Mi., 21.11.2018

Melanie kam mit vier Jahren auf den Wittekindshof – Heute ist sie 28 »Zu Hause wäre das nicht gegangen«

Zweimal pro Woche besuchen Martina John-Münnichow und ihre Schwiegermutter Waltraud Münnichow Melanie.

Zweimal pro Woche besuchen Martina John-Münnichow und ihre Schwiegermutter Waltraud Münnichow Melanie. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen(WB). »Die Trennung tat weh«, sagt Martina John-Münnichow (56). »Und es gab natürlich Menschen, die mir vorwarfen, mein Kind abgeschoben zu haben.«

Melanie ist 28 Jahre alt. Sie liegt bäuchlings auf einem individuell geformten Kunststoffkeil, der ihre stark verkrümmte Wirbelsäule entlastet . Sprechen kann Melanie nicht, aber sie hebt den Kopf und strahlt, als ihre Mutter ihr den Rücken massiert und mit ihr redet.

Jeden Mittwoch und jeden Samstag besucht Martina John-Münnichow ihre Tochter auf dem Wittekindshof – zusammen mit Großmutter Waltraud Münnichow (79). Heute haben die Frauen einen selbstgebackenen Käsekuchen für die Menschen mitgebracht, die sich in der Behinderteneinrichtung Tag und Nacht um Melanie kümmern – seit 24 Jahren.

Nabelschnur hat sich um Hals gelegt

Spendenaktion

Die Weihnachtsspendenaktion unterstützt in diesem Jahr geistig behinderte Jungen und Mädchen, die vom Wittekindshof Bad Oeynhausen betreut werden.

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Wittekindshof

DE 96 3506 0190 2108 3790 25

Zweck: Weihnachtsspende

Oder spenden Sie online:

www.wittekindshof.de/Spenden

 

»Es war eine ganz normale Schwangerschaft«, erzählt die Mindenerin. Doch auf der Entbindungsstation seien plötzlich die Herztöne schwächer geworden und dann ganz verschwunden. Melanie wurde schließlich mit einem Notkaiserschnitt geholt – allerdings viel zu spät, wie ein Rechtsstreit Jahre später ergeben sollte. Denn die Nabelschnur hatte sich um Melanies Hals gelegt und ihr die Luft genommen. Der lang andauernde Sauerstoffmangel des Gehirns war der Auslöser einer schweren, irreparablen körperlichen und geistigen Behinderung.

»Ohne meine Schwiegermutter wäre ich damals überhaupt nicht klagekommen«, erzählt die 56-Jährige. Als Mitarbeiterin in der Krankenhausküche habe sie um sieben Uhr aus dem Haus gemusst. »Dann übernahm Oma die Kleine, bis ich um 14 Uhr wieder zurück war.«

Mutter: »Unsere Ehe ist daran zerbrochen«

Wie viele mehrfach behinderte Kinder litt auch Melanie unter epileptischen Krämpfen. Sie verlor langsam ihre Fähigkeit zu essen und bekommt heute nur noch Sondennahrung. Sie lernte nie zu krabbeln oder zu stehen, ihr Sehen ist eingeschränkt, und sie muss gewindelt werden. Sie kann sich allenfalls mit Gesten oder wenigen Lauten äußern und sich nicht selbst beschäftigen.

»Unsere Ehe ist an dieser Aufgabe zerbrochen, und irgendwann habe ich einfach nicht mehr gekonnt«, sagt Martina John-Münnichow.

Ihre Tochter war vier, als sie sie dem Wittekindshof anvertraute. Waltraud Münnichow: »Ich habe meiner Schwiegertochter damals große Vorwürfe gemacht und ihr einiges an den Kopf geworfen. Heute weiß ich, dass wir Melanie zu Hause nie so hätten betreuen können, wie es in Bad Oeynhausen geschieht.«

Melanie mag Musik, das Schwimmbad und gutriechende Öle

Weil die junge Frau weder von ihren Bewegungen her noch geistig in der Lage ist, in einer Behindertenwerkstatt zu arbeiten, durfte sie bis zu ihrem 25. Geburtstag die Schule im Wittekindshof besuchen. Musik hören, mit Blättern rascheln, Gymnastik – solche Dinge standen auf dem Stundenplan.

Zur Zeit suchen die Mitarbeiter des Wittekindshofs nach einer Möglichkeit, wie Melanie weiterbeschäftigt werden kann, damit ihr Tagesablauf strukturierter wird. Bis dahin genießt es die 28-Jährige, morgens länger im Bett bleiben zu dürfen. Sie lebt im Kinder- und Jugendbereich zusammen mit acht weiteren Mehrfachbehinderten und hat ein eigenes, sonniges Zimmer. Auf ihrer Kommode liegen CDs, zwei Bürsten und viele bunte Haargummis – Dinge, mit denen die 28-Jährige eigenständig nichts tun kann. Sie liegt entweder im Bett, sitzt im Rollstuhl oder entspannt sich auf ihrem Liegekeil.

Heilerziehungspfleger Nikolas Fels (25) gehört zu dem Team, das sich um Melanie kümmert. »Sie kann sich kaum beschäftigen und freut sich deswegen über alles, was wir mit ihr machen. Melanie ist gerne draußen an der frische Luft. Sie liebt Musik, und sie ist gerne im Schwimmbad.«

Und sie mag es, wenn sie mit gutriechenden Ölen eincremt wird, die ihre Mutter ihr häufig mitbringt.

Hier geht es zu unserer Weihnachtsspendenaktion-Sondernseite mit Informationen für Spender und den bisher erschienenen Artikeln.

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