Sa., 22.06.2019

In Halle kommt TV-Kommentator Matthias Stach aber auch ohne seinen Experten aus – mit Video »Boris sagt, wir sind wie ein altes Ehepaar«

TV-Kommentator Matthias Stach an seinem Arbeitsplatz im Gerry-Weber-Stadion.

TV-Kommentator Matthias Stach an seinem Arbeitsplatz im Gerry-Weber-Stadion. Foto: Oliver Schwabe

Halle (WB). Er ist die deutsche Stimme des weißen Sports: Der Kommentator und Moderator Matthias Stach (56) berichtet für den TV-Sender »Eurosport« auch von den Noventi Open in Halle. Im Gespräch mit den WESTFALEN-BLATT-Redakteuren Dirk Schuster und Hans Peter Tipp sowie Uwe Niemeyer (Westfälische Nachrichten) äußert Stach sich auch über seine »Ehe« mit Boris Becker, Vorbilder für die junge Tennis-Generation und eine besondere Begegnung mit Rafael Nadal.

Vor kurzem die French Open, jetzt das Turnier in Halle: Finden Sie überhaupt noch Zeit, selbst ein bisschen Sport zu treiben, Herr Stach?

Matthias Stach: Ich kicke freitags in einer Altherren-Mannschaft. Bei der SG Asendorf/Ramelsloh, Landkreis Harburg, Ü40-Liga in Niedersachsen. Leider beißt sich das ein bisschen mit unserer Fußball-Bundesliga-Berichterstattung bei Eurosport. Aber es macht echt Spaß. Für Tennis bleibt leider nicht mehr so viel Zeit.

 

Dabei standen Sie im Tennis ja sogar mal kurz vor einer Profilaufbahn.

Stach: Mit 15, 16 ging das bei mir mit Tennis erst so richtig los – erst beim FTC Palmengarten in Frankfurt, dann in Kelkheim, wo ich mit Thomas Muster Doppel in einem Team gespielt habe. Der Übergang in den Beruf war dann quasi nahtlos. Ich habe beim Radio angefangen und wechselte später zum Fernsehen.

 

Auch dank Muster?

Stach: Wenn du in die Szene kommst, und jemand wie er zu anderen über dich sagt: Der hier versteht durchaus etwas von dem, worüber er berichtet, bei dem kannst du ruhig mal einen Moment stehen bleiben, dann ist das natürlich nicht von Nachteil. Später bei Sat1 war ich dann relativ früh eine Art Interview-Schattenmann für Boris Becker. Ich bin ihm mehr oder weniger zu jedem Turnier hin gefolgt.

 

Sie arbeiten jetzt schon so lange mit Becker zusammen. Würden Sie ihr Verhältnis zu ihm als freundschaftlich bezeichnen?

Stach: Von Freundschaft zu sprechen, wäre zu viel. Wir haben ein Vertrauensverhältnis. Und genau darum geht es: um Vertrauen und besonders auch um Respekt. Dazu gehört auch, mal Sachen für sich zu behalten, zu filtern, was man alles mitbekommt. Aber ich würde nie behaupten, Boris ist ein Freund von mir.

 

Wenn Sie für Ihren Sender ein Tennisspiel kommentieren: Wieviel Vorbereitung steckt darin, wieviel ergibt sich spontan?

Stach: Boris und ich sind inzwischen ein eingespieltes Team. Wir verbringen bei Turnieren fast den ganzen Tag zusammen. Und wir kennen uns inzwischen bereits seit 1989. Er sagte mal, wir sind beinahe wie ein altes Ehepaar. Ich bereite mich logischerweise schon ein bisschen auf die Sendungen vor. Wir haben aber festgestellt, dass Boris es am liebsten hat, wenn er vorher gar nicht so viel weiß. Ich finde auch, dass er spontan am besten ist. Und wenn wir uns mal versprechen oder irren – mein Gott, dafür ist es live. Wem passiert das nicht?

Matthias Stach (links) im Gespräch mit den Redakteuren (von links) Uwe Niemeyer, Dirk Schuster und Hans Peter Tipp. Foto: Schwabe

 

Wie muss man sich so eine Vorbereitung bei Ihnen genau vorstellen, zum Beispiel auf ein Match von Roger Federer?

