Halles Davis-Cup-Spieler Tim Pütz im Interview
Tennis-Profi aus Zufall

Halle (WB). Eigentlich wollte Tim Pütz in Frankfurt studieren. Weil er nicht angenommen wurde, kam Plan B ins Spiel: Tennis-Profi. Mittlerweile ist der Haller Bundesliga-Spieler froh über die Ablehnung der Uni.

Mittwoch, 20.06.2018, 12:47 Uhr aktualisiert: 20.06.2018, 13:32 Uhr
Tim Pütz hat sich in den vergangenen Monaten ins Rampenlicht gespielt. Foto: Sören Voss
Tim Pütz hat sich in den vergangenen Monaten ins Rampenlicht gespielt. Foto: Sören Voss

Als erfolgreicher Davis-Cup-Spieler an der Seite von Jan-Lennard Struff hat sich der 30-Jährige in den Blickpunkt gespielt. Jüngst in Stuttgart hat er sein erstes ATP-Doppelturnier gewonnen. Im Interview erzählt Tim Pütz auch über prägende Jahre als College-Spieler in Amerika und ein spezielles Training mit Roger Federer.

 

Ihr Doppelpartner Jan-Lennard Struff ist leidenschaftlicher Dortmund-Fan. Sie drücken Eintracht Frankfurt die Daumen. Ist das ein Problem?

Tim Pütz: Struffi ist so ein lieber Kerl. Mit dem kann man überhaupt keinen Streit bekommen. Außerdem ist Dortmund viel zu gut und Frankfurt kein wirklicher BVB-Konkurrent. Und wenn die Eintracht wirklich mal gegen Dortmund gewinnt, dann schicke ich Struffi eine nette WhatsApp.

 

Nach dem Davis-Cup-Sieg in Australien haben die Medien sie »Tim & Struffi« getauft...

Pütz: Wenn die Leute uns so nennen wollen, dann ist das ok. Ich finde »Tim & Struffi« weder blöd noch besonders originell.

Harmonieren »Tim & Struffi« auch abseits des Tennis-Platzes?

Pütz: Ich habe Struffi schon gekannt, bevor ich für Halle Bundesliga gespielt habe. Er ist ein total netter Kerl. Wir verstehen uns super. Er ist einer der wenigen Tennis-Profis, mit denen ich nach meiner aktiven Karriere Kontakt haben werde. Ich war 2015 ein Jahr verletzt. Und da merkt man dann, wie schnell man vergessen wird. Struffi war einer der wenigen, der sich immer wieder bei mir gemeldet hat – und den ich anrufen konnte, wenn mir langweilig war.

Drei Titel in vier Jahren mit dem Haller Bundesliga-Team

Drei Titel in vier Jahren mit dem Haller Bundesliga-Team Foto: Sören Vosss

 

Das klingt in Bezug auf ihre Profi-Kollegen sehr kritisch...

Pütz: Nein, nein, das ist überhaupt nicht als Kritik gemeint. Arbeitskollegen in einem Großraum-Büro sind ja auch nicht alle befreundet. Zudem komme ich aus einem ganz anderen Umfeld als die meisten meiner Tennis-Kollegen, die schon länger auf der Tour dabei sind und die ich nach meiner College-Zeit erst später kennengelernt habe.

 

Müssen Doppelspieler befreundet sein, um große Erfolge zu feiern?

Pütz: Wenn zwei gute Tennis-Spieler gewinnen wollen und persönliche Interessen hinten anstellen, dann werden sie auch ein gutes Doppel spielen. Ich finde, es hilft aber, wenn man Spaß auf dem Platz hat und abends zusammen Essen geht oder sich einen Film anschaut.

 

Sie haben lange bei kleineren Turnieren unter dem medialen Radar gespielt. Plötzlich gewinnen sie wichtige Davis-Cup-Spiele und stehen im Fokus...

Pütz: Nach dem Davis-Cup-Sieg in Australien musste ich mich tatsächlich einmal kurz kneifen. Die mediale Aufmerksamkeit war aber nicht ganz neu für mich. Als ich mich 2014 für das Wimbledon-Hauptfeld qualifiziert und auch noch die erste Runde überstanden habe, da wollten auch vieles Leute alles mögliche von mir wissen und ich war bei Sky im Fernsehen. Meine Verletzung hat mir danach geholfen, diesen Erfolg einzuordnen und zu erkennen, wie schnell Erfolg vergänglich ist. Ich dränge mich nicht für Interviews auf, gebe aber gerne Antworten. Das gehört zu meinem Job dazu.

 

Ich spiele selber auf Hobby-Ebene Tennis und habe bei Breakball im dritten Satz ganz schön Herzklopfen. Bei ihren Spielen geht es darum, ob Deutschland im Davis Cup weiterkommt. Da müssen sie bei den Big Points doch einen riesigen Druck spüren?

Pütz: Ich denke, die Situationen unterscheiden sich gar nicht so sehr. Ich bin in der Stierkampfarena bei den Big Points vermutlich genauso nervös wie sie bei ihrem Mannschafsspiel. Ich versuche, die Bedeutung auch gar nicht auszublenden. Das würde nur Energie kosten. Nein, diesen Punkt zu gewinnen, das ist sehr, sehr wichtig. Es ist ein Länderspiel, bei dem vier, fünf Spieler ausgewählt worden sind, für Deutschland erfolgreich zu sein. Dieses Bewusstsein hilft mir, noch konzentrierter zu sein. Und bis jetzt haben Struffi und ich es ja auch ganz gut hinbekommen.

