Auf dem Weg nach Rio: Arne Gabius, Deutschlands schnellster Marathonläufer, gibt seine Premiere beim Osterlauf
»Ich laufe in Paderborn auf Sieg«

Paderborn (WB). Für Deutschlands schnellsten Marathonläufer Arne Gabius beginnt am Karsamstag beim Paderborner Osterlauf mit dem Rennen über zehn Kilometer die Olympiasaison. Im Gespräch mit unserem Redakteur Hans Peter Tipp spricht der 35-Jährige über seine Erwartungen für 2016 und hat für den schnellsten Ostwestfalen einen guten Tipp parat.

Donnerstag, 24.03.2016, 18:05 Uhr aktualisiert: 25.03.2016, 13:18 Uhr
Im Vorjahr lief Arne Gabius bei seinem erst zweiten Marathon in 2:08:33 Stunden deutschen Rekord. Foto: dpa
Im Vorjahr lief Arne Gabius bei seinem erst zweiten Marathon in 2:08:33 Stunden deutschen Rekord. Foto: dpa

Herr Gabius, in Frankfurt sind Sie 2015 mit Ansage deutschen Marathonrekord gelaufen. In welcher Zeit werden Sie in Paderborn im Ziel sein?

Arne Gabius: Das weiß ich selber nicht. Das ist ja das Tolle. Ich habe zuletzt drei Wochen in Kenia sehr gut trainiert, bis zu 240 Kilometer pro Woche. Ich kann also sagen, dass mein Trainingszustand dem von Frankfurt entspricht. Aber eine Prognose kann ich nicht abgeben. Es wird Richtung 28:00 Minuten, vielleicht auch drunter. Aber einen deutschen Rekord kann und will ich nicht ankündigen.

Wir dachten, Sie wären verpflichtet worden, um die Uralt-Bestmarke von 1993 endlich zu knacken. Hat man Sie informiert, wie schnell Carsten Eich damals war?

Gabius: Da braucht man mich nicht zu informieren, die weiß ich. Ich bin ja vom Fach. 27:47 Minuten. Das ist immer noch der Streckenrekord, aber den kann man auf der Strecke von 1993 gar nicht mehr brechen, weil die Strecke inzwischen eine andere ist.

Laufen Sie Ostern auf Sieg?

Gabius: Die Startliste habe mir schon angeschaut, und es ist natürlich möglich. Weil es für mich der Startschuss in die Olympiasaison ist, möchte ich aber vor allem ein Rennen laufen. Man darf bei zehn Kilometern nicht nur auf eine Zeit schauen. Natürlich habe ich eine Vorstellung davon, wie ich anlaufen möchte. Dafür muss aber nicht nur das Wetter stimmen, dafür müssen auch die Tempomacher, das Feld und die Form passen. Aber als Erstes gehe ich an die Startlinie, um zu gewinnen.

Welchen Stellenwert hat ein schneller Zehner so früh im Jahr?

Gabius: Das ist eine wichtige Standortbestimmung, gerade auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele.

Wie sieht Ihre Saisonplanung aus?

Gabius: Im Januar war ich für drei Wochen in Kenia. Danach hatte ich einige Probleme mit der Achillessehne, die noch vom letzten Jahr in Frankfurt herrührten. Die habe ich aber in den Griff bekommen. Jetzt im Februar/März, beim zweiten Mal in Kenia, konnte ich uneingeschränkt trainieren. Jetzt stehen drei Wettkämpfe an: Paderborn, acht Tage später der Halbmarathon in Berlin und dann noch einmal drei Wochen später folgt der London Marathon. Danach kann ich die weitere Saison planen. Sechs Wochen vor Olympia steht der Halbmarathon im Rahmen der Leichtathletik-Europameisterschaften in Amsterdam auf dem Programm. Aber insgesamt ist seit 2014 alles auf Olympia ausgerichtet.

Was bedeuten Ihnen Olympische Spiele?

Gabius: Als Sportler muss man einmal dabei gewesen sein. Das gehört dazu. Dieses Erlebnis hatte ich 2012 in London über 5000 Meter. Jetzt will ich in Rio meine bestmögliche Leistung erzielen. Es ist alles gut geplant. Ich habe bereits die Flugtickets gebucht. Betreuung und Unterkunft sind auch schon geregelt. Da der Marathon erst am letzten Tag stattfindet, ist es leider nicht möglich, im Olympischen Dorf zu übernachten. Denn da findet man in den letzten Nächten keinen Schlaf mehr. Was ja auch verständlich ist: Die einen wollen ihre Medaillen feiern und die anderen einfach ein bisschen Spaß haben. Deshalb muss ich mich da etwas ausklinken, um mich auf meinen eigenen Wettkampf zu konzentrieren.

