Weihnachtsspendenaktion des WESTFALEN-BLATTES
„Romantik reicht nicht“

Troisdorf -

Die Weihnachtsspendenaktion des WESTFALEN-BLATTES unterstützt diesmal die „Grünhelme“, die 2003 von Christel und Rupert Neudeck gegründet wurden. Zusammen mit der örtlichen Bevölkerung bauen die Helfer um Tischler Simon Bethlehem (34) aus Gütersloh in Afrika und Asien Schulen und Sanitätsstationen und leisten Nothilfe nach Katastrophen.

Samstag, 14.11.2020, 04:58 Uhr aktualisiert: 15.11.2020, 09:35 Uhr
Im Flüchtlingslager Arsal im Libanon, in dem viele Menschen ihre Behelfsunterkünfte selber bauen müssen, bringt Simon Bethlehem diesen syrischen Frauen und Mädchen bei, wie man Holzlatten verzapft.
Im Flüchtlingslager Arsal im Libanon, in dem viele Menschen ihre Behelfsunterkünfte selber bauen müssen, bringt Simon Bethlehem diesen syrischen Frauen und Mädchen bei, wie man Holzlatten verzapft. Foto: Grünhelme

„Cap Anamur – Hamburg“ steht in schwarzen Buchstaben auf dem orangen Rettungsring, der an der Wohnzimmerwand lehnt. „Der ist noch von damals“, sagt Christel Neudeck (77).

Damals – das ist mehr als 40 Jahre her. 1979 gründeten die Sozialpädagogin und ihr Mann Rupert (1939-2016) die Hilfsorganisation Cap Anamur – Deutsche Notärzte und später den Verein Grünhelme. 14 Jahre lang war das Wohnzimmer in ihrem Reihenhaus am Stadtrand von Troisdorf das Vereinsbüro, in dem die Fäden zusammenliefen. „Das war hier nicht immer so ordentlich wie heute“, sagt die 77-Jährige und lacht. „Die Kinder haben ihre Buden gebaut, und ich habe am Schreibtisch gearbeitet.“

Christel Schänzer und ihr späterer Mann Rupert Neudeck hatten sich 1969 an der Uni Münster kennengelernt. Als Rupert Neudeck in den 70er Jahren als Reporter für den Deutschlandfunk nach Paris reiste, um den Philosophen Jean-Paul Sartre zu interviewen, traf er dort auch den Philosophen An­dré Glucksmann. „Der war gerade aus Malaysia zurückgekehrt und ergriffen von der Not gestrandeter Vietnam-Flüchtlinge.“

Christel Neudeck (77) aus Troisdorf bei Köln hielt bis zum Beginn der Corona-Pandemie Vorträge, unter anderem in Schulen, um für die Grünhelme und Cap Anamur zu werben.

Christel Neudeck (77) aus Troisdorf bei Köln hielt bis zum Beginn der Corona-Pandemie Vorträge, unter anderem in Schulen, um für die Grünhelme und Cap Anamur zu werben. Foto: Christian Althoff

Nach 20 Jahren war der Vietnam-Krieg 1975 mit dem Sieg des kommunistischen Nordens zu Ende gegangen. Hunderttausende Südvietnamesen flohen aus Angst vor Verfolgung, Folter und Umerziehungslagern über das südchinesische Meer. Viele ertranken, weil ihre Boote nicht für die offene See gebaut waren.

„Die Franzosen wollten ein Schiff zur Rettung der Schiffbrüchigen chartern, aber sie hatten kein Geld“, erzählt Christel Neudeck. Da habe ihr Mann zugestimmt, in Deutschland Spenden zu sammeln. „Noch auf der Rückfahrt von Paris schrieb Rupert im Zug einen Brief an Heinrich Böll, den er mal interviewt hatte, und Böll rief zwei Tage später an und sagte seine Hilfe zu.“

Die Unterstützung des Literaturnobelpreisträgers, der zu den Linken gezählt worden sei, sei sehr wichtig gewesen, sagt Christel Neudeck. „Denn für die Linken in Deutschland waren Menschen, die vor Kommunisten flohen, ein Problem. Das waren für sie ja die falschen Flüchtlinge.“ Niemand habe damals ihren Mann gekannt. Aber mit Heinrich Böll sei es gelungen, die Not der Boat-People in die Zeitungen und ins Fernsehen zu bringen. „Böll sagte damals: Und wenn es ein Bordellbesitzer aus Vietnam ist, der zu ertrinken droht, dann frage ich nicht, ob er es wert ist gerettet zu werden, sondern ich rette ihn.“