Mit Jan-Lennard Struff im Davis Cup erfolgreich

Mit Jan-Lennard Struff im Davis Cup erfolgreich Foto: dpa

 

Aber selbst Rafael Nadal, die Nummer eins der Welt, ist bei ihrem Doppel am Spielfeldrand fast verrückt geworden. Es gibt Bilder, da kann er einfach nicht mehr hinschauen...

Pütz: Unabhängig davon, dass es Nadal war, der nicht hinschauen konnte – bei Teamkollegen zuzuschauen, das ist immer viel schlimmer, als selber zu spielen.

 

Im Einzel werden sie auf Platz 301 geführt. Gibt es Überlegungen, sich voll auf das Doppel zu konzentrieren?

Pütz: Solche Überlegungen gibt es. Aber ich muss mich in diesem Jahr zum Glück nicht entscheiden und kann sowohl Einzel als auch Doppel spielen. Meine Ranglisten-Position im Doppel reicht im Moment nicht aus, um mit Struffi bei den großen Turnieren im Hauptfeld zu stehen. Und da spielt Struffi wie bei den Grand-Slams mit Ben McLachlan. Anfang 2015 stand ich im Einzel schon mal auf Platz 163. ich will beweisen, dass ich wesentlich besser bin, als es meine aktuelle Position aussagt.

 

Stimmt es, dass sie nach ihrer College-Zeit in Amerika nur zufällig Tennis-Profi geworden sind?

Pütz: Stimmt, ich wollte nach meiner College-Zeit mein Masters-Studium in Frankfurt beenden, habe aber keinen Platz bekommen. Verstanden habe ich das nicht, wollte aber auch nicht nachfragen und betteln. Vielleicht werde ich aber irgendwann doch mal da anrufen und mich bedanken, dass sie mich nicht angenommen haben. Nur deshalb kam Plan B ins Spiel, es auf der Profitour zu versuchen. Und den Masters-Abschluss kann ich noch nachholen.

 

Helfen ihnen auf der Profi-Tour ihre College-Erfahrungen?

Pütz: Ich sehe College-Tennis als guten Schritt. Man muss in einem fremden Land allein zurechtkommen, alles selber organisieren. Man trainiert professionell und hat am Ende im Idealfall ein abgeschlossenes Studium. Vor allem aber härtet man beim College-Tennis ab. Mich stört es nicht, wenn beim Davis Cup 12000 Zuschauer in der Stierkampf-Arena von Valencia für das spanische Doppel brüllen. Das ist nichts gegen ein College-Spiel, in dem dich zwei Stunden lang jemand vom Gegner volltextet, wie hässlich und schlecht du bist.

Zur Person

Tim Pütz ist am 19. November 1987 in Frankfurt geboren. Außer Tennis probierte er in seinem Heimatverein in Usingen als Kind viele andere Sportarten von Handball bis Karate aus. Der Rechtshänder gehörte keinem Förderkader an, besuchte ein College im US-Bundesstaat Alabama, wo er von 2008 bis 2012 Volkswirtschaft studierte und für die Auburn Tigers Tennis spielte. Erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland begann seine Profi-Karriere. Pütz schaffte es bis auf Platz 163 der Einzel-Weltrangliste, ehe ihn eine Verletzung zurückwarf. Im Doppel mit Jan-Lennard Struff sorgte er zunächst in der Bundesliga für Halle und dann mit drei Siegen im Davis-Cup für Furore.

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Sie spielen für Halle Tennis-Bundesliga, sind mit diesem Team drei Mal Deutscher Meister geworden. Sind die Gerry Weber Open für sie ein besonderes Turnier?

Pütz: Es gibt kein anderes Turnier auf der Welt, bei dem ich mich so zuhause fühle. Zudem habe ich 2014 zum ersten Mal überhaupt bei den Gerry Weber Open auf Rasen gespielt und direkt danach in Wimbledon als Qualifikant die zweite Runde erreicht.

 

Und mit Roger Federer hatten sie 2014 in Halle auch eine Verabredung...

Pütz: Ich hatte bei ei­nem Turnier in Italien verloren, mich spontan für die Qualifikation in Halle entschieden und Samstagvormittag mein Match verloren. Roger Federer ist mittags angekommen und wollte nachmittags trainieren. Und da war kein anderer da. Die Enttäuschung über mein verlorenes Qualispiel war schnell weg. Ich war happy und bin positiv gestimmt nach Wimbledon gefahren. Danach habe ich immer mal wieder mit Roger trainiert.

 

Sie haben mit Jan-Lennard Struff die meisten Spiele und zuletzt mit Philipp Petzschner ihr erstes ATP-Turnier in Stuttgart gewonnen. Der nächste Schritt wäre der Titel bei ei­nem 500er-Turnier wie in Halle ...

Pütz: Struffi und ich können auch mit Weltklasse-Spielern mithalten. Wir sind aber nicht so gut, dass wir solche Gegner dominieren. Um ein Turnier wie die Gerry Weber Open zu gewinnen, da muss vieles zusammenpassen.

 

Was muss passieren, damit sie eines Tages zufrieden auf ihre Karriere zurückblicken?

Pütz: Ich bin mit dem, was ich bisher erreicht habe, total zufrieden. Es war ja gar nicht mein Ziel, Tennis-Profi zu werden. Ich war als Kind oder Jugendlicher in keinem Förderkader, nicht einmal in Hessen. Als ich meinen ersten Weltranglisten-Punkt gewonnen habe, war ich glücklich. Dann habe ich meinen ersten Future-Titel geholt und gedacht: Mehr geht nicht, jetzt kannst du aufhören. Egal was noch passiert: Ich weiß, dass ich auch viel Glück hatte, um das zu erreichen, was ich erreicht habe.

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