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Do., 09.05.2019

Trainer André Breitenreiter gelang schon 2014 die Sensation »Paderborns Aufstieg wäre gerecht«

Bierdusche von und für André Breitenreiter: Am 11. Mai 2014 stieg der heute 45-Jährige mit dem SC Paderborn in die 1. Liga auf.

Bierdusche von und für André Breitenreiter: Am 11. Mai 2014 stieg der heute 45-Jährige mit dem SC Paderborn in die 1. Liga auf. Foto: Stefan Hörttrich

Paderborn (WB). Vor fünf Jahren war es eine Sensation – Paderborns Aufstieg in die 1. Fußball-Bundesliga katapultierte Verein und Stadt bundesweit in die Schlagzeilen. Trainer des SCP war damals André Breitenreiter (45). Im Gespräch mit Matthias Reichstein blickt der ehemalige HSV-Profi zurück, zieht Vergleiche und spricht über seine eigenen Fehler.

Herr Breitenreiter, Sie haben selbst drei Jahre beim HSV gespielt und den SC Paderborn trainiert. Wem drücken Sie am Sonntag die Daumen?

Breitenreiter: SCP oder HSV – da gibt es keinen, dem ich es mehr gönne. Der Bessere soll es schaffen. Die Liga vermittelt im Moment den Eindruck, dass bis auf Köln gar keiner hoch will. Dabei war es noch nie so leicht. Noch nie haben so wenige Punkte gereicht, um direkt aufzusteigen.

 

Der SCP könnte theoretisch am letzten Spieltag auch ohne weiteren Sieg aufsteigen.

Breitenreiter: (lacht) Das wird bestimmt nicht reichen. Aber mal im Ernst: Der SC Paderborn spielt den mit Abstand attraktivsten Fußball. Aus rein sportlicher Sicht wäre es deshalb gerecht, wenn das Team meines Kollegen Steffen Baumgart aufsteigt.

 

2014 lief es zunächst hoppelig

Wie war es denn 2014? Der Start war sehr holprig.

Breitenreiter: Ergebnistechnisch war es hoppelig. Wir gaben viele Spiele noch in den letzten Minuten aus der Hand und flogen dann auch noch beim Regionalligisten 1. FC Saarbrücken aus dem DFB-Pokal. Allerdings hatte ich damals eine Mannschaft übernommen, die eine Saison zuvor fast abgestiegen wäre. Da braucht es dann auch manchmal ein bisschen länger, bis man eine neue Spielidee übertragen kann.

 

Dann drehte sich alles mit dem 2:1-Sieg beim FC St. Pauli.

Breitenreiter: Wir wussten schon vorher, dass wir auf dem richtigen Weg sind, nur die Ergebnisse passten nicht. Mit dem Sieg in Hamburg kehrte auch innerhalb der Mannschaft der Glaube an die eigene Stärke zurück.

 

Am Ende stand dann der Aufstieg.

Breitenreiter: In meiner ersten Ansprache zu Beginn der Wintervorbereitung habe ich meinen Jungs gesagt, dass wir mindestens Dritter werden und am Ende aufsteigen. Danach hat mich das komplette Team nur mit ganz großen Augen angeschaut. Als wir dann aber die Dinge wie Teamgeist und Zusammenhalt besprochen haben, die für so einen Erfolg unbedingt notwendig sind, wurde die Skepsis weniger. Ich war damals vom Erfolg überzeugt, weil wir mit unserem Spielstil besser waren als alle anderen – ausgenommen der 1. FC Köln.

 

Seine Spieler dachten, »der Alte hat einen Knall«

Mal abgesehen von den großen Augen – wie hat die Mannschaft auf Ihre Ansage denn verbal reagiert?

Breitenreiter: Ich habe Jahre später mit »Bohne« (Daniel Brückner, Anmerk. d. Red.) darüber gesprochen. Seine Aussage war ziemlich deutlich. Die haben gedacht, der Alte hat einen Knall.

 

Die Mannschaft sammelte in der Rückrunde 39 Punkte.

Breitenreiter: Das war eine brutale Serie. Je näher der letzte Spieltag rückte, desto weniger wurden die Zweifel. Meine Jungs gingen mit der Überzeugung aus der Kabine, dass sie siegen werden. Wenn eine Mannschaft diesen Glauben an sich hat und auch noch die Qualität gut ist, dann ist sie kaum zu bremsen. Genau das könnte sich gerade wiederholen.

 

HSV unter Druck, aber mit Chance

Öffentlich haben Sie aber nie vom Aufstieg gesprochen.

Breitenreiter: Intern setzt man sich fast immer andere Ziele. Wenn wir damals vom Aufstieg geredet hätten, wären am Ende als SC Paderborn Fünfter geworden, wäre das auch ein großer Erfolg gewesen. Der wäre aber völlig anders wahrgenommen worden.

 

Der Glaube an ein zweites Wunder scheint beide Teams zu verbinden.

Breitenreiter: Das ist so. Ich bin zwar weit weg, aber die Stimmung im Team wird ähnlich sein. Die Parallelen sind ohnehin unglaublich. Wie 2014 steigt der 1. FC Köln als Erster auf, auch wir haben damals in Köln gewonnen und in der Rückrunde eine tolle Serie gespielt. Auch die Fans sind voller Euphorie und machen auswärts die Blöcke voll.

