Mi., 28.11.2018

Wittekindshof Bad Oeynhausen bietet bundesweit einzigartige Betreuung an Hilfe für traumatisierte Kinder

Axel Menningen möchte im Garten Gemüsebeete anlegen, um die sich die traumatisierten Kinder kümmern können.

Axel Menningen möchte im Garten Gemüsebeete anlegen, um die sich die traumatisierten Kinder kümmern können. Foto: Oliver Schwabe

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Geistig behinderte Kinder haben ein deutlich höheres Risiko, misshandelt oder sexuell missbraucht zu werden. Der Wittekindshof in Bad Oeynhausen hat sich als bundesweit erste Einrichtung auf die Betreuung dieser Opfer spezialisiert.

Paul lacht. Er ist neun Jahre alt und sieht mit seinem blonden Lockenkopf aus wie ein x-beliebiges Kind aus der Nachbarschaft. Doch sein Zimmer auf dem Wittekindshof lässt erahnen, dass Paul kein normales Kind ist. In dem großzügigen, hellen Raum stehen ein Schrank und ein Bett. Es gibt keinen Stuhl, kein Bild, keine Gardinen. Der Schrank ist mit der Wand verschraubt, und das Bett hat einen doppelten Boden, in dem Betonplatten liegen, damit es an seinem Platz bleibt. »Wenn Paul sich an traumatische Erlebnisse aus seiner frühen Kindheit erinnert, rastet er aus und entwickelt unglaubliche Kräfte. Dann zerstört er, was er zerstören kann«, sagt Axel Menningen. Der Diakon und Traumapädagoge leitet das vor einem Jahr eingerichtete Haus, in dem 14 traumatisierte Kinder und Jugendliche rund um die Uhr betreut werden.

Manche wurden schon als Kleinkinder verprügelt

Weihnachtsspendenaktion

Die Weihnachtsspendenaktion unterstützt in diesem Jahr geistig behinderte Jungen und Mädchen, die vom Wittekindshof Bad Oeynhausen betreut werden. Wenn Sie helfen möchten, nutzen Sie bitte das unten aufgeführte Konto.

Die Mädchen und Jungen, die unterschiedliche geistige Behinderungen haben und zu einem Großteil nicht lesen und schreiben können, haben auf verschiedene Weisen gelitten. Manche sind schon als Kleinkinder verprügelt worden, wie Paul. Andere haben als Babys kaum etwas zu essen bekommen und mussten in ihren Exkrementen liegen, weil sich niemand um sie kümmerte. Wieder andere wurden sexuell missbraucht. »Die Täter fühlen sich relativ sicher. Wer glaubt einem geistig Behinderten?«, fragt Axel Menningen.

Ein Gegenstand genügt, um sich an das Erlebte zu erinnern

Es sei nicht immer einfach, bei Kindern mit hochkomplexen geistigen Erkrankungen zu erkennen, dass sie auch noch ein Trauma hätten, sagt der Experte. »Viele haben deshalb eine Odyssee hinter sich, bevor ihnen endlich geholfen wird.« Die meisten der traumatisierten Mädchen und Jungen, die auf dem Wittekindshof lebten, seien vorher in zwei, drei Pflegefamilien und Heimen gewesen. »Bevor Paul zu uns kam, wohnte er in einer anderen Einrichtung, die sogar eine Sicherheitskraft eingestellt hatte, um ihn nachts bewachen zu lassen.«

Die Gewalt dieser Kinder sei nicht eine zerstörerische, sondern eine Strategie, um das Grauen auszuhalten, mit denen diese Kinder in ihrem Innersten immer wieder konfrontiert würden, erklärt Axel Menningen. »Wenn alte Menschen eine Feuerwehrsirene hören, kann das traumatisierende Erinnerungen an die Bombennächte im Zweiten Weltkrieg auslösen. Ähnlich ist es bei unseren Kindern. Ein bestimmter Gegenstand, ein Wort, ein Geruch oder ein Geräusch können genügen, um die Kinder an das Erlebte und an den Täter zu erinnern.«

»Du musst mich noch schlagen«

Manche hätten jeden Tag mehrere solcher Flashbacks, bei anderen passiere das nur alle paar Monate, sagt der Traumapädagoge. Die Kinder seien dann zunehmend angespannter, rissen die Augen auf, bekämen Schweißausbrüche und entlüden ihre Not und Verzweiflung auch in Gewaltausbrüchen. »Die sind ihnen anschließend sogar unangenehm, denn die Kinder wollen eigentlich nicht zerstörerisch sein. In beruhigten Situationen sind es Kinder, die Freude und Spaß haben, lernen und die Welt entdecken.« Ein Junge lenke seine Kraft jetzt um und schiebe einen manuellen Rasenmäher oft stundenlang kreuz und quer über das Grundstück.

Wie tief das Erlebte in den jungen Menschen verwurzelt ist, erfuhr der Diakon nach einer Weihnachtsfeier auf bedrückende Weise. »Wir hatten nach der Bescherung ein tolles Essen. Es war ein harmonischer Abend. Dann kam ein Junge zu mir und sagte: ›Du musst mich noch schlagen‹.«

Das Grundstück ist von einem Zaun umgeben

Diese Kinder seien misstrauisch, wenn das Leben schön sei, weil sie lange Zeit eine andere Erfahrung gemacht hätten, erklärt der Diakon. Ziel des Wittekindshofes ist es deshalb, den Kindern und Jugendlichen das Gefühl der Sicherheit zu vermitteln und ihnen einen geschützten Raum zu geben. Das Grundstück, auf dem sie leben, ist zum Beispiel von einem Zaun umgeben. Die jungen Bewohner sollen sicher sein, dass niemand Böses hier hereinkommt. Außerdem versuchen die Mitarbeiter durch einfühlsamen und liebevollen Umgang positive Bindungen zu erreichen und den Tagesablauf zu strukturieren. »Erst wenn die Kinder Sicherheit, Vorhersehbarkeit, Verlässlichkeit und belastbare Beziehungen erleben, kann sich ihre permanente Alarmbereitschaft entspannen«, sagt Axel Menningen. »Dass diese Kinder ihre traumatischen Erfahrungen ganz vergessen, wird nicht gelingen, aber wir wollen ihnen helfen, mit ihrer Wut weniger zerstörerisch umzugehen.«

Weitere Informationen

Um zu spenden, nutzen Sie bitte folgendes Konto:

Wittekindshof

DE 96 3506 0190 2108 3790 25

Zweck: Weihnachtsspende

Oder spenden Sie online: www.wittekindshof.de/Spenden

Hier geht es zur Themenseite unserer Weihnachtsspendenaktion.

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