Kann dabei überhaupt Olympiaflair aufkommen?

Gabius: Wenn man Olympiaflair haben will, sollte man als Betreuer dorthin fahren. Als Sportler hat man eine Aufgabe, und die möchte ich erfüllen. Ich werde nach dem Marathon noch eine Woche in Rio bleiben. Post-Olympics sozusagen, um noch ein wenig Rio-Flair mitzunehmen. Das hat man sich dann auch verdient.

Sie sind erst mit 34 Jahren endgültig von der Bahn auf die Straße umgestiegen? Bedauern Sie, dass Sie diesen Schritt nicht eher gewagt haben?

Gabius: Nein, überhaupt nicht. Ich habe 2011 mein Medizin-Staatsexamen gemacht. Seitdem habe ich mich selbst trainiert und tolle Erfolge auf der Bahn gefeiert. 2012 war ich Vize-Europameister über 5000 Meter, habe mich für die Olympischen Spiele qualifiziert und bin tolle Bestzeiten gelaufen. 2013 war ein etwas schwierigeres Jahr mit meiner ersten richtigen Verletzung. Im Herbst 2013 habe ich den Entschluss gefasst, mal den Halbmarathon vorzubereiten. Das war 2014 New York, und ein paar Monate später stand ich dann beim Marathon in Frankfurt am Start. Das ging eigentlich alles sehr schnell.

Was macht den Reiz des Laufens auf der Straße aus?

Gabius: Ich spüre auf der Straße nicht so den Druck wie auf der Bahn. Dort ist alles genormt, man hat die 400-Meter-Zeiten immer im Kopf. Auf der Straße ist alles etwas freier, abwechslungsreicher: Es sind ganz andere Rennen. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Aber was mich in erster Linie zum Wechsel bewogen hat, ist Wertschätzung, die einem entgegenschlägt. Selbst für Läufer blieben Zeiten wie 13:12 Minuten über 5000 oder 27:43 und über 10 000 Meter immer nur eine ab­strakte Zahl. Ich bin immer nach meinen Zeiten im Halbmarathon oder im Marathon gefragt worden. Aber die hatte ich nicht. Dann bin ich in Frankfurt den Marathon unter 2:10 Stunden gelaufen: Und damit können die Leute jetzt etwas anfangen.

Stimmt es Sie nachdenklich, wie sehr die Wertschätzung von Leistungen auf der Bahn und denen auf der Straße variiert?

Gabius: Ich bin der Überzeugung, dass richtig gute Marathonläufer eine Bahnkarriere brauchen. Sie brauchen die Grundschnelligkeit und eine leichtathletische Grundausbildung. Wenn die nicht vorhanden ist, dann kommen auch nicht die Top-Marathonzeiten. Der Letzte, der versucht hat, von der Bahn auch im Marathon seine Leistung zu bringen, war Carsten Eich, der Streckenrekordhalter von Paderborn. Das ist lange her, mehr als 15 Jahre. Aber man hat da schon gesehen, wo die Reise im Marathon hingeht, wenn jemand mit guten Zeiten von der Bahn kommt. Wir brauchen wieder das Bewusstsein bei den Trainern, dass nicht nur hohes Volumen zählt, die sogenannte ›Kilometerfresserei‹, sondern auch das dazugehörige Speedtraining für die Geschwindigkeit.

 Wir haben in Ostwestfalen mit Amanal Petros, dem DM-Dritten über 10 000 Meter, ein riesiges Lauftalent. Was raten Sie ihm bezüglich seiner Laufbahn?

Gabius: Genau das, was ich eben gesagt habe. Als ich gehört habe, dass für ihn und seinen Trainer im Herbst die Verlockung da war, sich bei der Halbmarathon-EM zu qualifizieren, habe ich mir gedacht: Versuch’ doch lieber 5000 oder 10.000 Meter. Und: Vielleicht spendiert Dir jemand eine Reise nach Stanford. Das ist der einzige 10.000 Meter-Lauf in der Welt, bei dem man schnelle Zeiten laufen kann auf seinem Niveau. Jetzt habe ich gelesen, dass sie sich auf 5000 und 10.000 Meter konzentrieren und den Halbmarathon erstmal sein lassen wollen. Das ist eine tolle Entscheidung, denn Amanal hat Schnelligkeit. Und die sollte er in den nächsten zwei, drei Jahren erst einmal ausspielen.

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