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Di., 23.07.2019

Literatur- und Musikfestival »Wege durch das Land« erstmals auf dem Ramsbrockhof Radikale Wachstumswende

Die Geschwister Demetrius und Janna Polyzoides begeisterten mit Werken von Grieg und Ysaÿe.

Die Geschwister Demetrius und Janna Polyzoides begeisterten mit Werken von Grieg und Ysaÿe. Foto: Kerstin Panhorst

Von Kerstin Panhorst

Bielefeld (WB). Das rote Höhenvieh muht friedlich draußen im Hintergrund, als die 200 Besucher der Veranstaltung des Literatur- und Musikfests »Wege durch das Land« es sich im alten Gemäuer des Landschaftspflegehofs Ramsbrock gemütlich machen. Doch schon bald verstummen die Kühe, und drinnen geht das Stühlerücken los: Durch das hölzerne Dach tropft es herein, während es zu Donnern beginnt und der Regen immer lauter wird.

Passender hätte die Kulisse kau m sein können für einen Abend, in dem es um den Klimanotstand und dessen Zusammenhang mit der Notwendigkeit eines neuen Wirtschaftssystems geht.

Zum Auftakt stellte nämlich Philip Blom sein Buch »Was auf dem Spiel steht« vor. Darin zeichnet der Historiker eine düstere Zukunft, die durch den Klimawandel bereits apokalyptische Ausmaße annehme, aber möglicherweise noch knapp vor der Dystopie-Werdung verhindert werden könne. Dazu sei allerdings ein Ende des ökonomischen Wachstums nötig. »Das Wirtschaftswachstum ist jetzt unsere existenziellste Bedrohung. Dabei spielen zwei Faktoren eine Rolle: der Ressourcenverbrauch und der Hyperkonsum«, sagt Philip Blom.

Debatte über Zukunftsprognosen

Es genüge aber nicht, effektiver oder nachhaltiger zu werden und Kleinigkeiten zu verändern: Das gesamte Modell müsse geändert und die Geschichte neu geschrieben werden. Dazu müsse der Mensch lernen, dass er nur ein Organismus von vielen auf diesem Planeten sei und keinesfalls die Krone der Schöpfung. Er müsse damit aufhören, Identität über Konsum schaffen zu wollen. »Wir brauchen ein Wirtschaftssystem, das effektiv agieren kann, ohne immer wachsen zu müssen«, sagt der Historiker, der anschaulich anhand von Parallelen zum 17. Jahrhundert den fatalen Umgang der Menschen mit Veränderungen aufzeigte.

Im Anschluss diskutierte der Autor seine Zukunftsprognosen gemeinsam mit dem Nachhaltigkeitsökonomen Marius Rommel, auf der Suche Möglichkeiten, diese Visionen nicht real werden zu lassen. Die ebenfalls zur Podiumsdiskussion angekündigte Energiereferentin Eva Stegen musste leider krankheitsbedingt absagen. Dafür riefen sowohl Blom als auch Rommel zu einer radikalen Wachstumswende auf. »Wir müssen zurück zu genug, und dafür müssen wir außerhalb der bisherigen Konventionen denken und utopische Visionen entwickeln«, sagt Rommel. Er ist Mitbegründer des Instituts für zukunftsfähige Ökonomen und Mitglied im Netzwerk Wachstumswende.

»Seit den 70er Jahren ist der Konsum explosiv gestiegen«

Seine Postwachstumsökonomie sieht eine Rückkehr zum regionalen Lebenskontext und eine Reduzierung der Ansprüche vor. Dabei will der Nachhaltigkeitsökonom kein Verzichtsprediger sein, sondern den Menschen Hoffnung machen: »Seit den 70er Jahren ist der Konsum explosiv gestiegen, aber die Zufriedenheit der Menschen nicht. Stattdessen gibt es Depressionen und Burn Outs. Es wird Zeit, sich von Ballast zu befreien«.

Den musikalischen Teil gestaltete das Duo Demetrius (Violine) und Janna Polyzoides (Flügel) zum Schutz der Instrumente unter einem regensicheren Pavillon. Die Geschwister spielten das »Au rouet« op. 13 sowie das Andante aus dem »Opus Posthumous« von Eugène Ysaÿe und zwei Violinsonaten von Edvard Grieg im Gedenken an ihren vor zwei Wochen verstorbenen Vater, den Geiger Christos Polyzoides, in perfekter Harmonie und beeindruckender Expressivität und Stärke.

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