Stach: Manche glauben ja, weil ich so viele Matches gesehen habe und schon so lange dabei bin, müsste ich mich überhaupt nicht mehr vorbereiten. Aber ich finde, genau das Gegenteil ist der Fall. Das macht es umso interessanter für mich, Neues, Überraschendes herauszufiltern. Das ist so ein bisschen mein Credo. Zur Vorbereitung gehört für mich, mal mit Roger persönlich zu reden oder mit seinem Coach – oder auch mal mit dem Physiotherapeuten. Und ich schaue mir viele Trainingseinheiten an. Nicht nur Spieler registrieren sehr genau, wer beim Training zuschaut. Das war schon bei Boris so. Ich mache das intensiv und auch sehr gerne, weil man viel mitbekommt. Bei den French Open zum Beispiel bin ich regelmäßig morgens um 9 Uhr schon draußen bei den Übungsplätzen. Ohne gleich zu jedem ein super Verhältnis zu entwickeln, baut sich da mit der Zeit unheimlich was auf.

 

Sie haben von mehr als 100 Grand Slams berichtet. Sind Sie immer noch »on fire«, wenn Sie zu einem Turnier kommen, speziell zu den etwas kleineren wie diesem in Halle?

Stach: Diese Unterscheidung gab es bei mir noch nie. Wenn Kollegen mich darauf ansprechen, ob eine erwartbar niedrige Quote einen Kommentatoreneinsatz um 11 Uhr morgens rechtfertige, muss ich sagen: Das hat mich noch nie interessiert. Wenn es ein cooles Match ist, dann ist es ein cooles Match. Ich habe schon so oft Fußballspiele kommentiert, vor denen es hieß: Na ja, von der Ansetzung her ist das ja nun wirklich nix Dolles. Und am Ende stand ein 5:4 von Bremen gegen Hoffenheim. Was ich damit auch sagen will: Das Wichtigste in unserem Job ist doch, dass du den Sport, über den du berichtest, einfach liebst. Und das ist zum Beispiel auch etwas, was Boris und mich verbindet.

 

Führen Sie das doch bitte einmal näher aus.

Stach: Bei einer außergewöhnlichen Aktion stehen wir manchmal in der Kommentatorenkabine und geben uns die Faust. Das ist kein Witz. Boris ist ein kompletter Tennisfan. Das macht ihn sehr authentisch. Das möchten Sie nicht miterleben, was da manchmal in der Kabine bei uns los ist (lacht). Er hat Euphorie, Leidenschaft – und er genießt noch immer hohe Akzeptanz.

 

Woran machen Sie das fest?

Stach: Wenn wir in Melbourne bei den Australian Open gemeinsam auf der Anlage unterwegs sind, und es stehen auf einmal drei andere Tennisgrößen neben ihm, geht es trotzdem nur um Becker. Er hat nach wie vor eine unglaubliche Aura. Bei den French Open ist das manchmal wie im Zoo, da bräuchten wir eigentlich ein »Bitte-nicht-füttern-Schild«. Aber er geht toll damit um. Viele haben sich ja damals auch gefragt: Wie bitteschön soll Becker Novak Djokovic helfen können? Eine Anekdote: Djokovic’ größte Niederlage war die im French Open Finale 2015 gegen Stan Wawrinka. Wenig später geht Wimbledon los. Boris macht einen Trainingspartner klar. Und wer kommt auf den Platz? Wawrinka. Djokovic fragt, ob das ein Irrtum sei. Und Boris sagt: Nein, du trainierst jetzt gegen den, der dir die bitterste Niederlage beigebracht hat. Novak hat dann übrigens Wimbledon gewonnen und unter Boris ganz starkes Tennis gespielt.

 

Sie kommentieren auch Fußball, Schwimmen, Leichtathletik. Brauchen Sie die Abwechslung, um den Blick bewusst mal vom Tennis wegzulenken?

Stach: Ja, absolut. Außerdem habe ich die meisten Sportarten selbst aktiv betrieben und kenne mich eben auch in der Praxis ganz gut aus. Das muss kein Nachteil sein.

 

Gibt es eine Sportart, über die Sie unbedingt einmal berichten möchten?

Stach: Ich habe eine Zeitlang die Spiele der NBA kommentiert und war 1994 auch bei den Finals New York gegen Houston Rockets. Das war ein fantastisches Erlebnis. Basketball ist ein toller Fernsehsport. Ansonsten bin ich auch dank der erwähnten Abwechslung sehr zufrieden.

 

Sie kennen nahezu jedes Turnier auf Welt. Welches ist das Schönste?

