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Mo., 03.10.2016

20 Gegentore, sechs Niederlagen: Paderborns Absturz geht weiter Müller bleibt Trainer

Die Gesichter sagen alles: Paderborns Trainerduo René Müller und Markus Feldhoff.

Die Gesichter sagen alles: Paderborns Trainerduo René Müller und Markus Feldhoff. Foto: Besim Mazhiqi

Von Matthias Reichstein

Paderborn (WB). Am Ende des Spieltages waren die Antworten von Trainer René Müller knapper als das Ergebnis 90 Minuten zuvor. Reden musste auch niemand mehr, die Fakten sprachen für sich: Mit dem zweiten 0:3 innerhalb von sechs Tagen setzte der SC Paderborn seinen Absturz fort. Personelle Konsequenzen zog der Verein aber noch nicht.

Die Fakten lesen sich nach zehn Spieltagen in Liga drei so: sechs Niederlagen, 20 Gegentore und Platz 16. Auf die Frage nach seiner persönlichen Bilanz reagierte Müller am Freitag barsch: »Die ist so, wie die Tabelle aussieht.« Auf die Nachfrage, was sich schleunigst ändern müsse, gab es noch diese Antwort: »Mehr punkten.«

Bislang wurden bereits 30 Zähler verteilt, der SCP buchte nur ein Dutzend. Auch deshalb war René Müller am Freitag und Samstag das Thema einer Besprechung im Präsidium und mit Teilen des Aufsichtsrates. SCP-Boss Hornberger fasste das Ergebnis so zusammen: »Wir haben über die sportliche Situation sachlich, offen und intensiv diskutiert. René Müller bleibt unser Trainer und wird gegen Großaspach auf der Bank sitzen.«

»Wir brauchen keinen anderen Trainer«

Die Paderborner Profis positionierten sich noch am Spieltag deutlich. »Wir brauchen keinen anderen Trainer, weil wir genau den richtigen haben.« Das sagte Strohdiek, Bertels fügte hinzu: »Die Frage stellt sich nicht. Oder hat irgendeiner heute gesehen, dass wir gegen den Trainer gespielt haben?« Das sicher nicht. Für ihn aber auch nicht.

Entsprechend blass, dünnhäutig und tief enttäuscht wirkte Müller. Die Entwicklung der Mannschaft, die bislang keine ist, trifft ihn hart. Denn wer den Ex-Profi kennt, der weiß, dass er ein fleißiger und akribischer Arbeiter ist. Sportlich kommt da (zu) wenig zurück. Fußball ist bekanntermaßen ein Ergebnissport und die Resultate stimmen nicht. Auch, weil es der SCP noch nicht einmal geschafft hat, ohne Gegentor zu bleiben. Dennoch blieb die löchrige Viererkette nahezu unangetastet.

Am Freitag war die Mannschaft zumindest eine Stunde lang nah dran, die Null zu halten. Erst Nachwuchsmann Jonas Brammen, der den verletzten Lukas Kruse ersetzen musste, leitete mit einem Fehler das 0:1 ein. Einen Vorwurf von den Kollegen gab es nicht. Das spricht für das Team.

Müller muss sich aber zumindest diese Frage stellen: Warum setzte er einen zuletzt verletzten Brammen ohne Spielpraxis überhaupt auf die Bank? Denn nach dem 0:1 verlor Paderborn jegliche Kontrolle und am Ende verdient das Spiel. »Im Moment müssen die Gegner nur auf unsere Fehler warten. Das hat Rostock mit Bravour gemacht«, sagte Hornberger.

Einfallslosigkeit im Offensivspiel

Was sich die Mannschaft vorwerfen lassen muss, ist die Einfallslosigkeit im Offensivspiel. Marc-Andre Kruska in Durchgang eins und Zlatko Dedic im zweiten Abschnitt hatten die beiden Paderborner Großchancen. Das war’s. Müller beorderte später mit Tim Mannek noch eine Nachwuchshoffnung in den Angriff, hatte damit aber keinen Erfolg. 

Der aus Wolfsburg geholte Regionalliga-Torjäger Dino Medjedovic war dagegen erneut gar nicht im Kader. »Der Trainer wird seine Gründe haben. Aber auch hier müssen wir genau analysieren, ob alle Potenziale, die wir im Kader haben, auch ausgenutzt werden«, meinte Hornberger. Der Coach wird sich also erklären müssen. rené Müller bleibt daher zunächst ein Trainer auf Bewährung. Verlassen muss er sich nun weiter ausgerechnet auf diejenigen, die ihn in den vergangenen Monaten oft genug im Stich gelassen haben: auf seine Spieler.

Prekär ist die Lage, weil es der SCP besonders in der eigenen Arena nicht schafft, Zähler zu holen. das 0:3 war die dritte Heimpleite im fünften Spiel, ligaübergreifend hat Paderborn seit dem Aufstieg 2014 von 39 Heimspielen nur acht gewonnen. Wenn man bei den Spielern nach den Ursachen fragt, sagt Linksverteidiger Thomas Bertels ehrlich: »Ich habe keine Ahnung.« Sein Abwehrkollege Christian Strohdiek bringt es so auf den Punkt: »Wir brauchen nicht noch mehr Zeit, wir brauchen endlich Ergebnisse.«

Kommentare

Ohne Kredit kein Erfolg

Während anderswo schon beim Wegbrechen von zwei Schlüsselspielern von "Umbruch" die Rede ist, muss Müller hier eine nahezu komplett zusammengestellte Mannschaft formen. Das dauert Zeit. Und aus dem Grund braucht ein Trainer so wie alle Verantwortungsträger Kredit.

Die Verantwortungsträger tragen - wie der Name schon sagt - die Verantwortung ganz alleine. Von außen schlau daher reden kann dagegen jeder. Nur Müller und seine Co-Trainer kennen die Mannschaft und die tägliche Arbeit genau. Sie brauchen aber den Kredit, der ihnen die nötige Autorität verleiht.

Diese jährlich wiederkehrenden Hetzjagden auf Funktionäre, Trainer oder gar einzelne Spieler haben zur Abwärtsentwicklung mehr als beigetragen.

Mein Ansatz in Trainerfragen ist daher völlig anders als bei den meisten. Ich favorisieren das Prinzip von Freiburg oder auch Bremen zu Zeiten von Rehhagel oder Schaaf. Das hat dort zu maximalem Erfolg geführt und zugleich schädliche Abfindungen erspart.

Das Gegenbeispiel ist der HSV, der nicht verwunderlich überhaupt keine Linie oder gar Philosophie und schließlich Erfolg hat!

Man muss diesen Ansatz nicht teilen, aber ich glaube, er ist nachvollziehbar. Bei mir als Präsident würde ein Trainer nie zur Debatte stehen. Kontinuität über Jahre bringt schließlich Erfolg. Wechsel dagegen geben keine Garantie. Man weiß nie, ob es besser oder schlechter wird.

Kommunikation?

Das ist ja fast schon beispiellos, wie es in Paderborn bergab geht. Müller arbeitet sicherlich akribisch, aber es scheint an der Übermittlung an seine Mannschaft zu hapern. Oder sind da immer noch "faule Äpfel" von der Einstellung her im Team, de gerade mal soviel Aufwand betreiben, daß sie nicht negativ auffallen - wohl aber das Gesamtergebnis in Kauf nehmen? Dann bist Du als Verein chancenlos.

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