Sa., 21.12.2019

Noah lag die ersten sieben Monate seines Lebens in der Herzklinik „Wir leben hier und jetzt”

Noah vor seiner ersten Opertaion in der Kinderherzklinik Bad Oeynhausen.

Noah vor seiner ersten Opertaion in der Kinderherzklinik Bad Oeynhausen. Foto: Noszyk

Von Christian Althoff

Bad Oeynhausen (WB). Monatelang wachte Meike Noszyk (30) von morgens bis abends am Bett ihres herzkranken Sohnes Noah. „Ich hatte vom vielen Sitzen Wasseransammlungen in den Beinen und habe reichlich Gewicht verloren, weil ich fast nie zum Essen gegangen bin. Denn ich habe jedes Mal gedacht: Vielleicht sitzt du gerade das letzte Mal an Noahs Bett.“

Jedes 100. Baby kommt in Deutschland mit einem angeborenen Herzfehler zur Welt. Es ist die häufigste Organfehlbildung von Neugeborenen, doch die Chancen dieser Kinder haben sich enorm verbessert. Starb in den frühen 80-ern noch jedes fünfte herzkranke Kind, erreichen heute 94 Prozent das Erwachsenenalter – dank erfahrener Kinderherzchirurgen und neuer Medikamente und Geräte.

Altenpflegerin Meike Noszyk aus Dorsten war im fünften Monat schwanger, als der Herzfehler ihres Babys entdeckt wurde. „Damals hieß es noch, er sei mittelschwer, und wir hätten irgendwann ein gesundes Kind.“ Doch die Fehlbildung war schwerer als angenommen.

Noah kam stumm, blau und klein auf die Welt

Wie von den Ärzten empfohlen, fuhren Meike Noszyk und ihr Mann Florian Siek (35) im Februar 2017 zur Entbindung ins Krankenhaus nach Bad Oeynhausen, um in der Nähe des NRW-Herz- und Diabeteszentrums zu sein. „Noah kam stumm, blau und klein auf die Welt. Sie haben ihn sofort in die Kinderherzklinik gebracht“, erzählt die Mutter. Dort sahen die Ärzte, dass der Junge nur die rechte Herzkammer hatte und die vom Herzen abgehenden Gefäße vertauscht waren – ein bekannter, sehr komplexer Herzfehler, der im Laufe der Jugend mindestens drei schwere Operationen notwendig macht. „Noah wog nur 2000 Gramm und sollte vor der ersten Operation erstmal zu Kräften kommen“, sagt Meike Noszyk.

Doch der Junge hielt keine vier Wochen durch: „Noah musste reanimiert werden und wurde anschließend notoperiert. Danach ging es ihm sehr schlecht, und er hat immer mehr abgebaut. Wir haben mit dem Schlimmsten gerechnet. Es stand sogar mal zur Debatte, dass Noah ein Spenderherz bekommen sollte.“

Die Mutter verbrachte so viel Zeit wie möglich mit dem Baby. „Ich habe versucht, den Schwestern Arbeit abzunehmen. Ich habe Noah gewickelt und ihn durch seine Magensonde gefüttert. Als Altenpflegerin kann ich das ja.“ Sie habe im Werrepark bei Thalia stapelweise Kinderbücher gekauft. „Die habe ich Noah alle vorgelesen. Was sollte ich sonst tun?“

Zweite OP sechs Monate nach der Geburt

Damals wohnte Meike Noscyk im McDonalds-Elternhaus, das etwa zehn Gehminuten von der Kinderherzklinik entfernt ist. „Ich bin da mit Angst eingezogen“, sagt die Altenpflegerin. „Du hast ein schwerkrankes Kind und sollst in ein Haus mit vielen fremden Menschen ziehen – das war schon komisch.“ Sie sei morgens aus dem Haus gegangen und habe sich abends in ihr Zimmer verkrochen – bis zu jenem Abend, als sie in der Waschküche des Elternhauses weinend eine Ladung Wäsche in die Maschine gepackt habe. „Da war eine andere Mutter, die schon ein Jahr im Elternhaus lebte, und hat mich getröstet. Durch sie habe ich Anschluss im Haus gefunden und erfahren, wie toll so eine WG von Eltern ist, die alle ein ähnliches Schicksal haben.“

Fast sechs Monate nach seiner Geburt wurde Noah zum zweiten Mal operiert, und diesmal ging es mit ihm anschließend bergauf. „Er war auf einmal ein ganz aktives Kind!“

Im September 2017 durften die Eltern ihren Sohn endlich mit nach Dorsten nehmen. „Man hat erstmal Angst, dass man etwas falsch macht oder dass etwas passiert. Denn in der Kinderherzklinik war Noah ja an einem Monitor und wurde Tag und Nacht überwacht.“

Weniger Ausdauer als Gleichaltrige

Doch diese Sorgen sind längst vergangen. Noah wird im Februar drei Jahre, und die Eltern versuchen, mit ihm ein möglichst normales Leben zu führen. „Wir denken nicht weit nach vorne, sondern leben hier und jetzt.“ Jeden Morgen vorm Kindergarten misst Meike Noszyk nach einem kurzen Pieks in den Finger die Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Danach muss Noah seine Medikamente nehmen. „Er hat natürlich nicht die Ausdauer wie gleichaltrige Jungen, aber er ist schon genauso frech“, sagt die Mutter und lacht.

Im Moment hat Noah eine leichte Bronchitis, der nächste Kon­trolltermin im Herzzentrum steht im Januar an. „Dann werden wir auf jeden Fall auch das Elternhaus besuchen“, sagt Meike Noszyk. „Ich werde die Zeit dort nie vergessen. Wenn du ein so krankes Kind hast, traust du dich ja nicht, auch mal Freude zu zeigen oder über etwas zu lachen, weil du Angst hast, dass das falsch ankommt. Das war im Elternhaus ganz anders. Da musste ich mich nicht erklären. Da konnte ich einfach Meike sein.“

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