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Di., 30.04.2019

Paderborns Scouting besteht aus drei Säulen – Mirko Vogt ist der Chef Gesucht wird der X-Faktor

Torschütze Bernard Tekpetey: Der Ex-Schalker, von Mirko Vogt entdeckt, traf in dieser Saison schon zehnmal.

Torschütze Bernard Tekpetey: Der Ex-Schalker, von Mirko Vogt entdeckt, traf in dieser Saison schon zehnmal. Foto: Oliver Schwabe

Von Matthias Reichstein

Paderborn (WB). Paderborns Marsch durch die Liga mit relativ bescheidenen Mitteln und vielen Spielern ohne besondere Zweitligaerfahrung sorgt bundesweit für Schlagzeilen. Dahinter steckt auch ein auf drei Säulen aufgebautes Scoutingsystem.

Chef der Scouts ist mit Mirko Vogt ein Ex-Profi, der von 1994 bis 1998 auch schon für den SC Paderborn spielte . Der 47-Jährige ist fast täglich für den SCP unterwegs, schaut dabei aber nicht nur nach Talenten, sondern nimmt in Abstimmung mit dem Trainerteam eine Gegneranalyse vor. »Wir sind jetzt brutal gut aufgestellt. Mirko ist unser Auge. Er arbeitet unglaublich akribisch, liefert tolle Arbeit und hat großen Anteil an den vielen guten Transfers der vergangenen Monate«, lobt Manager Markus Krösche.

Auf Empfehlung von Vogt kam zum Beispiel Bernard Tekpetey . Der 21-Jährige, der vergangene Woche zum ersten Mal Vater wurde, wechselte im Juli vom Erstligisten Schalke 04 und unterschrieb einen Dreijahresvertrag. Dem Transfer ging eine intensive Beobachtung voraus. Dabei ist das »Lifescouting« und damit die Beobachtung des Spielers vor Ort nur ein Baustein. »Das ist wichtig, aber ich halte davon gar nicht soviel«, sagt Krösche. Auf der Suche nach dem von Krösche so genannten X-Faktor, also dem Merkmal, das einen Spieler so besonders für den SC Paderborn macht, verlässt er sich immer mehr auf das Daten- und Videoscouting.

Alle Beobachtungen werden in einer Software gespeichert

Seitdem Vogt wieder für den SCP unterwegs ist, werden alle Beobachtungen auf der cloudbasierten Software »SAP Sport one« gespeichert. Jeder der sechs Talentsucher, die für den SCP unterwegs sind, muss dort zum Beispiel stichhaltige Begründungen hinterlegen, warum der Spieler A für den SCP interessant ist. Das Videoanalysesystem Hartl komplettiert die Datenanalyse. Drei Studenten der Uni Ruhr werden von heute an spezielle Filme über einzelne Spieler aus beispielsweise zehn unterschiedlichen Partien und unter speziellen Gesichtspunkten zusammenschneiden. Hier werden sportliche Themen wie Torabschluss, Kopfballspiel oder Zweikampfverhalten analysiert. Krösche sind aber noch andere Dinge wichtig: Wie agiert der Kandidat bei Minus 10 Grad, wie bei plus 10 Grad? Wie gegen einen großen oder gegen einen kleinen Gegenspieler? Wie verhält er sich bei einem guten Gegner, wie bei einer schlechten Mannschaft?

Ist er sich mit dem Trainerteam dann bei der Analyse noch immer nicht ganz sicher, werden im so genannten Lifescouting vor Ort weitere »weiche Faktoren« abgegriffen: »Beim Warmmachen vor dem Spiel kann man oft gut beobachten, wie fokussiert der Spieler ist.« Nach Anpfiff möchte Krösche dann sehen, wie sich der Kandidat nach eigenem Ballverlust oder beim Fehler der Mitspieler verhält. »Manche Jungs brauchen nach solchen Situationen erst wieder fünf Minuten, bis sie wieder im Spiel sind. Das geht bei unserem System natürlich nicht.«

Die Glücksgriffe Pröger und Tekpetey

Wobei der SCP nicht nur auf individuelle Qualität schaut. Ein Spieler, der 40 Tore in der Regionalliga erzielt, aber davon 35-mal den Ball nur über die Linie drückt, liefert für Krösche noch nicht den Beleg für besondere Fähigkeiten. Der 38-Jährige muss mit seinem Team vielmehr eine gewisse Fantasie entwickeln, wie potenzielle Neuzugänge das Spiel des SC Paderborn verbessern können.

Das kann gut gehen, wie im Fall Kai Pröger. Der Außenstürmer kam in Winter vom Viertligisten RW Essen und hat sich innerhalb weniger Wochen einen Stammplatz erkämpft. Oder Tekpetey: Sollten sich die Königsblauen von ihrer Rückholoption Gebrauch machen, wären 1,5 Millionen Europ Ablöse fällig. Bei aller Sorgfalt klappt aber auch nichts alles. Ein Gegenbeispiel ist Tobias Schwede. Einer von Magdeburgs Aufstiegsgaranten im Jahr 2018 zündete beim SCP bislang noch gar nicht.

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unterschiedliche Faktoren

Es ist doch immer die Frage, was man zur Ergänzung des Kaders an Fähigkeiten braucht. Eine Gruppe - das belegt die Evolution - und das damit einhergehende Sozialverhalten beginnt bei der speziellen Aufgabe, die ein Mitglied einer Gruppe hat. Hat jeder seine Stärken und Aufgaben, kann sich niemand hinter anderen verstecken.

Nun muss man eben sehen, ob ein Spezialist für Standards fehlt, für Spielaufbau oder für die Verteidigung. So werden auf einmal Faktoren wie Größe oder Schnelligkeit interessant.

Je nach Position, die gesucht wird, können präzise Flankenwechsel (z. B. Außenverteidiger) gefragt sein oder eben technische Stärken.

Wichtig bei den "weichen" Faktoren sind aber ganz andere Punkte, die den Rahmen geben müssen:
- Ist der Spieler ablösefrei?
- Passt das Gehalt ins Gefüge?
- Sind die Voraussetzungen zur Weiterentwicklung/Wertsteigerung vorhanden (Alter, Wille, Durchsetztungsfähigkeit, Robustheit etc.)?
- Passt der Spieler in die Mannschaft (Ein-/Unterordnung)?
- Ist der Spieler deutschsprachig (Verständigung)?
- Wie groß ist derSpieler?
- Wie schnell ist der Spieler?
- Wie gut ist der Spieler taktisch ausgebildet?
- Wie ist das persönliche Umfeld des Spielers (Familie)?
- Ist ein Spieler variabel einsetzbar?
etc.

Einen passenden Spieler zu finden hat also wenig mit rein sportlichen Fähigkeiten zu tun, bei denen platte Statisitiken herangezogen werden (Tore, Vorlagen, Einsatzminuten oder gar "Noten"). Es passt nämlich nicht in jede Mannschaft ein "Star" oder ein "fertiger" Spieler.

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