Spendenkonto

Die WESTFALEN-BLATT-Weihnachtsspendenaktion unterstützt diesmal die Arbeit der Grünhelme um den Gütersloher Simon Bethlehem. Bitte nutzen Sie das Konto: Grünhelme e.V., Deutsche Bank, IBAN DE 92 7007 0024 0200 0008 00, Stichwort „Leserspende“. Für eine Spendenquittung notieren Sie bitte Ihre Adresse auf dem Überweisungsträger. Haben Sie Fragen zur Spendenaktion? Wir helfen Ihnen unter 0521 / 58 52 54.

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Erste Spenden gingen bei den Neudecks ein, die dafür einen gemeinnützigen Verein gegründet hatten. Sie leiteten das Geld nach Frankreich weiter – bis Rupert Neudeck in der Sendung „Report“ von Franz Alt zu den Boot-Flüchtlingen interviewt wurde und Zuschauer innerhalb weniger Tage 1,3 Millionen Mark spendeten. Neudeck charterte in Hamburg den Frachter „Cap Anamur“ und baute ihn zu einem Lazarettschiff um. Eine Mannschaft zu finden war nicht schwer: In den Monaten zuvor hatten sich genug Ärzte, Krankenschwestern, Techniker und Menschen mit nautischer Erfahrung in Troisdorf gemeldet. „Mit ihrer Hilfe konnten wir in den folgenden Jahren ungefähr 11.300 Männer, Frauen und Kinder aus der See retten“, sagt Christel Neudeck.

In den 80ern entstand dieses Foto von Christel und Rupert Neudeck, deren Wohnzimmer 14 Jahre lang die Zentrale der Hilfsorganisation war.

In den 80ern entstand dieses Foto von Christel und Rupert Neudeck, deren Wohnzimmer 14 Jahre lang die Zentrale der Hilfsorganisation war. Foto: Jürgen Escher

Vor allem Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht habe sie damals sehr unterstützt, indem er immer wieder Aufnahmeplätze geschaffen habe. „Der Staat musste sich nicht lange um diese Flüchtlinge kümmern. Vietnamesen sind sehr fleißig, und es widerstrebt ihnen, Sozialhilfe anzunehmen.“ Als Rupert Neudeck 2016 starb, kamen Vietnamesen zu hunderten mit Bussen nach Köln, um in der katholischen Kirche St. Aposteln Abschied von ihrem Retter zu nehmen.

Die spendenfinanzierte Hilfsorganisation Cap Anamur arbeitet bis heute, aber nicht mehr auf See. In Afghanistan betreuen Ärzte ein Krankenhaus und eine Dialysestation und bilden Pfleger aus, in Bangladesch versorgen sie die Ärmsten, im Libanon behandeln sie syrische Flüchtlinge, und in Somalia bauen die Helfer Wasserspeicher.

Doch der Verein Cap Anamur sollte nicht das einzige Lebenswerk der Neudecks bleiben. „Vor 17 Jahren, als ich 60 wurde, wollte ich endlich ein normales Leben führen“, sagt Christel Neudeck. „Ich wollte auch mal tagsüber einen Roman lesen können oder mal in Urlaub fahren.“ Zu ihrer Überraschung habe ihr Mann gesagt, dann höre er auch auf, und beide hätten die Vereinsarbeit in andere Hände gelegt. „Wir wollten für ein halbes Jahr in der Pariser Wohnung einer Freundin leben, aber nach einer Woche waren wir zurück in Troisdorf. Alle haben gelacht, aber wir waren einfach noch nicht so weit, nichts zu tun. Wir waren viel zu nervös, um uns irgendetwas im Louvre anzusehen.“

Damals, 2003, hätten sie wie viele Menschen noch unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 gestanden, sagt die 77-Jährige. „Rupert meinte, Konferenzen und Gespräche gebe es schon genug. Man müsse etwas Konkretes tun, um Christen und Muslime zusammenzubringen. Und dann haben wir im April 2003 hier im Wohnzimmer den Verein Grünhelme gegründet – angelehnt an das von Kennedy initiierte Friedenscorps, das mit Freiwilligen im Ausland hilft.“

Die Grünhelme sind eine gemeinnützige Hilfsorganisation, die vor allem in Afrika und Asien Schulen, Ausbildungswerkstätten und Sanitätsstationen baut und nach Katastrophen Aufbauhilfe leistet wie jüngst nach der Explosion in Beirut. So wie Christel Neudeck vor Jahrzehnten von ihrem Wohnzimmer aus die Geschicke von Cap Anamur gelenkt hat, ist es heute ihre Tochter Yvonne (48), die von ihrer Wohnung in Bonn aus die Buchhaltung und andere administrative Arbeiten für die Grünhelme erledigt.