 

Wobei der SCP 2014 sehr viel erfahrener war. Auch das Tempo war anders.

Breitenreiter: Letztendlich muss man als Trainer mit dem Team arbeiten, das einem zur Verfügung steht. Die aktuelle Mannschaft ist deutlich jünger, außerdem ist die Geschwindigkeit heute das entscheidende Kriterium. Deshalb hat Markus Krösche auch Tempo verpflichtet.

 

Sie haben für den HSV gespielt und als Trainer Ihren ersten Bundesligasieg dort gefeiert. Wie nehmen Sie die Hamburger aktuell wahr?

Breitenreiter: Der Druck ist da. Aber trotzdem kann diese Mannschaft mit zwei Siegen noch mindestens Dritter werden. Diese Chance werden sie versuchen zu greifen. Der Unterschied zwischen großen und kleinen Klubs ist die individuelle Qualität. Einzelne Spieler können jederzeit die Begegnungen entscheiden und deshalb ist das Spiel in Paderborn für mich total offen. Der HSV hat erfahrene Profis, die schon auf ganz anderem Niveau unterwegs waren und genau wissen, worum es am Sonntag geht.

 

Präsident Finke versuchte Breitenreiter zu beruhigen

Sie haben nach dem Aufstieg mit dem SCP noch eine grandiose Bundesliga-Hinrunde gespielt und mit 19 Punkten als Tabellenzehnter überwintert. Was haben Sie persönlich danach falsch gemacht?

Breitenreiter: Ich hätte in der Winterpause noch vehementer Verstärkungen fordern müssen. Eine Blutauffrischung und damit ein schärferer Konkurrenzkampf im Kader wäre dringend nötig gewesen. Damals kamen die Berater mit immer neuen Angeboten, die Jungs waren nicht mehr so fokussiert, haben sich mehr mit Gladbach, Schalke oder Leverkusen beschäftigt und wurden bequemer. Ich habe meinen Spielern damals gesagt, dass nur ganz wenige weiter Bundesliga spielen, wenn wir absteigen. Aber ohne Konkurrenzdruck wirkte das nicht.

 

Spielte Ihre Mannschaft am Limit?

Breitenreiter: Präsident Wilfried Finke versuchte mich zu beruhigen. Ich hätte doch den 360-Grad-Blick, brutale Antennen, ich würde frühzeitig alle Strömungen erkennen und mir würde schon nichts entgehen. Ich hätte doch bis jetzt jeden Spieler besser gemacht und so weiter. Aber wir waren an der Grenze. Mehr ging nicht. Deshalb hätten wir neue Leute und damit mehr Qualität gebraucht. Aber das wollte niemand hören. Das war in Hannover auch nicht anders. Auch da wurde lieber das Geld gespart, auch wenn ein Abstieg viel teurer ist. So gesehen war ich mit meinem Trainerteam auch Gefangener des eigenen Erfolges. Egal ob Havelse, Paderborn, Schalke oder Hannover. Wir hatten schnell Erfolg und überall war die vorherrschende Denke, dass das normal sei.

 

Markus Krösche, Ihr Kapitän in Paderborn, war als neuer Schalker Sportdirektor im Gespräch und scheint nun zu RB Leipzig zu wechseln. Was hätten Sie ihm geraten?

Breitenreiter: Diese Entscheidungen muss Markus ganz alleine treffen. Er ist ein unverbrauchtes Gesicht in der Bundesliga, leistet tolle Arbeit in Paderborn und deshalb stehen ihm auch so viele Türen offen. Ich würde Schalke jederzeit wieder machen. Das ist ein fantastischer Verein mit sehr viel Größe, Wucht – aber auch mit viel interner Politik.

 

Als Trainer gereift, aber auch Fehler gemacht

Ein anderer Schalker ist Alexander Nübel. Den Torhüter haben Sie aus Paderborn mitgenommen.

Breitenreiter: Michael Born, damals der Manager in Paderborn, hatte ja auch immer ein Näschen für Talente. Er hat ihn entdeckt, ich hatte den Mut, ihn mit in den Profikader zu holen. Der Junge hätte auch für Lukas Kruse im Tor spielen können, denn im Training war er schon damals besser. Lukas hat die Spiele ganz ordentlich gemacht und deshalb wollte ich nicht tauschen. Die Qualität von Alex war allerdings unübersehbar und deshalb habe ich ihn auch mitgenommen.

 

Wie offen sind Sie für neue Angebote? Wäre der HSV als Zweitligist eine Option?

Breitenreiter: Ich bin der einzige Trainer, der in den vergangenen fünf Jahren zweimal auf einem Rathausplatz den Bundesliga-Aufstieg gefeiert und außerdem den FC Schalke 04 in die Europa-League geführt hat. Ich bin als Trainer gereift, aber ich habe auch Fehler gemacht. Daraus lerne ich und da habe ich mich weiterentwickelt. Ich warte auf das richtige Angebot, nicht auf das schnellste. Selbst wenn der HSV heute kommen würde, wüsste ich nicht, wie ich reagieren würde. Die Ziele, die Bedingungen, der Kader – diese Dinge sind wichtig. Dann muss ich für mich ein Gefühl entwickeln, was richtig ist. Ich bin ein Überzeugungstäter, bleibe entspannt und weiß eins ganz sicher: Angebote werden kommen.

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