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Di., 26.01.2016

Der SC Paderborn wirft Nick Proschwitz raus – Agentur-Mitarbeiterin meldet sich zu Wort Finke hält an Trainer Effenberg fest

Wilfried Finke gab am Montag eine Pressekonferenz.

Wilfried Finke gab am Montag eine Pressekonferenz. Foto: Besim Mazhiqi

Von Elmar Neumann, Peter Klute und Jens Brinkmeier

Paderborn (WB). Er sah müde aus, er sah geschafft aus. Wilfried Finke musste am Montag einmal kräftig durchpusten, als er am Abend vor den Medienvertretern das Wort ergriff. Als er es dann tat, sprach der langjährige Präsident des SC Paderborn zunächst von zwei »dunkleren Tagen« in seiner Amtszeit. Zwei Tage mit Folgen: An der Suspendierung von Nick Proschwitz führte wie erwartet kein Weg vorbei.

»Ich verurteile das. Ich verabscheue das. Und das ist der Grund, warum er das Trikot unseres Vereins nicht mehr überstreifen wird«, sagte Finke über den 29-Jährigen. Der hatte sich am Sonntagmorgen gegen 0.30 Uhr am letzten Tag des SCP-Trainingslagers im Luxushotel »Regnum Carya«  vor einer Mitarbeiterin der Agentur Match IQ entblößt .

Über das Wie wollte der Boss gar nicht mehr viel wissen, die Tatsache an sich fand er unwürdig genug: »Mir ist völlig egal, wie tief die Hose hing. Als Spieler des SCP und Gast in einem muslimisch geprägten Land ist für solche Eskapaden einfach kein Platz.«

Entscheidung bis 15 Uhr

Der ehemalige Torschützenkönig der 2. Liga (2011/2012) hat nun einen Vorschlag des Vereins vorliegen, den er bis Dienstag um 15 Uhr annehmen kann. »Wenn er das nicht macht, nehmen die Dinge ihren juristischen Gang«, sagte Finke und betonte, dass es in dieser Causa nicht nur um den Vertrag gehe: »Da reden wir möglicherweise auch von Rufschädigung oder darüber, dass Sponsoren mit unserem Handeln nicht einverstanden sind und die Leistung kürzen wollen. Das kann noch ein Riesen-Paket werden.«

Am Proschwitz-Rauswurf hatte es schon am Sonntagabend kaum Zweifel gegeben, im Laufe des frühen Montags und vor dem für 11 Uhr anberaumten Krisengipfel in Finkes Büro jedoch hatte der Präsident mit Zitaten wie »Es kann sein, dass kein Stein mehr auf dem anderen bleibt« dafür gesorgt, dass auch eine Entlassung Stefan Effenbergs und/oder Michael Borns plötzlich eine Option zu sein schien.

Fünf Kamerateams, eine Vielzahl Fotografen und weiterer Journalisten sorgten rund um das Möbelhaus für einen Belagerungszustand von Seltenheitswert. Doch von einer Entscheidung dieser Tragweite hatte Finke nach der viereinhalbstündigen Mammutsitzung, an der neben der sportlichen Führung und (zeitweise) Nick Prosch­witz auch das gesamte Präsidium sowie Stefan Effenbergs Mentor Michael Meier teilnahmen, wieder Abstand genommen.

Schützende Hand über Born und Effenberg

Ihm seien in den stundenlangen Telefonaten, die er am Sonntag und Montag geführt habe, viele Versäumnisse zugetragen worden, die sich Born und Effenberg angeblich im Trainingslager geleistet hätten, doch davon sei nach dem fast fünfstündigen Verhör nichts Bedenkliches mehr übrig geblieben: »Wir haben versucht, das Geschehen in den zehn Tagen Trainingslager minutiös zurückzuverfolgen, aber die Fragen, die sicher nicht alle ganz angenehm waren, sind lückenlos beantwortet worden. Es gibt weder arbeitsrechtlich noch arbeitstechnisch etwas zu bemängeln.«

Der 64-Jährige hielt seine schützende Hand über den Trainer und den Manager, weil auch der Teamabend von Mittwoch auf Donnerstag keinesfalls so eskaliert sein soll wie angenommen.

Letztlich seien lediglich drei Vasen im Wert von insgesamt 103 Euro zerstört worden. Der betreffende Spieler habe den Schaden bereits beglichen und zudem eine nicht unerhebliche Geldstrafe vom Verein verhängt bekommen. Abgesehen von zwei, drei Spielern, einer sei nach einer verlorenen Wette in den Pool gesprungen, habe sich der Großteil des Zweitliga-Teams aber »erstklassig« benommen. Das bewiesen die Aufnahmen der Überwachungskameras und das werde das Hotel in Kürze auch noch mit einer offiziellen Stellungnahme untermauern.

Da Born und Effenberg die betreffenden Akteure anschließend in die Mangel genommen und für den Wiederholungsfall mit Konsequenzen gedroht hätten, sei ihnen auch hier kein Vorwurf zu machen.

Der Präsident zeigte sich bemüht, die Wogen zu glätten, räumte allerdings auch ein, dass er an der aktuellen Entwicklung des Abstiegskandidaten keinerlei Gefallen finden könne: »Die verunsichert mich, die beunruhigt mich. Das ist für mich nicht die Vorstellung von einem gut funktionierenden Verein.« Und mit Blick auf die Außenwirkung müsse er feststellen, dass die nicht sonderlich gut sei und ihn sehr traurig stimme.

Es gibt Augenzeugen

Die Frau, vor der der Paderborner Fußballprofi Nick Proschwitz im »Regnum Carya Golf & Spa Resort« für gut 20 Sekunden mit heruntergelassener Hose stand, hat sich nach einem Bericht der Deutschen Presse-Agentur (dpa) nicht sexuell belästigt gefühlt. »Sexuell belästigt worden bin ich zu keinem Zeitpunkt«, sagte Charlotte S. gegenüber der Agentur. »Davon, dass ein Paderborner Spieler eintrat, in zwei Metern Abstand an seiner Hose zog und sofort wieder ging, nahmen wir kaum Notiz«, wird die Mitarbeiterin der Firma Match IQ weiter zitiert. Sie habe mit anderen Spielern und dem Paderborner Zeugwart in der Hotel-Lobby gesessen.

Vier Augenzeugen, darunter zwei Redakteure dieser Zeitung, können dagegen einen anderen Ablauf des Vorgangs bezeugen: Proschwitz, der bereits zuvor grölend durch das Hotel gegangen war, stand in der Sportsbar (nicht in der Lobby) vor der sitzenden Charlotte S., als seine Trainingshose ihren angestammten Platz verließ. Weitere SCP- Profis sowie der Zeugwart waren ebenfalls zugegen. Mindestens 20 Sekunden lang stand Proschwitz unten herum nackt da, sein Hintern war von den vier Zeugen lange Zeit sehr gut zu sehen. Ein Mitspieler forderte den Stürmer gestenreich auf, sich die Hose wieder hochzuziehen. Als das Beinkleid oben war, verließ Proschwitz die Sportsbar.

Diese Zeitung hat in ihrer Berichterstattung über die Vorgänge am Montag dabei den Begriff der sexuellen Belästigung übrigens nicht verwendet, sondern dargestellt, dass Proschwitz entblößt war.

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