So., 18.11.2018

WESTFALEN-BLATT-Spendenaktion zugunsten mehrfach behinderter Kinder »Alle sind Geschöpfe Gottes«

Cassandra kam als Frühchen zur Welt und ist schwer behindert. »Sie lebt seit neun Jahren bei uns«, sagt Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke.

Cassandra kam als Frühchen zur Welt und ist schwer behindert. »Sie lebt seit neun Jahren bei uns«, sagt Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke. Foto: Oliver Schwabe

Bad Oeynhausen(WB). In diesem Jahr kommt der Erlös der WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion behinderten jungen Menschen zugute, die auf dem Wittekindshof in Bad Oeynhausen leben. Mit dem theologischen Leiter der diakonischen Stiftung, Pfarrer Prof. Dr. Dierk Starnitzke, sprach Christian Althoff.

Können Sie bitte kurz umreißen, was der Wittekindshof macht?

Dierk Starnitzke: Vor 131 Jahren wurde unsere Stiftung gegründet, um geistig behinderte Menschen in Sachen Gesundheit, Schule, Bildung, Arbeit und Freizeit zu unterstützen. Aber wir sind natürlich auch ein religiöser Begleiter. Dabei verfolgen wir seit 15 Jahren zunehmend das Ziel, die Menschen in ihrem sozialen Umfeld zu betreuen. Nicht sie sollen zu uns kommen, sondern wir kommen zu ihnen. Deshalb sind wir inzwischen an mehr als 100 Standorten vertreten, vor allem in Westfalen.

Wie vielen Menschen hilft der Wittekindshof?

Starnitzke: Mehr als 5000, darunter 1500 Kinder und Jugendliche. Knapp ein Drittel lebt in Wittekindshofer Wohnhäusern und Wohngemeinschaften und benötigt rund um die Uhr Betreuung. Die anderen haben eine eigene Wohnung und werden stundenweise unterstützt oder nutzen einzelne Angebote wie die Frühförderung, die Autismusambulanz oder das Medizinische Zentrum. Sie besuchen einen Kindergarten, eine Schule, das Berufsbildungswerk oder arbeiten in der Werkstatt. Unser Ziel ist es, möglichst vielen Behinderten möglichst viel Selbständigkeit zu ermöglichen.  Es gibt auch Menschen, die ihr gesamtes Leben auf dem Wittekindshof verbringen. So ist kürzlich unsere älteste Bewohnerin mit 106 Jahren gestorben. Aber wenn es irgendwie möglich ist, sollen die Menschen irgendwann ein Leben führen, in dem sie uns nur noch wenig oder gar nicht mehr brauchen. Bis heute haben wir 700 Menschen ein Leben in ihren eigenen vier Wänden ermöglicht.

Die Spenden unserer Leser sollen ja vor allem Kindern zugute kommen. Wie alt sind denn die Jüngsten?

Starnitzke: Es kommt vor, dass wir wenige Wochen alte Babys bei uns aufnehmen, die einen so komplexen Pflege- und Förderbedarf haben, dass dem zu Hause nicht entsprochen werden kann. In manchen Fällen bringen uns auch Jugendämter Kinder. Aber auch intakte Familien kommen manchmal nach Jahren an ihre Grenzen. Für sie ist es natürlich schwer, uns ihr Kind anzuvertrauen, aber die Erfahrung zeigt, dass diese Lösung oft für Eltern und Kinder die richtige ist.

Seit einem Jahr kümmern Sie sich auch um traumatisierte geistig behinderte Kinder. Was hat es damit auf sich?

Starnitzke: Wir haben im Laufe der Jahre mit Schrecken erfahren müssen, dass manche geistig behinderten Kinder körperlich schwer misshandelt oder auch sexuell missbraucht wurden, bevor sie zu uns kamen. Damit sie mit ihren Traumata leben können, brauchen sie noch einmal eine ganz andere Betreuung. Wir sind sehr dankbar, dass uns Zuwendungen der Gütersloher Walter-Blüchert-Stiftung den Aufbau dieses Versorgungsangebots ermöglicht haben.

