im Westen Ergebnisse über 20 Prozent. Und dann muss sich die CDU fragen, mit wem sie regieren will. Unsere Positionen von heute sind die Positionen der CDU vor 20 Jahren.

Sie selbst sind im Juni nach der Kollision zweier Eurofighter in die Schlagzeilen geraten, weil Sie bei Twitter einen hämischen Kommentar über die Ausrüstung der Bundeswehr abgesondert haben. Was haben Sie daraus gelernt?

Hemmelgarn : Ich habe den Tweet zu einem Zeitpunkt abgesetzt, als es erste Meldungen gab, die Piloten seien unverletzt, was sich später als falsch herausstellte. Gelernt habe ich daraus, nur dann zu twittern, wenn absolut verlässliche Nachrichten vorliegen. Nicht gepasst hat mir, dass ich öffentlich von AfD-Mitgliedern und einem AfD-Bundestagsabgeordneten kritisiert wurde. Das macht man intern.

Wie wollen Sie verhindern, durch Kontakte zur »Identitären Bewegung« stärker in den Fokus des Verfassungsschutzes zu geraten?

Hemmelgarn : So lange die »Identitären« vom Verfassungsschutz beobachtet werden, sehe ich keine Möglichkeit einer Zusammenarbeit. Das ist völlig ausgeschlossen und vom Bundesvorstand so beschlossen. Daran halten wir uns. Sobald wir auch nur ansatzweise etwas von möglichen Kontakten hören, greifen wir sofort ein.

»Unseren Aufstieg haben alle Parteien zu verantworten«

CSU-Generalsekretär Markus Blume sagt, dass »die Grünen Schuld am Aufstieg der AfD« seien. Ist das so?

Hemmelgarn : Nein, unseren Aufstieg haben alle Parteien zu verantworten. Die Ursachen liegen in der Entwicklung der vergangenen 50 Jahre.

50 Jahre?

Hemmelgarn : Natürlich. Wir sind die Gegenbewegung zu den 68ern. Wir wollen die Dinge, die seitdem falsch laufen, wieder in die richtigen Bahnen lenken.

Verlaufen bei den konfliktreichsten Themen die Fronten zwischen Grünen und AfD?

Hemmelgarn : Die Konflikt­linien verlaufen zwischen uns und der SPD genau so, da ist kein großer Unterschied. Wir kritisieren diese völlig aus dem Ruder gelaufene Klimadebatte, die den Leuten Angst und sie ganz verrückt macht. Wenn die schwedische Aktivistin Greta Thunberg sagt, dass die Menschen »Panik bekommen« sollen, dann macht mich das betroffen.

Nehmen Sie den Klimawandel ernst?

Hemmelgarn : Klimawandel gibt es seit Bestehen der Erde. Das, was als »menschengemachter Klimawandel« bezeichnet wird, gibt es so nicht. Und wenn der Mensch daran einen Anteil haben soll, ist dieser verschwindend gering. 1959 führte die Ems in Harsewinkel, meiner Heimatstadt, im August so wenig Wasser, dass man die Fische mit der Hand herausholen konnte. Und das heißeste Jahr mit der größten Dürre war 1540, da gab es keine Industrie mit Maschinen und Autos, und da wurden auch keine fossilen Stoffe verbrannt. Jetzt hatten wir 2003, 2018 und teilweise auch in diesem Jahr höhere Temperaturen. Aber es stimmt einfach nicht, dass sich das Klima in einem rasanten Tempo verändert haben soll. Es geht aus unserer Sicht einzig und allein darum, den Bürgerinnen und Bürgern mit einer neuen CO 2 -Steuer in die Taschen zu greifen.

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