Bei den Grünhelmen stellen sich Fachkräfte wie Zimmerleute, Bauingenieure, Maurer, Elektriker und Architekten aus Deutschland für mindestens drei Monate ehrenamtlich in den Dienst des Vereins. Projektkoordinator Simon Bethlehem aus Gütersloh, Tischler mit einem Uni-Abschluss in Politik und Volkswirtschaft und einem Master in Friedens- und Konfliktforschung, ist einer der wenigen festen Mitarbeiter der Grünhelme. Er wählt aus den vielen Bewerbern für einen Auslandseinsatz die passenden Frauen und Männer aus, um mit ihnen in die Zielländer zu fahren. „Wir suchen keine Träumer. Jeder muss psychisch und physisch den Herausforderungen standhalten“, sagt der 34-Jährige.

1979 charterte Rupert Neudeck in Hamburg die „Cap Anamur“. Die Mannschaft rettete 11.300 Vietnamesen, die vor dem Kommunismus flohen.

1979 charterte Rupert Neudeck in Hamburg die „Cap Anamur“. Die Mannschaft rettete 11.300 Vietnamesen, die vor dem Kommunismus flohen. Foto: Quelle: Archiv Neudeck

„Man muss das können, was die Menschen vor Ort nicht können. Sonst ist man da überflüssig“, sagt Christel Neudeck und erzählt von ihrer Studentenzeit: „Ich hatte die Vorstellung, nach Afrika zu gehen, um dort zu helfen. Eine Entwicklungshelferin fragte mich, was ich da wolle, und ich sagte: Kinder füttern und so etwas. Da sagte sie: Hände zum Kinderfüttern haben die genug.“ Dieses Gespräch habe sie nie vergessen. „Romantik reicht nicht, um zu helfen.“

Bevor die Grünhelme irgendwo eine Schule oder eine Sanitätsstation bauen, sondiert Simon Bethlehem die Lage. „Projekte von Hilfsorganisationen, die nach ein paar Jahren verfallen, gibt es schon genug“, sagt er. Die Grünhelme würden nur dorthin gehen, wo die Menschen selbst den Wunsch etwa nach einer Schule hätten. „Die bauen wir dann zusammen mit Leuten aus der lokalen Bevölkerung. Da sind dann über Monate Christen und Muslime zusammen auf der Baustelle, und das spielt einfach keine Rolle – und doch hilft es, einander besser zu verstehen“, sagt der Gütersloher.

Die Arbeit der Grünhelme ist seit langem anerkannt. Zum Kuratorium des Vereins gehören der frühere Innenminister Gerhart Baum, der Schriftsteller Navid Kermani, der in Südvietnam geborene Philipp Rösler (FDP), der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, Wolfgang Thierse von der SPD und bis zu seinem Tod der Journalist Peter Scholl-Latour.

Trotz dieses politischen Netzwerkes besteht der Verein darauf, unabhängig zu bleiben. Christel Neudeck: „Das Auswärtige Amt hat mich mal gefragt, ob wir denn kein Geld haben wollen.“ Aber sie habe finanzielle staatliche Unterstützung abgelehnt. „Die Grünhelme wollen Menschen in Not helfen, und darauf sollen Politik, Nationalität und Religion keinen Einfluss nehmen können. Zum Glück bestärken uns viele treue Spender seit Jahren auf diesem Weg.“

Podcast

Auf YouTube finden Sie den Podcast „Romantik reicht nicht“, in dem Christel Neudeck (77) eine Stunde lang aus ihrem bewegten Leben erzählt und beschreibt, wie Richard von Weizsäcker, Marion Gräfin Dönhoff und Ernst Albrecht die Helfer in der Not unterstützt haben.

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