Wie finanziert der Wittekindshof seine Arbeit?

Starnitzke: Das meiste Geld kommt von öffentlichen Trägern wie dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, den Kranken- und den Pflegekassen. Wir sind froh, dass wir in Nordrhein-Westfalen sitzen, denn hier ist die Versorgung Behinderter besser als zum Beispiel in Niedersachsen. Aber: Es gibt auch Dinge, die für die Behinderten sehr wichtig sind, für die aber kein Träger zahlt. Deshalb sind wir eben auch auf Spenden angewiesen.

Können Sie Beispiele nennen?

Starnitzke: Bei uns lebt zum Beispiel ein Junge mit dem Angelman-Syndrom, der hyperaktiv ist. Würde der in einem normalen Bett liegen, müsste er nachts mit Gurten fixiert und mit Medikamenten ruhiggestellt werden, damit er sich nicht verletzt. Spenden haben uns aber ermöglicht, ein spezielles Bett anzuschaffen, aus dem er nicht herauskommt und in dem er sich sehr wohl fühlt.   Auch die Reittherapie tut manchen Kindern sehr gut, aber auch dafür fehlt uns immer wieder das Geld. Die Jugendlichen würden auch gerne mal in eine Disco oder zu einem Fußballspiel, aber auch das gibt es nicht umsonst. Unsere Ärzte könnten auch gut eine Wärmebildkamera gebrauchen, um Entzündungen zu entdecken, denn die Kinder können sich ja nicht äußern. Es gibt eben viele Dinge, die nur mit Spenden ermöglicht werden können.

Wenn ich Ihnen zehn Euro spende – wie viel davon kommt bei den Kindern an?

 Starnitzke: Zehn Euro – garantiert!

Wie dicht sind Sie als theologischer Vorstand an den Kindern und ihren Schicksalen dran?

Starnitzke: Ich wohne ja seit zwölf Jahren auf dem Wittekindshof, so dass ich viel mitbekomme. Ich erlebe immer wieder Behinderungen, die ich nicht für möglich gehalten hätte. Besonders bewegt hat mich die Entwicklung eines Jungen. Er hatte plötzlich einen Herz-Kreislauf-Stillstand und wurde reanimiert. Auf der Intensivstation waren nur noch minimale Hirntätigkeiten wie im Wachkoma messbar. Unser Ethikkonzil hat mit den Eltern und den Ärzten beraten, und alle waren der Meinung, dass es keine Besserung mehr gibt und wir ihn palliativ behandeln sollten, damit er keine Schmerzen mehr hat. Doch der Junge hat sich aufgerappelt. Er wohnt wieder in seiner Gruppe, und seine Hirntätigkeit hat messbar zugenommen.

Welche Rolle spielt für Sie und Ihre Mitarbeiter das christliche Menschenbild?

Starnitzke: Es ist zentral. Wir sehen alle Menschen als Geschöpfe Gottes, und was wir hier tun folgt dem Gebot der Nächstenliebe.

Was wünschen Sie sich von unseren Lesern – abgesehen von Spenden?

Starnitzke: Dass sie Menschen mit Behinderungen als ganz normale Menschen sehen und offen auf sie zugehen. Wir versuchen das zu fördern, indem wir zum Beispiel in Gronau, Ahaus und Bad Oeynhausen zusammen mit einer Elterninitiative insgesamt sechs Kindergärten betreiben, die behinderten Kindern und anderen offenstehen.

 Lesen Sie mehr zur Spendenaktion hier.

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Wittekindshof

DE 96 3506 0190 2108 3790 25

Zweck: Weihnachtsspende

Oder spenden Sie online:

www.wittekindshof.de/Spenden

Die Spendernamen werden nicht veröffentlicht. Für eine Spendenbescheinigung notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Unter 0521/585-254 erreichen Sie das WESTFALEN-BLATT. Der Wittekindshofer Spendenservice ist unter 05734/61-1132 (oder spenden@wittekindshof.de )für Sie da.

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