Stach: Für mich ist Halle genau so ein Highlight wie zum Beispiel die French Open. Ich finde, das ist ein tolles Turnier hier, sehr familiär mit angenehm kurzen Wegen für alle. Die Spieler zeigen Fannähe und das gesamte Szenario hat eine gute Mischung, ausgesprochen familienfreundlich. Wenn der Zuschauer einmal vielleicht zwei schwächere Matches gesehen hat oder miterlebt hat, wie ein Topstar wie Roger Federer zum Beispiel überraschend ausscheidet, dafür abends aber noch ein tolles Konzert hört, dann geht er trotzdem zufrieden nach Hause. Natürlich sind Fernsehquoten für die Vermarktung wichtig. Man darf aber nie den Zuschauer vor Ort vergessen, der 30, 40, 50 Euro oder was auch immer für ein Ticket bezahlt.

 

Wie sehr wird das Turnier leiden, wenn Federer eines Tages nicht mehr hier spielt?

Stach: Es war damals ein Mega-Schachzug der Familie Weber, ihn langfristig zu binden. Roger ist ja nicht nur ein Gesicht, er ist eine Institution. Wenn man ihn zum Beispiel auf dem Weg vom Trainingsplatz zurück zur Anlage beobachtet, schreibt er manchmal ewig lang Autogramme. Auch nach den Matches draußen vor dem Centre Court. Im Prinzip ist Roger der große Baustein des Turniers. Die Aussage von Alexander Zverev, sich eine Art Nachfolger-Rolle bezüglich eines lebenslangen Vertrags vorstellen zu können, fand ich sehr interessant. Ich glaube, auch wenn Roger irgendwann nicht mehr spielt, wird dieses Turnier mit seiner hohen Zuschauerakzeptanz weiterbestehen. Es ist jetzt schon längst eine Weltmarke im Tennis, weil die Leute wissen: Hier wird nicht nur Tennis geboten, es gibt auch einen hübschen Beipackzettel. Und die Spieler wissen die Vorzüge ohnehin zu schätzen. Wo gibt es das sonst, dass man in fünf Minuten vom Hotel auf den Platz spazieren kann?

 

Sie betonen, wie wichtig es ist, sich regelmäßig das Training anzusehen. Dann können Sie sicher beantworten, ob Rafael Nadal nach einer Übungseinheit eigentlich immer noch selbst den Platz abzieht?

Stach: Rafa ist einer, der nach dem Training zum Beispiel auch die Flaschen wegräumt. Bei allem Ehrgeiz und aller Verbissenheit auf dem Platz, ist Rafa ein höchst sensibler, höflicher, respektvoller Mensch. Über Federer müssen wir gar nicht reden. Der Japanerin Naomi Osaka sah ich zuletzt in Stuttgart morgens beim Training zu. Ein Helfer kam und wollte den Platz abziehen. Sie gab ihm zu verstehen: Nein danke, das mache ich schon selbst. Solche Spieler sind gute Vorbilder.

 

Gibt es zu wenige davon?

Stach: Ein paar jüngeren Profis täte es ganz gut, wenn sie bei anderen ruhig mal ein bisschen genauer hinschauen würden.

 

Stichwort Respekt: Der Umgang der Profis untereinander und auch gegenüber den Medien wirkt im Vergleich zu anderen Sportarten dennoch respektvoll. Hatten Sie jemals richtig Stress mit einem Spieler?

Stach: Andy Roddick war immer ein bisschen schwierig. Ich weiß nicht, ob es ihn überhaupt interessierte, wo Europa liegt – aber ich hoffe, es hat ihm jemand gesagt. Mit dem ganz jungen Rafa hatte ich vor vielen Jahren mal ein bemerkenswertes Erlebnis bei den US Open. Ich hatte ihn gefragt, ob wir verkabelt und vor laufender Kamera mal ein paar Bälle spielen können. Er stimmte zu und ballerte mir dann später die ersten zehn Schläge wie ein Wahnsinniger um die Ohren. Da war ich, gelinde gesagt, ein bisschen überrascht. Anschließend lief es besser und er zeigte auch einige Fußballtricks mit einem Tennisball. Tage später kam er zu mir und entschuldigte sich, weil er wohl seine noch vorhandene Unsicherheit bezüglich der englischen Sprache auf diese Art überspielen wollte. Er hat es dann sogar gepostet.

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